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Immunität gegen Omikron Können sich Genesene gleich wieder infizieren?

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Mit dem Omikron-Subtyp BA.2 wächst auch die Sorge vor Reinfektionen.

(Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Die Omikron-Welle ebbt ab, doch die Fallzahlen sind weiterhin hoch. Jeden Tag infizieren sich Zehntausende Menschen. Viele gehen davon aus, dass eine Ansteckung vor einer Reinfektion schützt. Doch stimmt das wirklich?

Der Höhepunkt der Omikron-Welle ist dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge "wahrscheinlich" überstanden. Allmählich sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz wieder. Dennoch steckten sich weiterhin jeden Tag mehr als 200.000 Menschen an. Dank der Impfungen und der weniger gefährlichen Corona-Variante verlaufen die meisten Infektionen mild. Viele Betroffene atmen auf, denn schließlich ist man als Genesener zumindest eine Zeit lang vor dem Virus geschützt - so die Annahme. Doch stimmt das auch?

Während sich im Februar noch ein Ende der Virus-Welle durch Omikron in Deutschland andeutete, treibt seit Wochen der Subtyp BA.2 das Infektionsgeschehen voran. Laut neusten Daten des RKI ist er inzwischen für rund 81 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich (Vorwoche: rund 73 Prozent). Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt den Subtyp nicht gefährlicher ein als BA.1, der bisher vorherrschend war. Studien zufolge verursacht BA.2 einen ähnlich schweren Krankheitsverlauf, der in der Regel aber wesentlich milder als noch bei Alpha oder Delta ist. Aber: BA.2 ist noch ansteckender als seine Vorgänger, da er noch leichter in die Zellen der oberen Atemwege eindringt und sich dort vermehrt.

Diese oberflächlichen Schleimhautinfektionen sind laut Experten auch der Grund, warum mit Omikron eine Reinfektion wahrscheinlicher ist. Die Schleimhautinfektionen führten zu einer wenig verlässlichen Immunität, erklärte Helmut Fickenscher, Virologe an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, dem NDR. "Das ist bei Atemwegserregern weit verbreitet, sonst hätten wir nicht routinemäßig die Gelegenheit, immer wieder einen Schnupfen oder andere Atemwegsinfektionen zu bekommen." Weder der Impfstatus noch der Genesenenstatus schütze vor Omikron-Infektionen, sagt der Wissenschaftler.

Omikron bietet weniger Antikörper und geringeren Schutz

Wie schnell sich Omikron-Genesene erneut anstecken können, hängt jedoch vor allem mit den Antikörpern zusammen, die der Körper nach einer durchgemachten Infektion bildet und die das erneute Eindringen der Viren verhindern sollen. Je milder der Verlauf, desto weniger Antikörper bilden sich beziehungsweise desto schneller nehmen diese auch wieder ab. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie aus den USA. Die Forschenden konnten beobachten, dass Genesene zwar eine Teilimmunität erlangt haben und somit eine Weile vor einer Reinfektion geschützt waren. Diese hielt allerdings nur eine gewisse Zeit, zum Teil nur wenige Monate.

Eine Auswertung der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency hatte zudem gezeigt, dass sich Tausende Menschen mittlerweile schon drei Mal und einige sogar vier Mal mit dem Coronavirus infiziert haben. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Anzahl der Reinfektionen sogar noch höher ist, da besonders bei sehr milden Symptomen nicht jede Infektion erkannt wird. "Bei einer sehr leichten Infektion mit BA.1, gerade bei Ungeimpften, hat sich das Immunsystem oft gar nicht so richtig mit dem Virus auseinandergesetzt und dementsprechend ist die Immunität auch geringer", sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Daher könnten die geringen Unterschiede zwischen den zwei Omikron-Subtypen BA.1 und BA.2 schon ausreichen, damit die Immunantwort des Körpers nicht so breit ausfällt und man sich erneut infiziert.

Auch internationale Stimmen warnen vor vermehrten Reinfektionen durch die Corona-Variante. "Menschen werden unmittelbar nach einer Omikron-Infektion erneut infiziert", twitterte der Physiker Yaneer Bar-Yam mit Blick auf die US-Studienergebnisse. Das zeigten ihm zufolge sowohl Laborexperimente als auch tatsächliche Fälle. Und auch der ehemalige Harvard-Forscher Eric Feigl-Ding räumte ein, dass eine Reinfektion mit Omikron "sicherlich möglich ist, wenn Ihre erste Omikron-Infektion eine niedrig dosierte Infektion war, die Ihr Immunsystem nicht ausreichend stimuliert hat oder wenn Sie immungeschwächt sind".

Corona-Reinfektionen kommen nur selten vor

Gerade Ungeimpfte bildeten nach einer überstandenen Omikron-Infektion nur gegen die Omikron-Variante und auch nur in einem geringen Ausmaß neutralisierende Antikörper, wie eine Studie aus Österreich kürzlich herausfand. Als deutlich besser geschützt gelten demnach Genesene, die zusätzlich vor oder nach der Infektion zweifach geimpft wurden. Das bestätigten bereits Ende Februar auch Forschende aus Dänemark. Sie werteten insgesamt 1,8 Millionen positive Fälle in Dänemark zwischen November 2021 und Februar 2022 aus. Dabei fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 187 Fälle, in denen sich dieselbe Person im Abstand von 20 bis 60 Tagen zweimal mit dem Coronavirus infiziert hatte und beide Infektionen auf eine oder beide der Omikron-Subtypen zurückzuführen waren.

Von diesen 187 wurden 47 Fälle identifiziert, die sich kurz nach BA.1 mit BA.2 angesteckt hatten. Das Auffällige: Von den 47 Reinfektionen waren 89 Prozent nicht oder nur unvollständig geimpft. Die Daten wurden allerdings noch nicht von Fachleuten geprüft. Und auch wenn Ungeimpfte tatsächlich ein erhöhtes Risiko haben, sich kurz nach einer Infektion erneut anzustecken, passiert das den Studienergebnissen zufolge nur sehr selten.

Hat man nach nur kurzer Zeit der Genesung erneut Symptome oder einen positiven Test, kann das auch eine ganz andere Ursache haben. Womöglich handelt es sich um keine Reinfektion. Der Test schlägt vielmehr noch auf die vorangegangene Infektion an. Das sei wenige Wochen nach der vermeintlichen Genesung gar nicht unüblich oder sonderlich überraschend, meint auch der Leiter des Fachbereichs Immunologie an der TU Dortmund, Carsten Watzl, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. "Bei Infektionen, die innerhalb von weniger als drei Wochen nach der ersten Infektion auftreten, ist es wahrscheinlich, dass es sich noch um die alte Infektion handelt."

(Dieser Artikel wurde am Freitag, 01. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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