Wissen

Omikron-Subtyp auf dem Vormarsch Droht mit BA.5 eine Sommer-Welle?

288515312.jpg

In Portugal ist sie längst da: die neue Corona-Welle, ausgelöst durch BA.5.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

In Portugal schießen die Infektionszahlen in die Höhe. Der Grund: Die Omikron-Subvariante BA.5 breitet sich rasant aus. Sie gilt als ansteckender als ihre Vorgänger. Was bedeutet das für Deutschland?

Gefühlt ist die Pandemie vorbei. Corona-Maßnahmen scheinen im Alltag der meisten Menschen in Europa fast vergessen. Beschränkungen gibt es so gut wie keine mehr. Dabei ist das Virus noch längst nicht verschwunden, wie sich zuletzt in Portugal zeigt. Dort wird die Hoffnung auf einen normalen Sommer durch einen massiven Anstieg der Corona-Zahlen getrübt. Mehr als 30.000 Infektionen werden derzeit alle 24 Stunden registriert. Hotspot ist vor allem der Großraum Lissabon. Virologen sprechen von einer "Explosion neuer Ansteckungen" und schließen nicht aus, dass es bald täglich 60.000 Fälle geben könnte.

Verantwortlich für den heftigen Corona-Ausbruch in Portugal ist der Subtyp BA.5 der Omikron-Virusvariante. Diese Mutation hat in Portugal den bisher vorherrschenden Subtyp BA.2 verdrängt und ist mittlerweile für 80 Prozent aller neuen Infektionen verantwortlich, erklärt das nationale Gesundheitsministerium. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Subvariante inzwischen in die Liste der "besorgniserregenden Varianten" ("Variants of Concern") aufgenommen, nachdem sie zuerst in Südafrika entdeckt und anschließend in mehreren europäischen Ländern nachgewiesen wurde, darunter auch Deutschland.

Noch ist der Anteil von BA.5 in Deutschland gering. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) lag er nach den jüngsten verfügbaren Daten, einer Stichprobe von vorletzter Woche, bei 2,5 Prozent. "Das könnte in zwei Wochen aber schon anders aussehen", warnte Modellierer Kai Nagel im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Bislang spricht alles dafür, dass es eine weitere Infektionswelle geben wird." Und die könnte dem Experten zufolge schon im Sommer kommen.

BA.5 ist ansteckender als seine Vorgänger

BA.5 ist eine Omikron-Variante mit eigenem Ursprung. Das bedeutet, sie stammt nicht etwa von BA.1, BA.2 oder BA.3 ab, sondern hat den gemeinsamen Omikron-Vorläufer als Ursprung, wie Virologe Christian Drosten auf Twitter erklärte. Die Variante hat zusätzlich zu Omikron eine Mutation an ihrem sogenannten Spikeprotein, was die Virulenz der Variante erhöhen soll. Auch Virologe Christoph Steininger von der Med-Uni Wien bestätigte gegenüber der "Augsburger Allgemeinen": "Die neuen Daten aus Portugal zeigen, dass BA.4 und BA.5 definitiv einen Wachstumsvorteil gegenüber BA.1 und BA.2 haben müssen."

Grund zur Panik gibt es laut den Experten dennoch nicht: BA.5 übertrifft zwar seine Vorgänger in ihren Fähigkeiten, die Immunantwort zu umgehen. Gefährlicher als die hierzulande vorherrschende Omikron-Variante soll der Subtyp aber nicht sein. "BA.5 scheint nicht schwerere Krankheiten zu verursachen als andere Varianten", sagt auch der portugiesische Epidemiologe João Paulo Gomes. Zudem helfe die aufgebaute Bevölkerungsimmunität dabei, das Risiko für Infektionen und schwere Erkrankungen zu verringern.

Durch die immunflüchtige Virusvariante, die aktuell mit Omikron dominiert, ist der Schutz vor Infektionen jedoch nicht mehr so effektiv wie zuvor. In Portugal schnellte die Sieben-Tage-Inzidenz innerhalb von einem Monat auf fast 1800 hoch. Zum Vergleich: Am 19. April lag sie noch bei knapp 325. Entsprechend wächst auch die Zahl der Corona-Toten. Zuletzt waren es 230 in einer Woche - die meisten Opfer sind ältere Menschen. Die Belastung der Krankenhäuser nimmt in Portugal ebenfalls wieder zu. In den Kliniken liegen knapp 2000 Covid-19-Patienten. Die Bettenbelegung mit Corona-Kranken stieg innerhalb einer Woche um 27 Prozent. Allerdings ist die Lage im Gesundheitssystem nicht ansatzweise so kritisch, wie es noch vor einem Jahr der Fall war. Damals waren die Intensivstationen völlig überfüllt.

"Impfen, jetzt erst recht"

Problematisch ist vielmehr, dass immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch Corona-Quarantänemaßnahmen ausfallen - was wichtige Wirtschaftszweige wie etwa Gastronomie, Hotelgewerbe und Textilwirtschaft zunehmend in Schwierigkeiten bringt. Rufe nach der Rückkehr zur Maskenpflicht werden daher immer lauter. Bislang schließt Gesundheitsministerin Marta Temido die Rückkehr von Corona-Restriktionen jedoch aus. Sie setzt auf die Eigenverantwortung der Portugiesen. Und auf eine zweite Auffrischungsimpfung für Senioren.

Aktuell geht das RKI nicht davon aus, dass die Verbreitung der Sublinie BA.5 wieder zu einem starken Anstieg der Fallzahlen in Deutschland führe. Auch Virologe Martin Stürmer ist zuversichtlich: Weil sich in Deutschland bereits viele Menschen mit dem ähnlichen Typ BA.2 infiziert haben, könnten sie vor BA.5 geschützt sein, sagte der Experte ntv. Es könne zwar zu steigenden Zahlen kommen - aber nicht zu einer massiven Beeinträchtigung. In Deutschland liegt die bundesweite Inzidenz derzeit bei 201,7. Die Omikron-Variante BA.2 dominiert hierzulande weiterhin das Infektionsgeschehen. Der Anteil dieses Subtyps lag zuletzt unverändert bei 97,4 Prozent.

Der Ratsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, zeigte sich dennoch alarmiert: "Die BA.5-Variante des Virus wird sich auch bei uns ausbreiten", sagte er der "Rheinischen Post". Viele, auch Geimpfte, würden erkranken. "Gut zu wissen: wer geimpft ist, erkrankt deutlich milder. Sein Risiko zu sterben ist 99 Prozent geringer als bei Ungeimpften", so Montgomery. Er forderte daher eine gute Vorbereitung auf den Herbst und Winter. Und das heißt: "Impfen, jetzt erst recht."

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 31. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen