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Eindeutige TU-Modelle Ohne Schnelltests kommt die dritte Welle

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TU-Forscher: Schnelltests können trotz hochansteckender Virus-Mutante B.1.1.7 Lockerungen bei gleichzeitig sinkenden Fallzahlen ermöglichen.

(Foto: imago images/BeckerBredel)

Die TU Berlin erstellt für die Regierung Modelle zum weiteren Umgang mit der Corona-Pandemie. Da die Mutante B.1.1.7 wohl noch ansteckender ist als bisher vermutet, ist eine dritte Welle für die Verfasser ohne Verschärfungen unvermeidlich, solange nicht flankierend Schnelltests eingesetzt werden.

Niemand kann behaupten, die Regierung hätte nicht schon vor der Bund-Länder-Konferenz am 3. März gewusst, wie entscheidend der Einsatz von Schnelltests in der gegenwärtigen Pandemie-Situation ist. Denn die Technische Universität (TU) Berlin hat im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zuvor Modelle erstellt, die anhand verschiedener Szenarien zeigen, dass Lockerungen ohne solche Tests in den kommenden Wochen unweigerlich zu einer dritten Welle führen werden.

Die Simulationen wurden im Rahmen der regelmäßig von der TU fürs BMBF verfassten Modus-Covid-Berichte angefertigt. Die Verfasser schreiben, der schnelle Anstieg des Anteils der Virus-Mutante B.1.1.7 lasse sich nur mit ihren Berechnungen in Einklang bringen, wenn man nicht wie bisher von einer 30 bis 70 Prozent höheren Übertragbarkeit im Vergleich zum Sars-CoV-2-Wildtyp ausgehe, sondern von einer zu 100 Prozent höheren. Am 26. Februar gingen die Wissenschaftler daher davon aus, dass die Variante schon Anfang März dominant sein wird, "und selbst bei Beibehaltung der derzeitigen Maßnahmen eine dritte Welle folgen wird."

Die TU-Forscher haben insgesamt vier Modelle erstellt. Im ersten werden vergleichbar zum Frühjahr 2020 leichte Lockerungen vorgenommen, im zweiten Modell wird der Lockdown so wie er im Februar war weitergeführt, die dritte Variante zeigt, wie eine Verschärfung der Restriktionen wirkt, und Modell 4 beschreibt eine Strategie, in der unter Einsatz von Schnelltests "intelligent gelockert" und die Pandemie "intelligent bekämpft" wird.

Einfach lockern ist nicht intelligent

Gewollt oder nicht, die Wortwahl der Forscher bei der vierten Variante lässt schon erahnen, dass die beiden ersten Möglichkeiten keine besonders schlauen Strategien wären. Vor allem das Szenario für leichte Lockerungen mit teilweise geöffneten Geschäften und Restaurants ohne flankierende Maßnahmen führt im Modell zu einer sich rasch aufbauenden dritten Welle, "die auch durch die höheren Temperaturen im Frühling nicht signifikant gebremst oder beendet würde." Die Folge wären Infektions- und Hospitalisierungszahlen, "um ein mehrfaches höher als im Dezember." Letztendlich erwarten die TU-Modellierer bei diesem Szenario nach einigen Wochen eine Kurskorrektur mit drastischen Gegenmaßnahmen.

Würde der Lockdown mit den Maßnahmen fortgeführt, die Mitte Februar gültig waren, ergibt das Modell der Berliner Universität eine moderate dritte Welle, mit vermutlich etwas geringeren Fallzahlen als im Dezember. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass ungefähr ab April "die wärmere Jahreszeit zur Hilfe kommt."

Verschärfen oder intelligent handeln

Kaum noch als Welle ist zu bezeichnen, was bei weiteren Verschärfungen der Maßnahmen herauskämme. Laut Simulation stiegen die Zahlen im Laufe des März etwas an, bevor sie mit dem Übergang zur wärmeren Jahreszeit wieder abnehmen. Ein vollständiges Besuchsverbot oder eine "weitgehende Schließung der Arbeitsplätze" halten die Verfasser in Relation zur Härte der Maßnahmen dabei für zu wenig wirksam. Als effektivste Einschränkung sehen sie abendliche und nächtliche Ausgangssperren, empfehlen diese aber eher als lokale Eingriffe.

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Die vier Szenarien von oben links bis unten rechts.

(Foto: TU Berlin)

Klarer Favorit der Wissenschaftler ist ein viertes Szenario mit einer "intelligenten" Gestaltung von Infektionsschutzmaßnahmen. Dabei wären Lockerungen in besonders bedeutsamen Gesellschafts- und Wirtschaftsbereichen bei einem gleichzeitigen Absinken der Fallzahlen möglich. Der Simulation zufolge könnten die Neuansteckungen im Laufe des Aprils sogar in Richtung Null gehen.

Dafür setzen die TU-Forscher voraus, dass bereits bewährte Infektionsschutzmaßnahmen wie das Tragen von medizinischen Masken in Innenräumen - idealerweise FFP2-Masken - konsequent umgesetzt wird. Dazu kommen eine grundsätzliche Vermeidung von Kontakten in Innenräumen, eine Reduktion von Personendichten, eine Verlagerung von Aktivitäten nach draußen, ein deutlich besseres (maschinelles) Lüften und "insbesondere" der Einsatz von Schnelltests.

Schnelltests zeigen "erhebliche positive Wirkung"

In ihren Simulationen zeigten "Schnelltests vor Schule, Arbeitsstätte oder Besuch bei Freunden eine erhebliche positive Wirkung", schreiben die Wissenschaftler. Sie betonen, es käme bei der Bekämpfung der Infektionsdynamik nicht darauf an, alle Infektionen durch Tests aufzuspüren, es reiche einen genügend hohen Anteil davon zu finden.

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Generell gelte, dass "ein breiter Einsatz von Schnelltests eine sehr stark infektions-reduzierende Wirkung hat, und daher sogar bei B.1.1.7 mit leichten Lockerungen kombiniert werden kann, solange diese gezielt ausgewählt werden."

Schnelltests können also ein bisschen Normalität zurückbringen. Für Anhänger eines "Freitestens" haben die TU-Modellierer allerdings eine schlechte Nachricht. Eine Öffnung der Innengastronomie halten sie bis auf Weiteres für nicht verantwortbar. Hier sei die Kombination aus räumlicher Enge, lautem Sprechen, nicht möglicher Maskenpflicht sowie einer relativ langen Aufenthaltsdauer derart ungünstig, dass eine deutliche Zunahme der Infektionsdynamik die Folge wäre, schreiben sie. Essen und trinken im Freien halten die Wissenschaftler aber für akzeptabel und mit der Forderung nach Planbarkeit erfüllbar.

Quelle: ntv.de

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