Normalerweise sesshafte TiereBuckelwal verlässt Gruppe und schwimmt allein große Strecke

Eine Forschergruppe beobachtet über Jahre hinweg eine Buckelwal-Population im Arabischen Meer. Dabei stellen sie fest, dass ein Tier völlig aus der Reihe schwimmt.
Buckelwal "Timmy" überlebte seinen Ausflug in die Ostsee nicht - seine Artgenossin "Luban" aus dem Arabischen Meer hatte mehr Glück. Tiere ihrer Gruppe verlassen die Heimat vor Oman eigentlich nicht, die Wal-Dame aber zog los bis vor die Küste Goas in Indien. Insgesamt habe sie geschätzt gut 7.000 Kilometer zurückgelegt, berichtet ein Forschungsteam. Die Erleichterung sei groß gewesen, als "Luban" wieder im Golf von Masirah gesichtet wurde.
Luban ist ein arabischer Name für Weihrauch, das Weibchen wurde nach dem weihrauchförmigen Muster auf ihrer Schwanzflosse so benannt. "Lubans" Gruppe von Buckelwalen lebt vor der Küste Omans im Arabischen Meer, einem Randmeer des Indischen Ozeans zwischen der Arabischen Halbinsel und Indien. Nur noch rund 80 Tiere gehören zu dieser als gefährdet eingestuften Population - der einzigen weltweit, die keine weiträumigen saisonalen Wanderungen zwischen Gewässern hoher und niedriger Breiten unternimmt, wie die Wissenschaftler im Fachjournal "Frontiers in Marine Science" erklären.
Langstreckenwanderungen? Nein, danke.
Um die Lebensweise der vom Aussterben bedrohten Gruppe zu verstehen, verfolgten die Forschenden die Bewegungen einzelner Tiere über mehrere Jahre. Eigentlich gehören Buckelwale zu den weitesten Langstreckenwanderern der Erde. Sie reisen jedes Jahr von ihren Nahrungs- in die oft viele Tausend Kilometer entfernten Paarungsgebiete und wieder zurück.
Erst kürzlich hatten Forschende im Fachjournal "Open Science" über die längsten jemals nachgewiesenen Wanderungen von Buckelwalen berichtet. Ein Tier schwamm demnach mindestens 15.100 Kilometer weit. "Das stellt die größte jemals für einen einzelnen Buckelwal gemeldete Distanz zwischen zwei Sichtungsorten dar", hieß es. Bei einem weiteren Tier wurden 14.200 Kilometer Entfernung erfasst. Welche Routen die Wale nahmen, ist unklar, dokumentiert sind lediglich Anfangs- und Endpunkte der Reise - vermutlich sind die Tiere also noch deutlich weiter geschwommen.
"Luban" ist die Ausnahme von der Regel
Die im Mittel gut 50 Tage umspannenden Senderdaten der Wale im Arabischen Meer bestätigten hingegen, dass Tiere dieser Gruppe das Gegenteil von wanderfreudig sind: Sie blieben in "ihrer" Meeresregion und wechselten höchstens einmal zwischen weniger als 400 Kilometer voneinander entfernten Gebieten. Zumindest galt das für 12 der 13 in der Hallaniyat-Bucht und dem Golf von Masirah mit Trackern ausgestatteten Meeresriesen. Ein Wal hingegen zeigte sich abenteuerlustig: "Luban".
Ihre Reise sei die erste dokumentierte Fernwanderung eines Buckelwals dieser Population, hieß es von den Forschenden um den Meeresbiologen Andrew Willson von Future Seas Global SPC, einem Forschungs- und Umweltberatungsunternehmen in Oman. "Luban" schwamm demnach nach Osten durch das Arabische Meer und wurde schließlich vor der Westküste der Touristenhochburg Goa gesichtet.
Motivation für die Walkuh sei wahrscheinlich die Suche nach Nahrung und einem potenziellen Paarungspartner gewesen, nimmt das Team an. So habe sich die Walkuh etwa einen Monat lang in einem Gebiet vor der Südküste Indiens aufgehalten, das für seine Nahrungsfülle bekannt sei. Gänzlich überraschend war die Reise für die Experten nicht: Eigenheiten des Gesangs der Buckelwale hätten bereits darauf hingewiesen, dass es eine Verbindung zwischen den Tieren an der omanischen und der indischen Küste geben könnte.
Die Futtertruhe ist immer voll
Die sesshaften Buckelwale des Arabischen Meeres haben sich den Forschenden zufolge vor etwa 70.000 Jahren von den Populationen der südlichen Hemisphäre abgespalten. Aufgrund des Südwestmonsuns sei der westliche Teil des Arabischen Meeres eine der produktivsten Auftriebszonen weltweit und könne die Walgruppe das ganze Jahr über ernähren. In solchen Zonen steigt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche, was zunächst das Algenwachstum und in der Folge die Vermehrung weiterer Arten entlang der Nahrungskette fördert.
"Wir glauben, dass die Bewegungen der Wale in unserer Studie damit zusammenhängen, dass sie Beute in Küstennähe, wahrscheinlich Sardinen, über den Kontinentalschelf hinweg verfolgen", erklärte Willson. "Tiefere Tauchgänge abseits des Kontinentalschelfs könnten mit der Suche nach anderer Nahrung in tieferen Gewässern, wie beispielsweise Krill, zusammenhängen."
Das Team hofft, dass seine Arbeit dazu beiträgt, die kleine Walpopulation zu schützen. Mithilfe der Daten könne beispielsweise sichergestellt werden, dass die Fischerei die Tiere in ihrem Lebensraum nicht beeinträchtige. Die beteiligte Meeresexpertin Aida Al Jabri zeigte sich optimistisch: "Die Küstenfischer-Gemeinden in Oman verehren und respektieren diese Wale seit vielen Generationen."