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Auf den Millimeter genau Darum wurde Deutschland neu vermessen

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So sieht es aus, wenn einer der 250 Geodätischen Grundnetzpunkte in Deutschland vermessen wird.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Alle paar Jahre wird Deutschland neu vermessen - so auch in diesem Sommer. Die Daten sind wichtig - für die "gesamte Gesellschaft", sagt einer der beteiligten Vermesser. Bis die Ergebnisse da sind, dauert es aber noch drei Jahre.

Wenn Ihnen in diesem Sommer bei der Autofahrt übers Land oder einem Waldspaziergang ein Vermessungstrupp begegnet ist, haben Sie möglicherweise mit eigenen Augen gesehen, wie Deutschland in diesem Sommer bis auf den Millimeter genau vermessen wurde. Vom 7. Juni bis 15. Juli haben Vermessungstrupps die 250 über das Land verteilten sogenannten Geodätischen Grundnetzpunkte (GGP) kontrolliert.

Aber warum? "Mit dieser Frage sind wir Geodäten ziemlich häufig konfrontiert. Da wird dann gesagt, es ist doch schon alles vermessen, bei Google Earth kann ich zum Beispiel alles schon sehen. Die Wahrheit ist aber, dass wir auf einem Planeten leben, der sich permanent verändern kann. Deshalb ist es wichtig, dass man in regelmäßigen Abständen seinen Referenzrahmen kontrolliert und damit sicherstellt, dass es eine stabile Referenz ist", erklärt Ole Roggenbuck vom Bundesamt für Kartografie und Geodäsie (BKG) im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Die 250 Geodätischen Grundnetzpunkte sind gleichmäßig über ganz Deutschland verteilt und bilden den Referenzrahmen für alle weiteren Messungen. "Ohne stabile Referenz macht eine Messung keinen Sinn", verdeutlicht Roggenbuck, der selbst an dem deutschlandweiten Messprojekt beteiligt ist. "Es geht darum, mit den Punkten eine bestmögliche Abdeckung für das gesamte Land zu kriegen. Man versucht, in jedem Gebiet eine ähnliche Dichte von diesen Punkten zu ermöglichen. Und dann sucht man nach geologisch möglichst stabilen Gebieten, sodass man sicher sein kann: Der Punkt ist auch in einem Jahr noch hier und nicht aufgrund von Bodenbewegungen woanders."

"Teilweise muss man buddeln"

Erst zum dritten Mal überhaupt ist Deutschland mit dieser Präzision vermessen worden - nach 2002 und 2008. Eigentlich sollte die Aktion schon voriges Jahr stattfinden, wegen Corona wurde aber alles ein Jahr nach hinten verschoben. Beteiligt an den Vermessungen waren die Landesvermessungsämter sowie das Bundesamt für Kartografie und Geodäsie. Sie haben die 35 Vermessungstrupps organisiert, die jeweils zu dritt die Geodätischen Grundnetzpunkte überprüft haben.

Die Kontrollteams mussten zeitgleich mit ihren Messungen beginnen. Denn nur dann funktioniert eine sogenannte GNSS-Messung auf den Millimeter genau. GNSS steht für Globale Navigations-Satelliten-Systeme. Dazu gehört das bekannte US-amerikanische GPS, das europäische System Galileo und das russische GLONASS.

"Der eigentliche Ablauf ist so, dass man etwa zwei Stunden vor Start der Messung an dem jeweiligen Punkt ankommt und den Punkt aufsucht. Dafür gibt es Messskizzen, wo der exakte Standort des Punktes beschrieben ist. Häufig sind diese Punkte unterirdisch. Teilweise muss man buddeln, bis man den Punkt erreicht hat", beschreibt Roggenbuck im Podcast. Ist der Punkt gefunden, bauen die Vermesser ihr Equipment für die eigentliche Messung auf: Stativ, Antenne, Kabel, GNSS-Empfänger.

Die eigentliche Messung dauert dann exakt 24 Stunden. Die lange Messdauer ist nötig, damit ein möglichst hoher Präzisionsgrad erreicht wird. Um möglichst zuverlässige Messergebnisse zu haben, wurden die Messungen an den einzelnen Punkten innerhalb der sechs Wochen dauernden Kampagne auch noch mindestens einmal wiederholt.

Für die endgültige Auswertung greifen die Vermessungsbehörden aber noch auf "etwa 370 weitere Messstationen" in Nachbarländern zurück, erklärt Roggenbuck. Es gehe in dem Fall um eine "noch bessere Abdeckung für das gesamte Netz". Die Auswertung ist so komplex, dass sie bis zu drei Jahre dauert und von zwei Instituten durchgeführt wird. Neben dem Kartografie-Bundesamt ist die niedersächsische Landesvermessungsbehörde beteiligt, um Auswertungsfehler zu vermeiden. "Die Bedeutung von diesen Punkten ist so hoch für die gesamte Gesellschaft, dass man sich keinen Fehler erlauben kann. Deswegen ist es wichtig, dass es externe Kontrollmöglichkeiten gibt."

Messdaten wichtig für Küstenschutz und autonomes Fahren

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Die Messdaten sind deshalb so wichtig, weil sich mit ihnen präzise feststellen lässt, wo sich Deutschland hebt und senkt. Daraus können sich zum Beispiel wichtige Erkenntnisse für die Menschen an der Nord- und Ostseeküste ergeben. Die Daten sind jedenfalls von hoher Bedeutung für den Küstenschutz, die Deiche sollen schließlich weiter halten.

Die millimetergenauen Daten helfen aber auch beim Einsatz autonomer Fahrzeuge, damit künftig selbstfahrende Autos Kurs halten oder automatisierte Landmaschinen optimal in der Spur bleiben können. Und auch die Verantwortlichen für die Atommüll-Endlagersuche warten gespannt auf die Daten. Schließlich soll der radioaktive Abfall irgendwann in einem Gebiet aufbewahrt werden, wo möglichst wenig Bewegung ist.

Zudem sei dieses große Vermessungsprojekt die Grundlage für alle weiteren Vermessungen, die auch im Alltag stattfinden, betont Ole Roggenbuck. Wer sein Grundstück professionell vermessen lässt, will schließlich exakt wissen, wo die Grundstücksgrenze ist. Die Basis dafür bilden die 250 Geodätischen Grundnetzpunkte in ganz Deutschland.

Für Geodäten wie Roggenbuck sei die deutschlandweite Messkampagne ein "richtiges Highlight" gewesen. "Das waren meine persönlichen Olympischen Spiele. Mit dem Unterschied, dass sie nicht alle vier Jahre, sondern viel seltener stattfinden. Als normaler Angestellter beim Bundesamt für Kartografie und Geodäsie hat man normalerweise nicht die Möglichkeit, für mehrere Tage am Stück rauszukommen. Da sitzt man eher am Schreibtisch."

Quelle: ntv.de

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