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Hightech im Nahen Osten Diese Maschine soll Frieden stiften

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Hinter grauen Wänden verbirgt sich das Synchrotron in Jordanien, auf dem viele Hoffnungen ruhen.

(Foto: Kai Stoppel)

Iran und Israel gelten als Feinde. Doch gemeinsam mit anderen Ländern stellen sie ein einzigartiges Projekt auf die Beine: den ersten Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten. Er soll Frieden stiften und Frauen der Region neue Möglichkeiten eröffnen.

Jahrzehnte des Krieges haben eine ganze Region zerrüttet. Doch die Feinde raufen sich zusammen und bauen ein gemeinsames Forschungszentrum - es folgt eine Ära des Friedens. Die Rede ist von Europa und dem Teilchenbeschleuniger Cern in Genf, gegründet 1954. Ähnliches soll sich nun wiederholen, in einer anderen, immer noch umkämpften Region.

SESAME

Sesame steht für "Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East". Es handelt es sich um den ersten Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten. Als Synchrotron stellt er spezielle, besonders intensive Strahlung bereit, die für Experimente verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen nutzbar ist.

Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, die palästinensischen Autonomiegebiete, die Türkei und Zypern engagieren sich gemeinsam bei Sesame. Auch Deutschland unterstützt das Projekt. Die Helmholtz-Gemeinschaft, Deutschlands größte Forschungsorganisation, fördert Sesame mit zuletzt 3,5 Millionen Euro. Seit der Gründung sitzt Deutschland zudem als Beobachter im internationalen Sesame-Rat.

Nordwestlich von Amman, der Hauptstadt Jordaniens, ist seit mehr als einem Jahr das "Cern des Nahen Ostens" im Betrieb: ein Teilchenbeschleuniger mit dem nach den Märchen aus Tausendundeiner Nacht klingenden Namen "Sesame". Genauer gesagt ein Synchrotron. In diesem wird durch die hohe Beschleunigung von Teilchen intensive Strahlung in unterschiedlichen Wellenbereichen erzeugt. Das macht die Maschine begehrt für Forscher vieler Disziplinen - von der Physik über die Archäologie bis hin zur Medizin.

So begehrt, dass sich sogar verfeindete Staaten aus der Region zusammengetan haben, um das Projekt vor ihrer Haustür zu realisieren: Israel, der Iran, arabische Länder wie Ägypten, die palästinensischen Autonomiegebiete, Jordanien sowie das EU-Mitglied Zypern. Auch die Türkei und Pakistan sind dabei. Bisher mussten Forscher aus diesen Ländern nach Europa, Nordamerika oder Ostasien ausweichen.

Ausgemusterte Teile aus Deutschland

Das Gelände in der Nähe von Amman gleicht noch einer Baustelle. Ein Gerüst steht vor dem halbfertigen Gästehaus des Komplexes. Die große Halle beherbergt das Synchrotron, das durch die graue Verschalung unscheinbar wirkt. In einer Ecke stapeln sich große Transport-Holzkisten. Ein Teil der Anlage stammt von einem ausgemusterten Synchrotron aus Deutschland. Forscher trifft man nur vereinzelt. Von mehr als 20 möglichen Experimentierstationen sind bisher nur zwei einsatzfähig.

Eine davon wird von der ägyptischen Biophysikerin Gihan Kamel betreut. Dort werden etwa jahrtausendalte Gebäudefragmente aus der Wüstenstadt Petra auf Reste von Farben und Gold untersucht. Bei einem anderen Experiment wollen Forscher anhand uralter Knochen und Zahnreste herausfinden, wie Menschen früher gelebt haben.

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Die ägyptische Forscherin Gihan Kamel mit einer Probe aus der antiken Wüstenstadt Petra: Infrarotstrahlung aus dem Synchrotron soll kleinste Details sichtbar machen.

(Foto: Kai Stoppel)

Kamel, die 2005 das erste Mal mit Sesame in Kontakt kam, ist enthusiastisch: "Sesame ist ein Schub für die Wissenschaft im Nahen Osten. Und für den Frieden", sagt die 42-Jährige zu n-tv.de. "Die Menschen kommen hier zusammen, um zu forschen und kümmern sich nicht um Politik." Vielleicht, so hofft sie, öffnet sich dadurch eine Tür für das gegenseitige Verständnis.

Chance für muslimische Frauen

Was Kamel besonders gefällt: Gerade für Wissenschaftlerinnen aus den muslimischen Mitgliedsländern eröffne die Anlage in Jordanien bisher ungekannte Möglichkeiten. Denn für Frauen aus konservativen Staaten sei es aufgrund von Traditionen und Bestimmungen schwierig oder gar unmöglich, nach Nordamerika oder Europa zu reisen, um dort an Teilchenbeschleunigern zu forschen. "Bei einem arabischen Land wie Jordanien fallen diese Hürden weg", sagt Kamel.

Auf der anderen Seite des Synchrotrons hat eine Wissenschaftlerin aus einem mehrheitlich muslimischen Land diese Chance wahrgenommen. Neama Imam kommt ebenfalls aus Ägypten, trägt ebenfalls Schleier und ist begeistert von dem Hightech-Koloss in Jordanien. "Ich bin sehr glücklich. Es ist für mich sehr nah und ich muss nicht extra nach Europa reisen", sagt die 35-Jährige.

Die junge Physikerin arbeitet an der Röntgenquelle des Teilchenbeschleunigers. Nicht nur aus kulturellen Gründen hat es die Muslimin nach Jordanien verschlagen: "In Europa einen Platz an einem Synchrotron zu ergattern, ist schwierig." Der Wettbewerb um die freien Plätze sei sehr hart. Bei Sesame hingegen haben Forscher aus den Mitgliedsländern der Region Vorrang.

Zahl der Vorhaben verdoppelt

Mittlerweile haben sich aus allen beteiligten Ländern, eben auch aus Israel und Iran, Wissenschaftler um Forschungsplätze am Sesame beworben, bestätigt Rolf Heuer, ehemaliger Cern-Chef und heute Präsident des Aufsichtsrats bei Sesame. Das zeige, dass sich die Hoffnungen des Friedensprojekts bisher erfüllt hätten. "Die Zahl der beantragten Projekte hat sich zuletzt verdoppelt", so Heuer gegenüber n-tv.de. Dies zeuge vom großen Interesse unter den Mitgliedsländern in der Region.

Dass Länder aufgrund politischer Verwerfung wieder abspringen könnten, diese Sorge hat der Deutsche nicht. Probleme bereite eher ein anderes Thema: Geld. "Das ist unser größtes Sorgenkind", so Heuer. Immer wieder müsse Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit die Mitgliedsländer ihre Beiträge pünktlich zahlen. Das sei für diese allerdings auch nicht immer einfach: Mal seien es wirtschaftliche Schwierigkeiten, mal Sanktionen anderer Staaten, welche den Geldfluss blockierten.

Aber die Verantwortlichen für das Projekt sind dennoch zuversichtlich: "Die Idee hat nicht nur alle Kriege und Konflikte in der Region überstanden, sondern auch alle technischen und finanziellen Probleme", sagt Sesame-Direktor Khaled Toukan. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Länder schlicht aufeinander angewiesen sind. "In dieser Region kann kein Land im Alleingang eine Maschine wie diese bauen."

Quelle: n-tv.de

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