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Erster Deutscher auf der ISS Reiters Raumfahrt-Märchen feiert Jubiläum

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Zehn Jahre ist es her, dass der deutsche Astronaut Thomas Reiter mit der "Discovery" zur ISS startete.

(Foto: dpa)

Vor genau zehn Jahren feiert Deutschland das Sommermärchen - Tausende Kilometer entfernt spielt sich für Thomas Reiter ein ganz besonderer Traum ab: Der Astronaut reist als erster Deutscher zum Außenposten der Menschheit - der Internationalen Raumstation ISS.

Ganz Deutschland schwimmt auf einer Jubelwelle während der Fußball-WM 2006, da erlebt der Astronaut Thomas Reiter in den USA sein ganz eigenes Sommermärchen: Als erster Deutscher startet er vor zehn Jahren, am 4. Juli 2006, von Cape Canaveral zur Internationalen Raumstation ISS.

Auf einem gleißenden Feuerstrahl hebt die US-Raumfähre "Discovery" um 14.38 Uhr Ortszeit ab. Es ist ein Glücksmoment für die deutsche Raumfahrt - und ein schwarzer Tag für den deutschen Fußball: Während Reiter dem Himmel entgegenfliegt, verpasst die DFB-Elf gegen Italien das Finale der Weltmeisterschaft.

Es ist Reiters zweite Mission. Bei seiner Premiere 1995, als er an Bord einer Sojus-Kapsel zur russischen "Mir"- Raumstation reist, gibt es die ISS noch nicht. "Zwischen den beiden Flügen lagen elf Jahre. Da waren manche unmittelbaren Eindrücke etwas verblasst", erinnert sich der 58-Jährige. "Aber insgesamt hatte ich eine gute Vorstellung von dem, was auf mich wartet. Man freut sich auf die Arbeit mit den Kollegen, die neue Umgebung - und natürlich auf den Ausblick."

Gerst begeistert soziale Netzwerke

Reiter ist der erste Deutsche in dem fliegenden Labor, zwei weitere folgen. Zunächst erreicht Hans Schlegel 2008 als letzter deutscher Teilnehmer einer US-Shuttle-Mission die Raumstation. Im Mai 2014 folgt Alexander Gerst in einer russischen Sojus-Kapsel. Seine Nachrichten aus dem All sind ein Hit in sozialen Netzwerken. 2018 soll Gerst erneut zur ISS fliegen, dann sogar als Kommandant. Er wäre der erste Deutsche in dieser herausragenden Funktion.

Reiter bleibt 2006 rund 171 Tage auf dem Außenposten der Menschheit. Er wohnt im russischen Teil und ist begeistert, dass der Aufbau der ISS seit 1998 so schnell voranschreitet. "Die Station ist bereits heute viel größer als die Mir in ihrer Endbauphase war", lässt der gebürtige Hesse damals die Erde wissen. Mit rund 28.000 Stundenkilometern rast die ISS in etwa 90 Minuten einmal um den Erdball.

Raumfahrer schwärmen von dem Blick aus rund 400 Kilometern Höhe auf unseren Planeten. Nachts funkeln Megastädte, tagsüber glitzern Ozeane. "Ich hatte nach beiden Missionen das Gefühl, den Ausblick zu selten genossen zu haben. Auch mal rausschauen ohne den Druck, fotografieren zu müssen. Für einen selbst, mit Musik im Ohr. Etwa Klassik oder "Albatross" von Fleetwood Mac", sagt Reiter.

Der Flug über einen schier endlosen Ozean oder eine geschlossene Wolkendecke seien natürlich nicht so interessant. "Aber das majestätische Schweben über den Kontinenten, verbunden mit der Schwerelosigkeit. Wenn die Sonne am Horizont versinkt und die Städte vorbeiziehen - das aufzunehmen macht geradezu süchtig", erzählt er.

Wie geht es weiter?

Gut ein Dutzend Nationen - neben den USA und Russland vor allem Europäer sowie Japan und Kanada - beteiligen sich an der ISS, die mit ihren Sonnensegeln aussieht wie eine riesige Libelle im Erdorbit. Inmitten der Diskussion über ein mögliches Ende der Raumstation 2024 zieht Reiter ein positives Zwischenfazit. "Die ISS hat alle Erwartungen erfüllt. Deutschland gehört mit fast 100 Experimenten zu ihren intensivsten Nutzern. Und mit Blick auf den Kalten Krieg sollten wir nicht vergessen, dass die Zusammenarbeit im Orbit nicht immer so problemlos war."

Natürlich müssten sich die Partner fragen: Wie geht es weiter? "Aber es wäre schade, den Riesenaufwand betrieben zu haben und jetzt zu sagen: Okay, hören wir auf", meint Reiter, der seit 2011 bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA arbeitet. Die Arbeit in der Schwerelosigkeit sei kein Zuckerschlecken, betont er. "Wie auf der Erde gibt es während einer solchen Mission Momente, in denen es nicht so gut läuft. Dafür hat man dann seine Kollegen, die einen stützen."

Auf der Raumstation sei es heute auch bedeutend einfacher, mit der Familie Verbindung aufzunehmen - sei es per Mail oder sogar per Telefon. 2006 spricht er mit der frischgewählten Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Zehn Jahre nach seiner historischen Mission räumt Reiter ein wehmütiges Gefühl ein: "Mich packt immer wieder die Sehnsucht, obwohl man dort oben Familie und Natur vermisst."

Quelle: ntv.de, Wolfgang Jung, dpa

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