Wissen

Seheinschränkungen im Alter Grauer Star erhöht das Demenzrisiko

imago0092302876h.jpg

Einmal im Jahr sollte man seine Augen bei einem Augenarzt kontrollieren lassen.

(Foto: imago images / CHROMORANGE)

Dass Höreinschränkungen im Alter das Risiko für Demenz erhöhen, ist bereits bekannt. Dass dieser Zusammenhang auch zwischen Seheinschränkungen und Demenz besteht, zeigen Forschende nun mit einer Langzeituntersuchung und plädieren für Eingriffe.

Eine Operation gegen Grauen Star geht einer Studie zufolge bei älteren Menschen in den Folgejahren mit einem deutlich reduzierten Demenzrisiko einher. In einer Langzeitstudie trat die neurodegenerative Erkrankung bei jenen Patienten, die sich dem Eingriff am Auge unterzogen hatten, um fast 30 Prozent seltener auf als bei den übrigen. Mehrere Mechanismen könnten das Phänomen erklären, schreibt das Team um Cecilia Lee von der University of Washington in Seattle im Fachblatt "JAMA Internal Medicine". Ein deutscher Experte spricht von einer "sehr interessanten Studie".

Grauer Star ist eine meist altersbedingte Erkrankung des Auges, bei der sich die Linse zunehmend eintrübt - bis zum Verlust des Sehvermögens. Weltweit sei Grauer Star eine der Hauptursachen für Erblindung, schreibt das Team um Lee. Zur Behandlung ersetzen Ärzte bei der Kataraktoperation die Linse durch eine Kunstlinse. Auch eine Demenz wie etwa das Alzheimer-Syndrom betrifft hauptsächlich ältere Menschen, wobei es dagegen keine Therapie gibt.

Beobachtung von 5500 Menschen

Grundlage der Untersuchung ist eine Mitte der 1990er begonnene Langzeitstudie, die etwa 5500 Menschen ab 65 Jahren beobachtet, die zunächst keine Hinweise auf Demenz zeigten. Das Team um Lee untersuchte nun jene gut 3000 Teilnehmer, bei denen Grauer Star diagnostiziert wurde - im Alter von durchschnittlich 74 Jahren.

Knapp die Hälfte von ihnen also 45 Prozent unterzog sich einer Kataraktoperation. Bis zum Jahr 2018 wurden insgesamt 853 Demenzerkrankungen diagnostiziert, die meisten davon Fälle von Alzheimer. Bei jenen Menschen, die sich hatten operieren lassen, war das Risiko für eine Demenz um 29 Prozent reduziert.

Bei der Analyse der Daten berücksichtigten die Forscher nicht nur Einflussfaktoren wie Alter, Gewicht, Blutdruck, Rauchen, Ernährung, Bewegung oder Bildung. Sie prüften auch, ob jene Menschen, die sich dem Eingriff unterzogen hatten, generell gesünder oder gesundheitsbewusster lebten.

Auch Grüner Star wurde untersucht

Als weitere Kontrolle analysierten sie die Entwicklung von 728 Teilnehmern, die wegen eines Glaukoms - also Grünem Star - operiert wurden. Dabei handelt es sich um eine meist durch erhöhten Augeninnendruck verursachte Schädigung des Sehnervs. Der Eingriff verbessert - im Gegensatz zur Kataraktoperation - nicht die Sehfähigkeit, sondern verhindert lediglich eine weitere Verschlechterung. Hier fand das Team keinen Zusammenhang mit dem Demenzrisiko.

Zwar betonen die Forscher, dass eine Beobachtungsstudie eine ursächliche Beziehung nicht beweisen könne. Aber: "Dieser Beleg ist so gut, wie es in der Epidemiologie möglich ist", wird die Augenärztin Lee in einer Mitteilung ihrer Universität zitiert. Für keine andere Behandlung sei bislang ein so starker Schutzeffekt in Bezug auf Demenz gezeigt worden.

Zur Erklärung des Phänomens halten die Autoren verschiedene Mechanismen für möglich: So könne etwa die nachlassende Sehkraft bei Menschen zu einem Rückzug aus sozialen und sportlichen Aktivitäten führen, was auf Dauer die Gefahr für eine Demenz erhöhe. Zudem nehme mit Grauem Star generell die Weiterleitung neuronaler Impulse zum Gehirn ab.

Reduzierte Sinneswahrnehmung erhöht Demenzrisiko

Gerd Geerling, Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Düsseldorf, hält den Zusammenhang für plausibel. "Die Studie bestätigt unser Denken, dass eine reduzierte Sinneswahrnehmung mit einem Risiko für eine Demenzerkrankung verbunden ist", sagt der Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), der nicht an der Untersuchung beteiligt war.

Mehr zum Thema

Zudem vermindere Grauer Star das Kontrastsehen, was vermutlich die Neigung zu einer Depression erhöhe - einem weiteren Risikofaktor für Demenz. "Nach dem Eingriff können Menschen wieder besser am sozialen Leben teilnehmen und haben mehr intellektuellen Input."

Der Düsseldorfer Experte betont jedoch, die Operation sei nur dann sinnvoll, wenn man eine Einschränkung des Sehvermögens bemerke. In Deutschland werden demnach pro Jahr bis zu 800.000 Kataraktoperationen vorgenommen.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen