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Weiß-Golden oder Blau-Schwarz? Neurowissenschaftler lüftet Geheimnis um "The Dress"

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(Foto: picture alliance / Bildagentur-online/McPhoto)

Welche Farbe hat das Kleid? Diese Frage beschäftigt vor sieben Jahren Menschen rund um die Welt. Jeder hat eine Antwort parat, nur ist die immer anders. Das Internetphänomen bringt auch Experten ins Grübeln. Die Erklärung liefert ein US-Wissenschaftler.

"Das Drama, das den Planeten spaltete", titelt die "Washington Post" 2015. Gemeint ist nicht etwa die Flüchtlingskrise oder das Pariser Klimaabkommen, sondern ein Kleid - genau genommen das Foto eines Kleides. Diskussionsbedarf entsteht bei der Frage: Ist das Kleid weiß und golden oder schwarz und blau? Allein unter dem Hashtag #TheDress erscheinen zwischenzeitlich unglaubliche 11.000 Tweets pro Minute. Was auch immer die Menschen sehen, es scheint unmöglich, es anders zu sehen. Die Erklärung für das Phänomen liegt in der Funktionsweise unserer Gehirne, wie ein Neurowissenschaftler herausfindet.

Das Kleid brachte damals nicht nur die Social-Media-Welt zum Grübeln. Wie "The Wired" berichtet, erstaunte es auch Pascal Wallisch, einen Neurowissenschaftler von der New York University. Als er das Kleid nämlich zum ersten Mal sah, erschien es für ihn golden-weiß gestreift zu sein. Als er es jedoch seiner Frau zeigte, sah sie etwas vollkommen anderes: Sie war überzeugt, dass es schwarz-blau gestreift sei. "Die ganze Nacht war ich wach und dachte darüber nach, was das möglicherweise erklären könnte", sagte Wallisch der US-Zeitschrift.

Dank jahrelanger Forschung habe er geglaubt, die etwa 30 Schritte in der Kette der visuellen Verarbeitung bis ins letzte Detail verstanden zu haben. Doch "all das wurde im Februar 2015 auf den Kopf gestellt, als das Kleid in den sozialen Medien auftauchte", erzählt der Wissenschaftler. Er habe sich wie ein Biologe gefühlt, der gerade erfahren hatte, dass Ärzte ein neues Organ im menschlichen Körper entdeckt hatten.

Warum Zitronen gelb sind

Das Lichtspektrum, das wir sehen können, die Grundfarben Rot, Grün und Blau, sind bestimmte Wellenlängen elektromagnetischer Energie, erklärt Wallisch. Diese Energiewellenlängen werden von einer Lichtquelle wie der Sonne, einer Lampe oder einer Kerze ausgestrahlt. Wenn dieses Licht zum Beispiel auf eine Zitrone trifft, absorbiert die Zitrone einige dieser Wellenlängen, der Rest prallt ab. Was zurückbleibt, dringt durch die Pupille ein und trifft auf die Netzhaut im hinteren Teil des Auges. Dort werden die Informationen in elektrochemische Neuronen übersetzt, die vom Gehirn verwendet werden, um die subjektive Erfahrung des Sehens von Farben zu konstruieren.

Da das meiste natürliche Licht aus einer Kombination von Rot, Grün und Blau besteht, absorbiert eine Zitrone die blauen Wellenlängen und lässt die roten und grünen auf der Netzhaut zurück. So sehen wir eine gelbe Zitrone. Die Farbe existiert jedoch nur in unserer Vorstellung. Im Prinzip sei Gelb ein Hirngespinst, sagt der Neurowissenschaftler. "Der Grund, warum wir uns in der Regel einig sind, dass Zitronen gelb sind, liegt darin, dass alle unsere Gehirne so ziemlich die gleiche Vorstellung erzeugen, wenn Licht auf Zitronen trifft."

Uneinigkeit entsteht meist nur, wenn ein gesehenes Bild in irgendeiner Weise mehrdeutig ist und das Gehirn sich auf eine Interpretation einigt. Laut Wallisch sind die besten Beispiele dafür optische Täuschungen wie etwa die Rubin-Vase, die manchmal wie eine Vase und manchmal wie die Silhouette zweier Menschen aussieht, die sich gegenüberstehen.

Unser Gehirn erschafft eigene Realität

Beim viral gegangenen Foto des Kleides trifft das jedoch nicht zu. Denn hier geht das gleiche Licht in alle Augen und auch jedes Gehirn interpretiert die Linien und Formen als Kleid. Aber: Nicht alle Gehirne wandeln das Licht in die gleichen Farben um. Um herauszufinden, woran das liegt, untersuchte Wallisch mehr als 13.000 Probandinnen und Probanden; er veröffentlichte seine Ergebnisse im Fachmagazin "Journal of Vision". Er kam zu dem Schluss, dass die Unterschiede in der Wahrnehmung auf unsere Annahmen darüber zurückzuführen sind, wie das Kleid beleuchtet wurde.

Die Studienteilnehmer, die dachten, dass das Kleid im Schatten fotografiert wurde, sahen das Kleidungsstück als golden und weiß an. Im Gegensatz dazu interpretierten diejenigen, die davon ausgingen, dass es von künstlichem Licht beleuchtet wurde, es eher als schwarz und blau, resümiert Wallisch. "Das Originalbild war überbelichtet, sodass die Beleuchtungsquelle unklar war", erklärt er in der Studie. "Infolgedessen stellen wir Vermutungen darüber an, wie das Kleid beleuchtet wurde, was sich auf die Farben auswirkt, die wir sehen."

Verschiedene Annahmen zur Beleuchtung

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"Schatten sind blau, also subtrahieren wir gedanklich das blaue Licht, um das Bild zu sehen, das dann in hellen Farben - Gold und Weiß - erscheint", so Wallisch. Künstliches Licht sei jedoch eher gelblich. "Wenn unser Gehirn davon ausgeht, dass das Foto aufgehellt wurde, ziehen wir Gelb heraus, sodass ein Kleid übrigbleibt, das wir als schwarz und blau sehen." Das sei eine grundlegende kognitive Funktion: "Um die Farbe eines Objekts zu erkennen, muss die Beleuchtungsquelle berücksichtigt werden, was das Gehirn ständig tut."

Unabhängig davon, welche Farben die Menschen subjektiv sehen: Das Bild scheint für den Einzelnen nie mehrdeutig zu sein, da die Menschen bewusst nur die Ergebnisse ihrer Prozesse erlebten und die Ergebnisse auf den vorherigen Erfahrungen der Person mit Licht basierten, erklärt Wallisch. "Wenn die Wahrheit ungewiss ist, löst unser Gehirn diese Ungewissheit also ohne unser Wissen auf, indem es die wahrscheinlichste Realität erschafft, die es sich auf der Grundlage unserer früheren Erfahrungen vorstellen kann."

Quelle: ntv.de

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