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Fragen zu Immunität offen Können Menschen zweimal Covid-19 kriegen?

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Antikörper deuten auf eine Immunität hin. Aber wie sicher ist diese Erkenntnis in Bezug auf Sars-CoV-2?

(Foto: dpa)

Wer Covid-19 überstanden hat, ist erst einmal immun - so lautet zumindest die bisherige Annahme der Epidemiologen. Doch Berichte über Patienten, die die Krankheit noch einmal bekamen, sorgen für Unsicherheit. Wie ist der Stand der Forschung?

Meldungen aus Asien haben in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt, wonach bereits geheilte Patienten erneut positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Ist es möglich, dass sie doch nicht immun waren? Kann man sich zweimal mit dem Virus anstecken? Bislang gibt es darauf keine eindeutige Antwort.

Epidemiologen hoffen aber, dass ein infizierter Patient nach seiner Genesung zumindest für einige Monate immun ist. "Immun zu sein bedeutet, dass der Körper eine Abwehrreaktion gegen ein Virus entwickelt hat. Und weil diese Immunreaktion ein 'Gedächtnis' hat, heißt das, dass sie auch später eine Infizierung mit demselben Virus verhindert", erläutert der Immunologe Eric Vivier von der Uniklinik in Marseille.

Im Allgemeinen dauert es bei RNA-Viren, zu denen neben den neueren Grippe-Erregern auch das Sars-CoV-2 zählt, rund drei Wochen bis zur Bildung von genügend schützenden Antikörpern, sagt Vivier. Erfahrungsgemäß hält dieser Schutz dann mehrere Monate.

Rhesusaffen entwickeln Resistenz

Soweit lautet die Theorie - doch das neuartige Sars-CoV-2 ist einfach noch zu unerforscht, um sich da sicher zu sein. "Wir wissen es nicht", sagt WHO-Nothilfedirektor Mike Ryan, der den weltweiten Kampf gegen das Virus steuert. "Wir können unsere Schlüsse nur aus unseren Erkenntnissen über andere Coronaviren ziehen, und selbst bei ihnen sind unsere Daten begrenzt."

Als während der Sars-Epidemie vom November 2003 bis Sommer 2003 weltweit fast 800 Menschen starben, waren die Patienten nach ihrer Genesung "im Durchschnitt zwei bis drei Jahre geschützt", erläutert der Experte François Balloux vom Londoner University College. "Man kann sich also wieder anstecken, die Frage ist jedoch: nach welcher Zeit?" Er fügt hinzu: "Das werden wir erst hinterher wissen."

Eine aktuelle chinesische Studie mit Rhesusaffen macht Hoffnung: Demnach zeigten sich die mit dem Virus infizierten Tiere einige Wochen nach ihrer Genesung resistent. Nach den Worten von Frédéric Tangyn vom Pariser Forschungszentrum Institut Pasteur sagt die Studie aber noch nichts über den Zeitraum einer Immunität aus - denn sie habe nur einen Monat gedauert.

Den Berichten aus Asien, wonach sich Corona-Patienten ein zweites Mal ansteckten, begegnen viele Experten allerdings mit Skepsis. Sie halten es für eher unwahrscheinlich, dass es sich tatsächlich um eine erneute Ansteckung handelt.

Schlimme Symptome trotz Antikörpern

Balloux zufolge könnte das Virus bei manchen Menschen chronisch werden wie etwa der Herpes-Erreger. Oder die negativen Testergebnisse seien fehlerhaft gewesen, und in Wirklichkeit seien die Patienten das Virus nie losgeworden: "Das würde darauf hindeuten, dass die Menschen über längere Zeit, mehrere Wochen, ansteckend bleiben", sagt er. "Das wäre nicht gerade ideal."

Eine Anfang April veröffentlichte Studie mit 175 geheilten Patienten aus Shanghai zeigt, dass die meisten von ihnen zwischen zehn und 15 Tagen nach Ausbruch der von dem Virus verursachten Lungenkrankheit Covid-19 Antikörper in unterschiedlicher Konzentration entwickelt hatten. Ob aber allein "das Vorhandensein von Antikörpern mit Immunität gleichgesetzt werden kann, ist eine andere Frage", warnt die US-Expertin bei der WHO, Maria Van Kerkhove.

"Wir fragen uns, ob jemand, der Covid-19 hatte, wirklich so sehr geschützt ist", sagt auch der Virologe Jean-François Delfraissy, der die französische Regierung berät. Schlimmer noch: Laut Pasteur-Forscher Tangy könnten die Antikörper die Krankheit sogar noch verschärfen. Er verweist darauf, dass die schlimmsten Covid-19-Symptome erst auftreten, wenn ein Patient bereits Antikörper entwickelt hat.

Zudem ist unklar, wer wirksamere Antikörper entwickelt - die am stärksten oder die am wenigsten betroffenen Patienten, die älteren oder die jungen? Angesichts all dieser Ungewissheiten stellen manche Experten auch den Erfolg einer Herdenimmunität in Frage. Für den australischen Epidemiologen Archie Clements steht nur eines fest: "Die einzige wirkliche Lösung ist ein Impfstoff."

Quelle: ntv.de, Amélie Bottollier-Depois, AFP