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Stilles Örtchen, Klo, Scheißhaus Das dreckige Tabu-Thema

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Die Toilette ist eine medizinische Top-Errungenschaft mit weltweitem Imageproblem.

(Foto: imago/allOver-MEV)

Viele Worte umschreiben den Porzellan-Thron und den täglichen Gang dorthin. Aber über die Sache reden, mögen nur wenige. Dabei gibt es enormen Gesprächsbedarf. Man denke nur an "wischen" oder "waschen". Die Römer waren hier offener.

Ein wenig unangenehm war es Kit Harington dann doch. Der Schauspieler, den viele nur als "Jon Snow" aus der Fantasy-Serie "Game of Thrones" kennen, sitzt auf der Couch von US-Talk-Star Jimmy Kimmel und soll beantworten, ob es eine herausragende Persönlichkeit in seinem Stammbaum gibt. "Sein Name ist John Harington, er lebte im 16. Jahrhundert. Und ähm, er erfand die Toilette", sagt der 30-jährige Brite. Das Publikum beginnt zu johlen, Harington quält sich zu einem Lächeln.

So unbeholfen wie der Schauspiel-Star vor drei Jahren reagieren viele, wenn die Sprache auf den Porzellan-Thron kommt. Dann folgen meist peinlich berührtes Schweigen, obszöne Witze oder schlichtweg Gelächter. Wer es einmal ausprobiert hat, im Freundeskreis eine Diskussion über "Wischer" und "Wascher" zu starten, weiß: Eine Debatte über Donald Trump verläuft oft lockerer als über Stuhlgang. Dabei gehören Toiletten hierzulande zu den normalsten Dingen und sind jedem Einzelnen vertrauter als die Politik in den USA.

Ob "Stilles Örtchen", "Lokus" oder "Scheißhaus": Jeder in der industrialisierten Welt kennt und nutzt die Erfindung des englischen Dichters Harington, der davon leider gar nicht groß profitieren konnte. Denn erst der Schotte Alexander Cumming ließ das Wasserklosett im Jahr 1775 patentieren. Die jeweiligen Erfahrungen damit behalten die meisten lieber für sich. "Menschen haben die Neigung, eher nicht über ihre Ausscheidungen und das 'Dreckige' zu sprechen", sagt Johannes Rück von der German Toilet Organization (GTO) im Gespräch mit n-tv.de. So wie der Mensch aus hygienischer Sicht Barrieren zwischen sich und seine Fäkalien bringen muss, baute er laut Rück ohne ein Bewusstsein und Wissen um die Hygienepraxis auch mentale Barrieren auf.

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In einer Leser-Umfrage des "British Medical Journal" kürte die Mehrheit die flächendeckende Sanitärversorgung zur bedeutendsten medizinischen Errungenschaft seit 1840 - noch vor Antibiotika und der Anästhesie.

(Foto: REUTERS)

Obwohl es sich um ein urmenschliches Grundbedürfnis wie Essen, Schlafen oder Sex dreht und es bis vor wenigen Jahrzehnten auf dem Klo noch deutlich dreckiger zuging als heute, hat sich die Haltung zum Thema also nicht weiterentwickelt. Selbst der Fortschritt hat den Hauch des Anrüchigen nicht vertreiben können.

Noch vor wenigen Jahrzehnten mussten die Menschen in unseren Breiten auf den Hinterhof flitzen, um dort auf einem archaischen Konstrukt die Notdurft zu verrichten. Diese Zeiten sind nun vorbei. "Sanitärversorgung, immer gepaart mit der personellen Hygiene, hat eine unfassbar große Bedeutung für unser menschliches Leben", sagt Rück: "Das hat immens viele Jahre an Lebenserwartung gebracht."

Eine Klo-Schlange bis zum Mond

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Als er 1596 das erste Wasserklosett erbaute, hielt man es für einen schlechten Scherz: der englische Dichter Sir John Harington.

(Foto: Wikipedia/gemeinfrei)

Alles gut also? Mitnichten. Während in Paris "Uritrottoirs" zum Wildpinkeln einladen und Hersteller in Japan regelmäßig um die futuristischsten Rundum-Wohlfühl-Klos wetteifern, herrschen in anderen Breitengraden dieser Welt noch immer prekäre Zustände. Ebenjene möchten die GTO sowie deren Dachverband World Toilet Organization (WTO) bekämpfen. "Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass zirka 1000 Kinder pro Tag in der Welt an Durchfallerkrankungen sterben", sagt Rück. Dies sei oft auf eine mangelhafte Sanitärversorgung zurückzuführen und mit einfachen Mitteln vermeidbar.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef warten mit bestürzenden Zahlen auf. Demnach lebten im Jahr 2015 etwa 4,5 Milliarden Menschen ohne Toilette im eigenen Zuhause, das sind 60 Prozent der Weltbevölkerung. Demnach mussten 869 Millionen Menschen ihre Notdurft sogar im Freien verrichten. In Indien ist die Lage laut der Hilfsorganisation Water Aid extrem. Dort besäßen wohl 774 Millionen Menschen keine Toilette. Bildeten sie eine Schlange, so würde diese bis zum Mond reichen.

Die Römer hatten's drauf

Auch hierzulande lohnt ein Blick über den Deckelrand, denn der hygienische Fortschritt hat sich längst noch nicht überall durchgesetzt. Allein der Gedanke an die ehemalige Schultoilette lässt viele erschaudern. Laut GTO-Sprecher Rück ist das Problembewusstsein in Deutschland trotz eines relativ hohen Standards noch ausbaufähig: "Wenn man Glück hat, besucht man mal ein Klärwerk im Laufe seiner Schulzeit, aber das war es dann meistens auch. Das Thema Sanitärversorgung gehört in den Lehrplan der Schulen." Es gibt also noch viel Gesprächsbedarf.

In der Antike gingen die Menschen übrigens offener mit dem Thema um. Damals trafen sich beispielsweise die Römer in öffentlichen Latrinen, um im doppelten Sinne ihr Geschäft zu machen - oberhalb des damals fortschrittlichen Abwassersystems Cloaca maxima. Doch erst im Jahr 1596 erbaute Sir John Harington das erste Wasserklosett - und wird dafür allenfalls belächelt. Um das heute noch immer weit verbreitete Toiletten-Tabu zu brechen, findet seit dem 19. November 2001 jährlich der Welttoilettentag statt.

Quelle: n-tv.de

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