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Überlebenschance unter einer Lawine "Ein Verschütteter braucht eine Atemhöhle"

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Bei der Bergung verschütteter Lawinen-Opfer dürfen Rettungskräfte auf keinen Fall die Atemhöhle zum Einsturz bringen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach dem Lawinenunglück in Italien suchen die Rettungskräfte immer noch nach Opfern unter den Schneemassen. Im Interview mit n-tv.de erklärt der Lawinen-Experte Georg Kronthaler, welche Lawinenarten es gibt und was man bei der Bergung Verschütteter beachten muss.

n-tv.de: Herr Kronthaler, worauf kommt es bei der Rettung von Verschütteten an?

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Georg Kronthaler ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und arbeitet bei der Lawinenwarnzentrale im Bayerischen Landesamt für Umwelt.

(Foto: Privat/ Georg Kronthaler)

Georg Kronthaler: Eine verschüttete Person braucht in jedem Fall eine sogenannte Atemhöhle. Diese entsteht, wenn die Atemwege nach Stillstand der Lawine frei sind, also nicht mit Schneestaub gefüllt sind, der beim Lawinenabgang oft eingeatmet wird. Beim Versuch, den Verschütteten zu bergen, dürfen die Rettungskräfte auf keinen Fall den Fehler machen, von oben zu graben. Dann kann es sein, dass man eine Atemhöhle zerstört und dass der Verschüttete dann doch noch erstickt.

Wie lange kann man unter einer Lawine überleben?

Eine verschüttete Person sollte spätestens in 15 Minuten gefunden und ausgegraben sein. Danach sinkt die Überlebenschance massiv. Daher ist auch die sogenannte Kameradenrettung, die durch nichtverschüttete beteiligte Personen sofort eingeleitet wird, von größter Wichtigkeit.

Wie hoch ist derzeit die Lawinengefahr in Deutschland?

Lagebericht der Lawinenwarnzentrale

Die Lawinenwarnzentrale im Bayerischen Landesamt für Umwelt veröffentlicht täglich auf ihrer Internetseite einen Lawinenlagebericht. Dieser gibt jeweils für die sechs bayerischen Alpinregionen Allgäuer Alpen, Ammergebirge, Werdenfelser Alpen, Bayerische Voralpen, Chiemgauer Alpen und Berchtesgadener Alpen Auskunft über die aktuelle Gefahrenstufe, den Schneedecken-Aufbau sowie über den Umfang und die Verteilung der Gefahrenstellen im Gelände (Hangrichtung und Höhenlage).

Im bayerischen Alpenraum herrscht oberhalb von 2000 Metern Gefahrenstufe 2 und unterhalb 2000 Metern Gefahrenstufe 1. Die Gefahrenstellen, die es derzeit noch gibt, befinden sich im Altschnee, also dem Schnee, der im November gefallen ist. Diesen muss man sich wie ein Kugellager vorstellen. Darüber liegt ein Paket von etwa eineinhalb Metern Schnee. Bei größerer Zusatzbelastung könnte dort ein Schneebrett noch ausgelöst werden.

Was ist denn ein Schneebrett?

Das Schneebrett ist besonders kritisch für Skifahrer. Es entsteht dadurch, dass viele Schneekristalle durch den Wind zerkleinert sind und sich ganz eng aneinander im Windschatten ablagern. Diese gebundene Schneefläche nennt man Brett. Dieses strebt bedingt durch die Schwerkraft gemeinsam mit allen anderen Kristallen hangabwärts. Wenn es weiter unten eine kugellagerartige Schicht - man nennt diese auch Schwimmschneeschicht - gibt, dann bauen sich Spannungen auf und auf einmal bricht das Brett ab und gleitet weg. Das ist eine große Fläche, die dann nach unten startet. Und der Skifahrer oder Skitourengeher ist mitten drin.

Welche Lawinenart gibt es noch?

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Filigrane Eiskristalle des derzeitigen Oberflächenreifs in den Bayerischen Alpen.

(Foto: Privat/ Georg Kronthaler)

Es gibt auch noch Lockerschneelawinen. Diese erkennt man am punktförmigen Anriss. Dabei liegen die Schneekristalle locker und ohne Verbindung zueinander da. Diese einzelnen Kristalle zieht es durch die Schwerkraft hangabwärts. Es kommt schließlich zu einer punktförmigen Kettenreaktion, aus der dann eine Lawine entsteht.

Und welche Lawinenart kommt am häufigsten vor?

Bei etwa 90 Prozent aller tödlichen Lawinen, die abgehen, handelt es sich um Schneebrettlawinen.

Und welchen Anteil daran hat der Mensch?

Von diesen Lawinen lösen sich nur circa 10 Prozent von selbst. 90 Prozent hingegen werden vom Menschen ausgelöst.

Ist hierzulande für die kommenden Tage eine Lawinengefahr vorhersehbar?

Momentan herrscht wunderbares Wetter. Allerdings hat sich überall Oberflächenreif abgelagert. Wenn es auf diese filigranen Kristalle raufschneit, wird es schlagartig gefährlich.

Wie kann ich mich über aktuelle Lawinengefahren informieren?

Im Lawinenlagebericht wird beschrieben, wo Gefahrenstellen sind, wer Lawinen auslösen kann und welche Gefahrenstufen herrschen. Wer nicht dazu ausgebildet ist, sich abseits gesicherter Pisten zu bewegen, sollte dies erst recht nicht tun, wenn die Gefahrenstufe hoch ist.

Mit Georg Kronthaler sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de

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