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Drohen Konflikte um Wasser? "Kein Krieg hatte bisher nur einen Grund"

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Ohne Wasser keine Zivilisation. Doch wie dramatisch wird der Wettbewerb um das knappe Gut in Zukunft?

(Foto: imago images/Westend61)

Wasser ist ein kostbares Gut. Wissenschaftler sprechen sogar von der entscheidenden Ressource des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig drohen Klimawandel und Bevölkerungswachstum Wasser knapp zu machen. Wie groß ist künftig die Gefahr von Konflikten?

Unsere Erde ist zu großen Teilen von Wasser bedeckt, genauer gesagt zu zwei Dritteln. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass Wasser deswegen fast unendlich verfügbar ist. Denn nur knapp drei Prozent des gesamten Wassers auf der Erde ist Süßwasser. Und da das meiste davon in Gletschern steckt, sind nur 0,3 Prozent des gesamten Wassers für uns Menschen nutzbar. Zugang zu sauberem und stets verfügbarem Trinkwasser ist ein Privileg und in vielen Gegenden der Welt nicht selbstverständlich. Die ungleiche Verteilung von Trinkwasser wird durch den Klimawandel und andere Faktoren tendenziell gravierender.

Denn etwa drei Milliarden Menschen leben in Gebieten mit Wassermangel - Tendenz steigend. Durch teilweise starkes Bevölkerungswachstum in manchen Ländern und den Klimawandel, der komplette Gebiete austrocknen lässt, werden die Wasserressourcen in manchen Gebieten immer knapper. Das ist besonders für die Ernährungsfrage bedrohlich, weiß Martin Keulertz. Er ist Dozent an der American University of Beirut für Wassermanagement im Mittleren und Nahen Osten und meint: "Wie können wir mit den in vielen Regionen knapper werdenden Wasserressourcen eine steigende Weltbevölkerung ernähren? Das ist die größte Herausforderung im 21. Jahrhundert." Denn ganze 70 Prozent des weltweit verfügbaren Süßwassers würden von der Landwirtschaft benötigt.

Angesichts dieser Probleme könnte also die Vermutung naheliegen, dass Konflikte um diese begehrte Ressource in der Zukunft zunehmen könnten. Schon länger gibt es die Befürchtung, es könnten eines Tages Kriege um Wasser geführt werden. Boutros Boutros Ghali, später UN-Generalsekretär, machte diese düstere Prognose schon 1985.

"Es gab keinen Krieg, der nur einen Grund hatte"

Laut Martin Keulertz lassen diese Thesen jedoch die Realität völlig außer Acht. "Es gab keinen Krieg, der nur einen Grund hatte. Wasser ist nur die Kirsche auf der Torte, es ist eine komplexe Ressource." Zwar gäbe es auf der lokalen Ebene schon seit Jahren zunehmend Konflikte rund um Wasser, so zum Beispiel in Ostafrika unter Nomaden, die ihre geringen Wasservorräte unter Anwendung von Gewalt bewachen. "Den großen Krieg zwischen Staaten gibt es aber nicht", meint Keulertz.

Aber auch wenn Wasser ihm zufolge wohl nicht zu Kriegen führen wird, so werde die Ressource dennoch entscheidend für die nächsten Jahrzehnte. Denn Länder wie Russland, in denen viele Pflanzen ohne Probleme wachsen können, nutzten die Wasserknappheit einiger anderer Länder politisch und finanziell aus, so Keulertz. Das funktioniert durch das sogenannte virtuelle Wasser. Dabei handelt es sich um die gesamte Wassermenge, die bei der Herstellung eines Produkts benötigt wird. Länder wie Ägypten, die aufgrund von Wassermangel nicht genügend Landwirtschaft betreiben können, um ihre Bevölkerung zu ernähren, gleichen diesen Wassermangel durch Lebensmittelimporte also virtuell aus.

"Russland ist der absolute Gewinner des Klimawandels, denn dort kann deutlich mehr angebaut werden. Und sie wissen ganz genau, wie sehr dies ein Nutzen für die eigenen politischen Zwecke ist", so Keulertz. Dass bestimmte Länder die unterschiedlich verteilten Wasserressourcen in Zukunft durch ihre Handelspolitik ausnutzen, könnte also zum Problem werden.

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Wenn auch kein sofortiger Einfluss auf den Klimawandel genommen werden kann, so hänge manche Wasserknappheit auch mit schlechtem Management des jeweiligen Landes zusammen, so Keulertz. Damit meint er beispielsweise die falsche Bewässerung von Pflanzen oder starke Verschmutzung, zum Beispiel in China. Auch der Libanon, wo Keulertz forscht, stehe momentan vor einer Trinkwasserkrise, die mit dem Klimawandel jedoch keinen Zusammenhang habe.

Ein erster Schritt, aus der Perspektive eines Landes wie Deutschland präventiv gegen Wassermangel in wasserärmeren Gebieten vorzugehen, wäre, das virtuelle Wasser in Produkte einzupreisen. Wenn beispielsweise eine chilenische Avocado ihren Weg in den deutschen Supermarkt macht und hier gekauft wird, sollte der Käufer für das verbrauchte Wasser bezahlen, so Keulertz. Denn hier bekämen wir nichts davon mit, dass die Avocado womöglich in der Nähe der Atacama-Wüste angebaut wurde, wo akute Wassernot herrscht.

Quelle: ntv.de

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