Wissen

Hawking griff nach den Sternen Der Mann, der keine Grenze akzeptierte

imago70427568h.jpg

Hielt auch interstellare Reisen für möglich: Stephen Hawking bei der Präsentation des Projektes "Breakthrough Starshot" im April 2016.

imago/Future Image

Seit Jahrzehnten unheilbar krank, schwer behindert, wissenschaftlich zwischen Mathematik und Astrophysik zu Hause: Stephen Hawking passte in keine Schublade. Jede Grenze zu überschreiten, war sein Lebensantrieb.

Am Ende wurde Stephen Hawking 76 Jahre alt und lag damit nur wenige Jahre unter der durchschnittlichen Lebenserwartung männlicher Briten. Das hätte ihn wohl gefreut. Denn er hatte damit jede Wahrscheinlichkeit längst ad absurdum geführt.

Als er mit 21 Jahren die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose bekam, gingen selbst die optimistischsten Ärzte nur noch von wenigen Lebensjahren aus. Mit moderner Technik, eisernem Willen und wachem Geist trotzte Hawking dieser Vorhersage und schob die Grenze immer weiter. Die Krankheit wurde sein Antrieb. "Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde."

Vielleicht war dies sein Lebensthema: keine Grenze zu akzeptieren oder sie wenigstens neu zu setzen. Denn während viele Menschen mit ähnlich schweren Einschränkungen wie Hawking ins Private zurückgedrängt werden, machte der Astrophysiker deutlich, dass er nicht nur weiterleben, sondern auch weiterarbeiten wird. Später, als er längst eine Art Popstar der Wissenschaft war, stellte sich diese Frage nicht mehr.

"Immer in die Sterne sehen"

Hawking selbst sah seine Behinderung durchaus als Vorteil, weil er weder Vorlesungen halten noch Studienanfänger unterrichten oder an zeitraubenden Sitzungen teilnehmen musste. Ihm war aber bewusst, wie sein Schicksal auf viele Menschen wirkte. "Ich bin der Archetypus eines behinderten Genies. Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und den gewaltigen Ausmaßen des Universums, mit dem ich mich beschäftige."

Zu Hilfe kamen ihm zweifellos sein brillanter Geist und der uneingeschränkte Wille, den Dingen auf den Grund zu gehen. Hawking entwickelte Theorien darüber, wie unser Universum entstanden sein könnte und was es überhaupt zusammenhält. Die Komplexität seiner Annahmen machten ihn zu dem, was man in früheren Zeiten einen Gelehrten genannt hätte. Das Undenkbare zu denken, das Unfragbare zu fragen, das Unaussprechliche auszusprechen - dadurch wurde er zu einem Ausnahmewissenschaftler.

Dabei ging es Hawking immer auch um den Transfer von Wissenschaft in die Gesellschaft. Er wurde zuletzt zum großen Mahner: "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf der Erde in einem bestimmten Jahr eine Katastrophe ereignet, erscheint sehr gering. Allerdings wird sich in den nächsten 1000 oder 10.000 Jahren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe ereignen", sagte er 2016 im Gespräch mit Radio Times. "Bis dahin sollten wir uns ins All ausgebreitet haben und zu anderen Sternen, so dass ein Desaster auf der Erde nicht gleich das Ende der Menschheit bedeuten würde."

Das Menschsein und seine Grenzen, das hat ihn umgetrieben. "Versucht, den Dingen, die ihr seht, einen Sinn zu geben, und hinterfragt, aus was sich das Universum zusammensetzt", legte er 2016 Studenten in Cambridge ans Herz. "So schwer das Leben manchmal auch erscheinen mag, es gibt immer etwas zu tun und darin gut zu sein. Es ist wichtig, dass ihr einfach nie aufgebt. Denkt daran, in die Sterne zu sehen - und nicht auf eure Füße." Er selbst hat nie auf seine Füße geschaut.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema