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Nachträgliche Verklärung Hitler war als Wahlkämpfer mäßig erfolgreich

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Eine Rede Adolf Hitlers in einem Video in der Ausstellung ""Hitler und die Deutschen - Volksgemeinschaft und Verbrechen" 2011 in Berlin.

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Adolf Hitler wird bis heute als begabter Redner dargestellt. Welchen Einfluss seine Wahlkampfauftritte vor 1933 tatsächlich auf die damaligen Wahlergebnisse hatten, untersuchen Forscher und kommen zu einem überraschenden Ergebnis.

Ein zielstrebiger Politiker, charismatischer Redner und begabter Propagandist: Adolf Hitlers politischer Erfolg wird auch mit seinen persönlichen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Wie sich die Reden auf den Wahlkampftouren des späteren Reichskanzlers tatsächlich auf die Wahlergebnisse auswirkten, hat ein Team um Professor Peter Selb von der der Universität Konstanz und Simon Munzert von der Hertie School of Governance untersucht.  

Die Forscher nahmen dafür die Wahlstatistiken von 1000 Landkreisen und Bezirken sowie 3864 Kommunen unter die Lupe und glichen die Zahlen mit den Informationen über Hitlers Kampagnenrouten, Mitgliedszahlen der NSDAP sowie Teilnehmerzahlen an den einzelnen Veranstaltungen ab. Zudem verglichen die Wissenschaftler die Entwicklung von Wahlergebnissen in Gebieten, in denen Hitler öffentliche Reden hielt, mit denen in ähnlichen Gebieten, in denen er nicht auftrat.

Hitler-Reden mit geringem Einfluss

Die Auswertung der Daten zeigt, dass die Auftritte und Reden Adolf Hitlers nur geringe Auswirkungen hatten, die zudem räumlich und zeitlich sehr begrenzt waren. "Wir sind überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Wahlauftritten war, obwohl ihm von Zeitzeugen und Historikern gleichermaßen überragende rhetorische Fähigkeiten attestiert werden", erklären Selb und Munzert. Den Wissenschaftlern zufolge schlug Hitlers persönliches Engagement nur in der Stichwahl um das Amt des Reichspräsidenten von 1932 positiv zu Buche. Diese Wahl fand nach einem ungewöhnlich kurzen, intensiven und einseitigen Wahlkampf statt - Konkurrent Hindenburg absolvierte keinerlei öffentliche Auftritte. Im Vergleich zum ersten Wahlgang gewann Hitler etwa zwei Millionen zusätzliche Stimmen, nicht aber den Wahlsieg.

Die Forscher schätzen, dass die öffentliche Auftritte Hitlers in dieser Zeit zu einen Stimmenzuwachs von lediglich einem bis zwei Prozent für die NSDAP führten. Vor dem Hintergrund, dass Hitler bei seinem Wahlkampf im Gegensatz zu seinen Konkurrenten neue Techniken wie Lautsprecher einsetzte und mit dem Flugzeug reiste, um ein für damalige Verhältnisse beispielloses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit zu bekommen, sind die geringen Auswirkungen umso bemerkenswerter.

"Es ist erstaunlich, dass die öffentlichen Auftritte und Reden, die Hitler in seinen frühen Jahren als Populist und Parteiführer hielt, nicht besonders einflussreich waren, insbesondere im Vergleich mit den Propagandaerfolgen, die auch neuere Studien ihm als Diktator zusprechen", so Selb und Munzert. Mit der Machtergreifung 1933 änderte sich das. Die Nazi-Propaganda mit Hitler an der Spitze hatte im Zuge der Gleichschaltung eine starke Durchschlagskraft mit langfristigen Auswirkungen auf die kollektive Wahrnehmung, Gesinnung und das Verhalten der Menschen, wie Studien belegen.

Die Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse im "American Political Science Review" veröffentlichten, empfehlen, die herkömmliche Meinung, dass charismatische Führungsfiguren einen entscheidenden Erfolgsfaktor für den Aufstieg von beispielsweise rechtspopulistischen Bewegungen darstellen, mit Skepsis zu betrachten.

Quelle: n-tv.de, jaz

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