Diagnose im Alter von 22Bisher jüngster Demenz-Patient Großbritanniens ist tot
Von Jana Zeh
Demenz wird als Krankheit des Alters angesehen. Doch einige Formen der neurodegenerativen Erkrankung können auch junge Menschen treffen. Der bislang jüngste Demenz-Betroffene Großbritanniens stirbt und seine Familie spendet das Gehirn der Demenzforschung.
Andre Yarham ist tot. Der junge Mann war der jüngste Demenz-Patient in Großbritannien. Er starb im Alter von 24 Jahren kurz nach Weihnachten. Seine Familie gibt das erkrankte Gehirn des Mannes für die Wissenschaft frei und ist sich sicher, dass das in Andres Sinn ist. "Andre war nun mal so, wie er war. Wenn er hätte helfen können, hätte er zugesagt", wird die Mutter des Mannes, Samantha Fairbairn, von "Daily Mail" zitiert. Sie hoffe, dass durch die Spende mehr über die "grausamste" aller Krankheiten herausgefunden werden könne.
Doch was war passiert? Andre Yarham war ein gesprächiger junger Mann, der Rugby mochte und bei einem Autohersteller arbeitete. Doch kurz vor seinem 23. Geburtstag bekam Yarham die Diagnose Demenz. Einige Zeit zuvor sei er zunehmend vergesslich geworden, sein Verhalten habe sich geändert und er habe manchmal ein ausdrucksloses Gesicht gehabt, berichtet seine Familie. Fragen beantwortete er immer öfter nur noch mit drei Wörtern. Es folgten mehrere Untersuchungen in verschiedenen Krankenhäusern.
MRT zeigt geschrumpften Frontallappen
Nach einer Magnetresonanztomografie (MRT) blickten die behandelnden Mediziner auf das Bild eines Gehirns, dessen Frontallappen bereits geschrumpft war. Später stellten die Ärzte fest, dass es sich bei Yarham um die sogenannte Frontotemporale Demenz handelt. Diese Form der Demenz betrifft den Frontal- und die Temporallappen im Gehirn. Der Frontallappen, der sich direkt hinter der Stirn befindet, ist vor allem für die Bewegung, die Persönlichkeit, die Planung, die Entscheidungsfindung und die Impulskontrolle zuständig. Die Temporallappen, die über den Ohren liegen, sind für das Hören, das Sprachverständnis, das visuelle Erkennen und die emotionale Verarbeitung verantwortlich. Mit dieser Diagnose war Yarham der jüngste Demenz-Patient in Großbritannien.
Die Beeinträchtigungen dieser Fähigkeiten musste Yarhams Familie miterleben. Der junge Mann wurde schnell zum Pflegefall und benötigte Hilfe beim Essen, Waschen und Anziehen. Seine Mutter gab ihren Job als Busfahrerin auf und widmete sich vollständig der Pflege ihres kranken Jungen. Doch dessen Zustand verschlechterte sich innerhalb kurzer Zeit so sehr, dass er im September 2025 in ein Pflegeheim einziehen musste. Dort verlor er seine Mobilität und seine Sprache. Nachdem er sich eine Infektion zugezogen hatte, hörte Yarham auf zu essen und zu trinken und starb schließlich am 27. Dezember 2025.
Jüngerer Bruder wehrt sich gegen Gentest
Die Frontotemporale Demenz, kurz FTD, hat in vielen Fällen eine genetische Komponente. Ein prominenter Betroffener ist der Schauspieler Bruce Willis. Diese Form der Demenz gehört zu den neurodegenerativen Krankheiten. Sie tritt bei einem von zwanzig Demenz-Betroffenen auf, viele davon sind jünger als 65. Warum dieser Abbauprozess manchmal schon so früh im Leben beginnt, ist bisher nicht geklärt. Die Mutation kann dazu führen, dass die Proteinverarbeitung und die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gestört sind. Statt Proteine abzubauen oder zu recyceln, verklumpen diese in den Zellen des Gehirns, die in ihrer Funktion gestört werden und schließlich absterben. Das Hirngewebe schrumpft dadurch und kurze Zeit darauf brechen ganze Hirnnetzwerke zusammen.
Obwohl ein Gentest Aufschluss darüber bringen kann, ob man eine solche Mutation in sich trägt, hat sich der jüngere Bruder Tyler bisher demonstrativ geweigert, sich testen zu lassen. Bisher gibt es keine wirksame Therapie, um die Krankheit zu heilen oder zu stoppen. Gehirnspenden, wie die von Yarham, kommen selten vor. Sie könnten dazu beitragen, ein besseres Verständnis über die Krankheit zu erlangen, was im besten Fall zur Entwicklung einer wirksamen Therapie führen könnte. "Wenn Andre in Zukunft auch nur einer weiteren Familie helfen kann, ein paar kostbare Jahre mit einem geliebten Menschen zu verbringen, würde mir das unendlich viel bedeuten", sagte Andres Mutter dazu.