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"Inzidenzen könnten steigen" Impf-Rückschlag bei Omikron - was folgt daraus?

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Omikron zeigt sich robuster gegen bisher eingesetzte Corona-Impfstoffe.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Neueste Untersuchungen deuten an, dass Corona-Impfstoffe gegenüber der Omikron-Variante in gewisser Hinsicht an Wirkung einbüßen. Impfdurchbrüche könnten dadurch häufiger werden. Doch wie sieht es mit dem Schutz vor schweren Erkrankungen aus?

Die Befürchtungen rund um die neue Omikron-Variante von Sars-CoV-2 scheinen sich zu bestätigen. Neue Laboruntersuchungen zeigen, dass die eingesetzten Impfstoffe in zumindest einer Hinsicht an Wirkung verlieren: Die Antikörper, welche der Körper nach einer Impfung bildet, können Omikron offenbar weniger anhaben. Da die Immunreaktion bei Geimpften jedoch vielschichtig ist, bleiben Experten zuversichtlich, dass eine Impfung weiter vor einer schweren Erkrankung schützt.

Zunächst hatten Forscher des Africa Health Research Institutes in Südafrika vorläufige Daten zur Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Vakzins gegen Omikron veröffentlicht. Die Neutralisierung der Omikron-Variante habe im Vergleich zu einem früheren Covid-Stamm "sehr stark abgenommen", erklärte Laborleiter Alex Sigal auf Basis vorläufiger Ergebnisse.

Nun veröffentlichte auch die deutsche Virologin Sandra Ciesek auf Twitter in knapper Form Ergebnisse aus Labortests mit verschiedenen Impfstoffen. Im Labor war getestet worden, wie gut die im Blutserum von Geimpften enthaltenen Antikörper Omikron neutralisieren. Die wohl bedenklichsten Ergebnisse: Bei lediglich doppelt Geimpften war die Wirkung der Antikörper gegen die neue Variante gleich null. Das galt für alle doppelt mit Biontech oder Moderna Geimpften sowie bei einer Kombination aus Astrazeneca und Biontech.

Eine weitere Untersuchung von Forschenden aus Südafrika und Schweden deutet zwar eine weniger stark abnehmende neutralisierende Wirkung im Fall von Omikron an. Allerdings wurden diese Versuche mit einer künstlich hergestellten Form des Virus durchgeführt. Auch die Unternehmen Biontech und Pfizer gehen mittlerweile von einer geringeren Wirksamkeit aus. Vorläufige Laborstudien zeigten, dass zwei Dosen deutlich geringere Neutralisierungstiter gegen Omikron aufweisen. Den Daten zufolge sei der Impfstoff nach drei Dosen immer noch effektiv gegen die neue Variante.

"Sieht nicht gut aus für doppelt Geimpfte"

"Es sieht nicht gut aus für doppelt Geimpfte", kommentierte Charité-Virologe Christian Drosten die von Ciesek veröffentlichten Ergebnisse auf Twitter. "Dritte Dosis erforderlich." Denn aus den neuen Daten geht ebenfalls hervor, dass eine Booster-Impfung mit dem Biontech-Vakzin immerhin eine gewisse neutralisierende Wirkung der Antikörper hervorrief, wenn zum Teil auch deutlich reduzierter als bei der Delta-Variante. Die stärkste Gegenwehr zeigten Antikörper einen halben Monat nach einem Biontech-Booster, wenn zuvor eine doppelte Dosis Moderna verabreicht worden war.

"Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass auch die neutralisierenden Antikörper von Geimpften in der Lage sind, Omikron zu binden und zu neutralisieren. Die Impfungen sind also nicht nutzlos", kommentierte Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, die Ergebnisse der Kollegen. "Aber: Man braucht deutlich höhere Antikörperspiegel, um Omikron noch erfolgreich zu neutralisieren - ungefähr 40-fach mehr", so Watzl. Dies sei der größte Unterschied, der je bei einer Variante beobachtet worden sei.

Was bedeutet das für die Schwere einer Erkrankung nach einer Infektion mit der Omikron-Variante? Ciesek betonte auf Twitter, dass ihre jüngsten Ergebnisse nichts darüber aussagten, ob Impfstoffe bei einer Infektion mit Omikron weiter vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützen. Die Immunantwort nach einer Impfung beruht nicht ausschließlich auf Antikörpern, sondern beispielsweise auch auf T- und B-Zellen.

Auch andere Experten reagierten zuversichtlich: "Da es noch andere Komponenten des Immunsystems gibt, bin ich trotzdem optimistisch, dass durch die Immunität eine gute Schutzwirkung vor schweren Verläufen bestehen bleibt", sagte Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Immunologe Watzl sieht es ähnlich: Er gehe aktuell davon aus, "dass der Schutz vor schwerer Erkrankung auch bei Omikron noch vergleichsweise hoch ist". Das könne auch erklären, warum man in Südafrika eher milde Verläufe sieht. "Es stecken sich Personen mit Immunschutz an, die noch gut vor einer schweren Erkrankung geschützt sind. Wobei das Alter der Infizierten in Südafrika auch eine Rolle spielt."

"Ungeimpfte werden weniger geschützt"

Was bedeutet das alles für den weiteren Verlauf der Pandemie? Man werde mit Omikron noch mehr Durchbruchsinfektionen sehen, so Watzl. "Die Inzidenzen könnten daher noch mal deutlich steigen." Ungeimpfte würden gegenüber Omikron zudem noch weniger geschützt sein. "Daher werden mit steigenden Inzidenzen auch mehr schwere Fälle und damit eine zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems einhergehen", befürchtet Watzl.

Laut Ciesek zeigten die aktuellen Daten auch, dass "die Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffs sinnvoll ist". Moderna und Biontech/Pfizer und der US-Hersteller Johnson & Johnson arbeiten nach eigenen Angaben bereits an einem auf die neue Corona-Variante angepassten Impfstoff. Biontech/Pfizer hatte in der Vergangenheit bereits zwei an die Varianten Beta und Delta angepasste Versionen ihres Corona-Impfstoffs entwickelt, die aber letztlich nicht zum Einsatz kamen.

Ein auf Omikron zugeschnittener Impfstoff hätte allerdings große Vorteile, so Watzl. "Ein Booster mit einem angepassten Impfstoff würde genau die Gedächtniszellen stimulieren, die Antikörper produzieren, die auch Omikron neutralisieren können." Daher würde ein Booster mit einem angepassten Impfstoff sicherlich auch einen guten Schutz gegen Omikron vermitteln. "Wenn Omikron die Delta-Variante weltweit komplett verdrängt, werden die aktuellen Impfstoffe alle durch neue Versionen ersetzt werden müssen", sagte Watzl. Das gehe bei mRNA-Impfstoffen vergleichsweise schnell, bei den anderen Impfstoffen könne es aber deutlich länger dauern. "Da diese angepassten Impfstoffe frühestens nächstes Jahr im Februar oder März kommen werden, sollte man aber jetzt nicht darauf warten, sondern sich jetzt impfen oder boostern lassen", betonte Watzl.

Quelle: ntv.de

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