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Hoffnung auf "Friedenskanal" Das Tote Meer soll nicht sterben

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Der Wasserstand des Toten Meers sinkt dramatisch - in weniger als 50 Jahren könnte es verschwunden sein.

(Foto: picture alliance / Corinna Kern/)

Ein "Friedenskanal" soll das Bewässerungssystem im Nahen Osten verbessern und das schrumpfende Tote Meer auffüllen. Während das Projekt auch die Trinkwasserversorgung sicherstellen kann, befürchten Umweltschützer schwere Folgen für die Natur.

Seit Monaten plant die israelische Regierung, die Einreise für geimpfte Individualtouristen zu erleichtern. Doch durch die seit Juni rasant ansteigenden Covid-19-Infektionszahlen bleiben die Grenzen weiter geschlossen. Wie überall in der Region ist die Tourismusindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der besonders die Folgen der Corona-Krise spürte. Vor allem die Gegend um das Tote Meer, die jedes Jahr von der Hälfte der knapp vier Millionen Urlauber besucht wird.

"Seit Ausbruch der Pandemie gibt es kaum Touristen," sagt David Giladi vom Kibbuz Ein Gedi. "Viele Menschen haben deswegen ihre Jobs verloren. Wenn dann noch die essenziellen Probleme der Region hinzufügt werden, dann ist ein gesamter Ökonomiefaktor in Gefahr." Der Geologe klagt über den Abwärtstrend des Toten Meeres. Der Pegel des Salzmeers (hebräisch: Yam ha-Melah), das 436 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, sinkt pro Jahr um über einen Meter. In weniger als 50 Jahren droht das Gewässer auszutrocknen. "Hier ist die Politik gefragt," klagt Giladi. "Seit Jahrzehnten werden Lösungen präsentiert, aber nicht umgesetzt."

Ideen zur Rettung dieses Naturwunders gibt es bereits. Künftig soll eine über 200 Kilometer lange Pipeline das Rote Meer und das Tote Meer miteinander verbinden. Das als "Friedenskanal" bezeichnete 13-Milliarden-Euro-Projekt wurde von Jordanien, Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde bereits 2013 gemeinsam mit Unterstützung der Weltbank beschlossen. Es soll in erster Linie die Wasserknappheit in den angrenzenden Regionen beheben. Politische Unstimmigkeiten verzögerten den Baubeginn im Jahr 2018. Doch die neue Regierung in Jerusalem will mit seinen Partnern den "Red Sea - Dead Sea Water Conveyance" ("Rotes Meer - Totes Meer Wassertransport") neu beleben.

Das Projekt soll im Laufe mehrerer Jahre entstehen und sieht vor, jährlich eine Milliarde Kubikmeter Wasser aus dem Roten Meer zu entnehmen. Das Salzwasser wird über Pipelines in Richtung Totes Meer gepumpt. Auf dem Weg soll durch Entsalzungsanlagen Süßwasser daraus gewonnen werden, das als Trinkwasser nach Jordanien und Israel geleitet wird. Die verbleibende Salzlake fließt ins Tote Meer.

Zuläufe umgeleitet

Der Binnensee, dessen Salzgehalt zehn Mal höher ist als bei den großen Ozeanen, wurde seit Jahrtausenden durch Regen und den Jordanfluss versorgt, der vom See Genezareth nach Süden fließt. Nach der Staatsgründung Israels 1948 wurde dieser umgeleitet, um Kibbuzim zu bewässern. Vor allem aber, um die trockene Landschaft der Wüste Negev zum Blühen zu bringen. Dadurch sank der Pegel des Toten Meeres in den letzten 70 Jahren um mehr als 40 Meter.

Durch den Wasserrückgang nimmt das Grundwasser seinen Platz ein. Dieser unterirdische Prozess verursacht Schlaglöcher an der Oberfläche, von denen es mittlerweile mehr als 5000 gibt. Doch auch Jordanien hat durch die Eindämmung des Flusses Jarmuk - einer Hauptquelle des Jordan - seinen Anteil daran. Naturschützer fordern ein Umdenken, denn dieser anhaltende Trend könnte das Ökosystem der Gegend zerstören.

"Der Niedergang des Toten Meeres ist vom Menschen selbst verschuldet," sagt Gidon Bromberg, der israelische Direktor von Ecopeace Middle East, einer israelisch-jordanisch-palästinensischen Umweltorganisation zur Friedenskonsolidierung. "Umweltprobleme standen im Nahen Osten stets an letzter Stelle." Während Politiker den Klimawandel sowie jahrzehntelange Dürre als Ursache sehen, sind Umweltaktivisten und Wissenschaftler der Ansicht, dass der Schaden größtenteils von Menschen verursacht worden ist. Dies sei wiederum auf die Fahrlässigkeit der Regierung zurückzuführen. "Es ist kein globaler Klimawandel", sagt Bromberg, "sondern eine staatlich lizenzierte Ausbeutung unserer wertvollsten Ressource".

Sorge vor ökologischen Folgen

Durch das Bevölkerungswachstum in einer der wasserärmsten Regionen der Erde hat der Verbrauch des kostbaren Rohstoffs stetig zugenommen. Doch auch die Mineralindustrie am Toten Meer, wie die "Arab Potash Company" auf jordanischer und "Dead Sea Works" auf israelischer Seite, trägt einen Teil zu dessen Austrocknung bei. Ecopeace befürchtet gefährliche ökologische Folgen durch das Totes-Meer-Rotes-Meer-Projekt und warnt, dass der geplante Wasserweg entlang eines Erdbebengebiets verlaufe. "Neben einer Veränderung des Salzgehalts könnten sich Algen bilden und durch chemische Reaktionen Gips entstehen," erklärt Bromberg. "Auch Korallenriffe im Roten Meer wären gefährdet."

Der Umweltexperte befürwortet eine verantwortungsvollere Lösung, wie effizientere Technologien und Gebührenerhebungen für die Industrie. Auch müssten weitere Meerentsalzungsanlagen entstehen und mit dem Trinkwasser sparsamer umgegangen werden. Des Weiteren schlägt er eine Reanimierung des Jordans vor.

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"Das ist nicht realistisch", meint Roni Sarfati aus Tel Aviv. "Leider gibt es keine perfekte Lösung. Um die Region zu retten, müssen auch Maßnahmen ergriffen werden, die unvollkommen sind." Der aus Frankreich stammende Ingenieur für Wassertechnologie ist ein Befürworter des "Friedenskanals". Für ihn habe das Projekt eine nachhaltige Entwicklung, auch wenn der Bau sehr kostspielig ist, sein Betrieb viel Wartung erfordert und Sicherheitsfragen noch offen sind. "Es wird nicht nur das Salzmeer vollständig auffüllen, sondern zum Teil den Wassermangel in der Gegend lösen," sagt der Experte. "Der gesamte Vorgang wird zusätzlich auch Strom gewinnen."

Die meisten Menschen in der Region stehen dem "Friedenskanal" positiv gegenüber. Sie hoffen, dass das Projekt den Tourismus am Toten Meer ankurbeln und neue Arbeitsplätze schaffen wird. "Die Bevölkerung wünscht sich eine langfristige Lösung des Problems," sagt David Giladi vom Kibbuz Ein Gedi. "Die Abhängigkeit der Trinkwasserversorgung aller Länder wird den Frieden im Nahen Osten nur stärken", ist sich der Geologe sicher. "Denn Wasser bedeutet Leben."

Quelle: ntv.de

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