Immunabwehr und BelohnungssystemMacht der Hoffnung erhöht Wirkung der Impfung

Der Placeboeffekt bei der Einnahme von Medikamenten ist allgemein bekannt: Allein die positive Erwartung hilft schon. Nun liefert eine neue Studie erstmals Belege, dass dieser Effekt nachweislich die Antikörperzahl nach einer Impfung erhöhen kann.
Mit einem Training des Belohnungssystems im Gehirn haben Menschen in einer Studie das Ergebnis ihrer Impfung gegen Hepatitis B verbessert. Sie produzierten deutlich mehr Antikörper gegen diese Leberentzündung als andere Teilnehmer, schreibt ein israelisches Team im Fachjournal "Nature Medicine". Aus Tierversuchen gibt es Hinweise, dass die auf diese Weise erhöhte Zahl der Antikörper tatsächlich auch die Immunabwehr verbessert.
Wer von einem Medikament Hilfe erwartet, dem kann dieses sogar dann eher nutzen, wenn es keinen Wirkstoff enthält. Dieser sogenannte Placeboeffekt ist gut dokumentiert, auch wenn die Ursachen noch nicht ganz aufgeklärt sind. Belegt ist, dass ein Mensch allein durch die geweckte Erwartung von Hilfe schmerzstillende Substanzen produzieren kann.
"Ergebnisse eröffnen neue Wege zur Behandlung"
Die neue Studie liefere erstmals Belege beim Menschen dafür, dass der Placeboeffekt einen Einfluss auf das Immunsystem habe, schreibt ein Team um Jonathan Kipnis von der Washington University in St. Louis in einem "Nature Medicine"-Kommentar. "Die Ergebnisse (...) eröffnen neue Wege zur Behandlung zahlreicher medizinischer Erkrankungen durch gezielte Beeinflussung der Aktivität innerhalb des Belohnungssystems des Gehirns."
In der Studie hatte ein Forschungsteam geprüft, ob das Hochregulieren eines bestimmten Teils des Belohnungssystems die Reaktion auf eine Impfung verstärkt. Es bestand aus drei Ko-Leitern, darunter Nitzan Lubianiker von der Tel Aviv University in Israel und der Yale University in New Haven (USA).
Für das Hochregulieren wurde ein spezielles Training, das sogenannte Neurofeedback, mehrfach wiederholt: Die Probanden sollten dabei lernen, mit ihren Gedanken ihr Belohnungssystem zu aktivieren. Dabei wurde ihnen via Kernspintomographie die Aktivität der entsprechenden Hirnregion angezeigt. Über mehrere Trainingseinheiten hinweg lernten sie auf diese Weise Strategien, um die Aktivität der Hirnregion zu steigern. Das gelang am besten mit bewussten positiven Erwartungen beziehungsweise Vorfreude.
Im Versuch wurden 85 Studienteilnehmer auf drei Gruppen verteilt: 34 Probanden trainierten einen speziellen Teil im Belohnungsnetzwerk, 34 eine andere Hirnregion und 17 praktizierten gar kein Training. Danach erhielten alle Probanden eine Impfung gegen Hepatitis B. Nach zwei und vier Wochen wurde das Blut untersucht. Insgesamt reagierten gleichmäßig über die Gruppen verteilt zwölf Probanden nicht auf die Impfung, andere schieden aus anderen Gründen aus, so dass jeweils 30 Probanden in den Trainingsgruppen übrig blieben.
Positive Gedanken als Booster für die Impfung
Bei den beiden Trainingsgruppen stieg die Aktivität im Belohnungssystem an. Eine erhöhte Antikörperproduktion nach der Impfung zeigten jedoch nur Menschen, die eine spezielle Region im Belohnungssystem aktiviert hatten: Entscheidend für eine große Zahl an Antikörpern war die Hochregulation des sogenannten ventralen tegmentalen Areals (VTA) - nicht jedoch die Aktivität des zum Belohnungssystem gehörenden Nucleus accumbens (Nac) oder der Kontrollregion.
Drei Monate nach der Impfung zeigte sich zwar immer noch ein Zusammenhang zwischen Hirnaktivität und Zahl der Antikörper. Allerdings war dieser - auch wegen der zu diesem Zeitpunkt nur noch geringen Teilnehmerzahl - nicht signifikant.
Diese Befunde sprechen für das Vorhandensein einer Verbindung zwischen dem ventralen tegmentalen Areal und dem Immunsystem. Dies stimmt der Studie zufolge mit früheren Befunden aus Mausstudien überein. Die Hochregulation des Areals werde nicht durch einfache positive Zustände wie etwa Glück oder Freude verursacht, sondern vielmehr durch den Einsatz positiver Erwartungen, schreiben die Kommentatoren. "Dies unterstreicht den potenziellen Einfluss positiver Erwartungen - oder Hoffnung - auf immunologische Folgen."
In der Studie wurde zwar nicht geprüft, ob eine erhöhte Antikörperkonzentration auch zu einer besseren Abwehr gegen Hepatitis B führt. Frühere Studien an Mäusen zeigten nach Angaben des Teams jedoch, dass eine Aktivierung von Nervenzellen in der entsprechenden Hirnregion das Immunsystem beeinflusst und zu einer verbesserten Erholung von bakteriellen Infektionen führt.
"Zusammen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass bewusst erzeugte positive Erwartungen die Belohnungsschaltkreise aktivieren können, um die Immunfunktion zu beeinflussen", schreibt das Team. Dieser Prozess könnte eines Tages für nicht-invasive Veränderungen des Immunsystems genutzt werden.