Gaffer stören RettungsmaßnahmenExpertin: Tötung des gestrandeten Wals ist keine Option

Vor dem Timmendorfer Strand kämpft ein junger Buckwal ums Überleben. Seine Chancen stehen schlecht, er scheint schwach und krank zu sein. Das Tier von seinen Qualen zu befreien, kommt laut einer Expertin allerdings nicht infrage. Derweil kommen immer mehr störende Schaulustige.
Der Zustand des an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste gestrandeten Buckelwals hat sich verschlechtert. Auf dem Tier sei deutlicher Bewuchs als Folge einer Hautkrankheit zu sehen, sagte Carsten Manheimer von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd. Die Krankheit sei vermutlich eine Folge des zu niedrigen Salzgehalts der Ostsee.
Das Tier war in der Nacht zum Montag erstmals auf einer Sandbank in der Lübecker Buch bei Niendorf gesichtet worden. Mehrere Rettungsaktionen scheiterten seitdem. Die Situation sei kritisch, sagte Manheimer. Dem Tier sei es trotz größter Bemüngen der Retter nicht gelungen, sich zu befreien. Der Wal atme, aber "er kämpft nicht großartig, da runterzukommen", so der Experte. Wie es nun weitergehen soll, ist noch unklar.
Eine Tötung des gestrandeten Wals, um ihn von möglichem Leiden zu erlösen, ist aber Ursula Siebert zufolge keine Option. Es gebe internationale Absprachen, was gemacht werden könne und wie, sagte die Leiterin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
Tiere im Zweifel lieber würdig und ruhig sterben lassen
Nach Angaben von Sea Shepherd handelt es sich bei dem rund zehn Meter langen Tier um einen Buckelwal, vermutlich ein junges Männchen. "Je größer der Wal ist, desto schwieriger wird das ganze", erklärte Siebert. Man sei damit immer wieder konfrontiert. "Nicht so häufig in der Ostsee, Gott sei Dank." Aber beispielsweise bei Pottwal-Strandungen im Wattenmeer oder Strandungen anderer Walarten in der Nordsee. "Und es ist einfach sehr, sehr schwierig unter den Begebenheiten, die wir hier haben, einen Wal zu euthanasieren."
Ein Problem seien der Waffeneinsatz und die nötigen Kaliber mit potenzieller Gefährdung für die Umgebung. Mit Blick auf die internationalen Absprachen sehe man da wenig Möglichkeiten in Deutschland, ebenso wie in Nachbarländern. "Man sorgt dann lieber dafür, gerade bei den Pottwalen, dass diese würdig und stressfrei sterben können", sagte Siebert.
Schaulustige stören Wal und Rettungsmaßnahmen
Derweil berichtet der Bürgermeister vom Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke, dass Menschen versuchten, mit Ruder- oder Schlauchbooten an das Tier heranzukommen. Er kritisierte dieses Verhalten aufs Schärfste. Der Wal gerate dadurch in Panik. Zudem störe es die Rettungsmaßnahmen massiv, wenn die Absperrungen missachtet werden.
Mit Abstand zum Geschehen waren am Vormittag Spaziergänger unterwegs, die vom Schicksal des Meeresriesen berührt sind. "Der arme Kerl. Ich hoffe, er kann noch gerettet werden", sagte Stefan Stauch, der mit seiner Frau aus dem einige Kilometer entfernten Scharbeutz gekommen war. In der Nacht hätten sie den Wal sogar hören können. "Wir hatten gehofft, dass er mit der ansteigenden Flut in der Nacht wieder freikommt, aber das hat nicht funktioniert."
Rettungsversuche vergeblich
Das Hochwasser gegen Mitternacht habe nicht ausgereicht, dass sich das etwa zehn Meter lange Tier aus eigener Kraft hätte freischwimmen können, sagte ein Polizeisprecher am frühen Morgen. Der Meeressäuger war nach Polizeiangaben in der Nacht zum Montag im Wasser vor dem Ortsteil Niendorf entdeckt worden.
Helfer hatten von Montagmittag bis in die Nacht hinein vergeblich versucht, den auf einer Sandbank festsitzenden Wal in tieferes Wasser zu bekommen. Zum Einsatz kamen dabei unter anderem Polizei-Boote, Schlauchboote und Drohnen der Feuerwehr, zahlreiche Helfer sowie ITAW-Experten.
Das Deutsche Meeresmuseum teilte mit, es handle sich um eine extrem schwierige Lage, in der Expertinnen und Experten vor Ort jede Maßnahme und Entscheidung sehr genau abwägen müssten. Man sei im engen Kontakt zum ITAW vor Ort. "Eine Euthanasierung wäre unter den Umständen, die in Niendorf herrschen, sehr schwierig, da der Wal sich noch im Wasser befindet." Im Grunde sei das Wasser zu flach für den Wal, aber zu tief für eine gezielte Tötung. "Zudem gibt es bei einem solchen großen Wal keine zuverlässige Methode der Euthanasierung, mit der man weiteres Leiden vollständig ausschließen kann."
Warum der Wal vor Niendorf auftauchte, ist bislang unklar. ITAW-Expertin Stephanie Groß sagte, vielleicht sei das Tier krank oder verletzt, vielleicht auch nur erschöpft. Es könne auch sein, dass der Wal einfach versehentlich in dem Flachwasserbereich gelandet sei.