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Alternative zum Kondom? So werden Männer bald ganz bestimmt nicht verhüten

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Wissenschaftler arbeiten daran, dass Männer bald mehr Auswahl bei Verhütungsmethoden haben.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Die Deutschen beugen Schwangerschaften am häufigsten mit der Pille vor. Eine Hormontherapie für den Mann galt lange als Tabu, aber das Interesse an neuen Verhütungsmitteln für ihn wächst. Gearbeitet wird an Samenleiter-Stopfen, Hodenbädern, Testosteron-Gelen. Nicht alle Methoden sind gleichermaßen erfolgversprechend.

Noch ist die Verhütung in festen heterosexuellen Partnerschaften oft Frauensache. Sie kann wählen zwischen verschiedenen Spiralen, der Pille und auch Apps, die die fruchtbaren Tage ermitteln sollen.

Für den Mann gibt es kaum eine Alternative zum Kondom. Die meistgenutzte ist die Vasektomie - die Durchtrennung der Samenleiter. Theoretisch kann man diese rückgängig machen, aber nicht in allen Fällen wird die Fruchtbarkeit wiederhergestellt. Darum forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon länger an Verhütungsmethoden auf Zeit.

Barriere im Samenleiter

Michael Zitzmann ist Oberarzt an der Uniklinik in Münster. Er ist auf Innere Medizin, Hormonmedizin und Männerheilkunde spezialisiert und an internationalen Forschungsprojekten beteiligt. Er weiß, welche Ideen es für neue Verhütungsmittel für Männer gibt. Zum Beispiel ein Gel, mit dem man den Samenleiter verstopft und das man bei Bedarf wieder absaugt. "Das Problem ist: Sobald man einen Samenleiter verletzt, werden die Spermien dem Immunsystem ausgesetzt", so Zitzmann gegenüber ntv.de. Um den Großteil der Spermien könne sich dann eine Hülle von Antikörpern bilden, die das Eindringen in die Eizelle und somit eine mögliche Schwangerschaft erschwert. Jeder direkte Eingriff am Samenleiter verringert daher die Chance, die volle Fruchtbarkeit wiederzuerlangen.

Diese Gefahr sieht Zitzmann auch bei dem sogenannten Samenleiter-Ventil, das ein in der Schweiz lebender Tischler entwickelt hat. Laut der Website des Entwicklers Clemens Bimek unterbricht das geschlossene Ventil die Spermienzufuhr, sodass die Samenflüssigkeit steril bleibt. Mit einem Kippschalter könne der Träger das Ventil bei Bedarf öffnen und wieder zeugungsfähig sein. Zitzmann kritisiert, dass es keine Studien gebe, die belegen, dass die Spermien nach der Ventilöffnung voll funktionsfähig seien. Bisher trägt nur der Entwickler selbst das Ventil. Von der einen Million Euro für eine erste klinische Studie konnte Bimek bisher nur ein Prozent eintreiben.

Wärmebehandlung für den Hoden

Die Hoden liegen außerhalb des Körpers im Hodensack, da dort die optimale Temperatur für die Spermienproduktion vorherrscht - etwa zwei bis vier Grad unter der allgemeinen Körpertemperatur. Werden die Hoden zu warm, kann die Qualität und Anzahl der Spermien abnehmen. Dieses Prinzip machen sich sowohl sogenannte Thermo-Slips als auch Ultraschallbäder für die Hoden zunutze.

Der Thermoslip ist eine Art Unterhose mit einem Ring oder Loch an der Vorderseite. Träger können den Penis und Hodensack durch diese Öffnung ziehen. Die Hoden selbst bleiben hinter dem Loch und liegen somit eng am Körper in der Leistengegend, wo sie sich erwärmen. Auch ein Patient von Zitzmann habe von seiner erfolgreichen Verhütung mit dem Thermoslip berichtet, so der Experte. Es würden allerdings Studien fehlen, die die Fruchtbarkeit vor und nach der Anwendung vergleichen, meint Zitzmann "Außerdem wissen wir nicht, wie sich das Ganze erholt, wenn man die Anwendung aussetzt. Es ist also eine schöne Idee, aber man kann sich nicht darauf verlassen."

Eine Industriedesignerin aus München, Rebecca Weiss, hat eine Art Mini-Badewanne entworfen, in die man die Hoden einlassen kann. Auf Knopfdruck geht ein Ultraschall an, der durch Tiefenwärme die Spermien unproduktiv machen soll. Zusammen mit anderen Experten vertritt Weiss die Hypothese, dass Männer so reversibel verhüten können. Das heißt: Ohne Bad kommt die Fruchtbarkeit zurück. Für Studien am Menschen sammelt die Erfinderin noch Geld. Oberarzt Zitzmann schätzt, "dass vielleicht 10 bis 20 Prozent der Männer dann keine Spermien mehr haben und andere wenige." Aber auch wenige Spermien würden für eine Schwangerschaft ausreichen. "Das ist keine sichere Variante, das kann ich jetzt schon sagen."

Hormonbehandlung für den Mann

Was ist eigentlich mit einer Pille für den Mann? Zitzmann hält das für eine unrealistische Lösung, denn der Körper würde die zugeführten Hormone zu schnell in der Leber abbauen. Aber man könne Testosteron spritzen oder als Gel auftragen. Denn ausgerechnet zu viel Testosteron kann schlecht für die Spermien sein. Darauf bauen hormonelle Verhütungsmittel für den Mann. Wird dem Körper von außen Testosteron und Gestagen zugeführt, setzt die körpereigene Produktion der Hormone aus. "Die Zentrale im Gehirn denkt dann: Die Hormone sind schon da", erklärt Zitzmann. Werden die Hoden nicht vom Hirn dazu angeleitet, eigenes Testosteron herzustellen, werden auch keine Spermien produziert. Diese vorübergehende Unfruchtbarkeit ließe sich rückgängig machen.

Der Arzt aus Münster hat ab 2007 eine internationale Studie für die Weltgesundheitsorganisation mit einer Antibaby-Spritze mitgeleitet. Männer mit Verhütungswunsch bekamen diese alle acht Wochen. 10 bis 15 Prozent der Teilnehmer klagten allerdings teilweise über Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und verminderte Lust auf Sex. Deshalb wurde die Studie beendet. Zitzmann ärgert sich darüber: "Wir sprechen von Nebenwirkungen wie bei der Antibaby-Pille für die Frau. Aber hier hat die Weltgesundheitsorganisation gesagt: Das ist uns zu viel. Ich denke, dass es hier eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung gibt, welche Nebenwirkungen wir Männern und Frauen zutrauen". Die Verhütungswirkung sei dagegen sogar besser als bei der Pille für die Frau. Die Forschung zur Spritze wurde aber eingestellt und eine Zulassung nicht weiter verfolgt.

Am erfolgversprechendsten ist laut Zitzmann derzeit ein Testosteron-Gel, das Männer täglich auf dem Oberarm auftragen müssten. Erste Studienergebnisse aus den USA erwarte er in etwa drei Jahren. Die Forschung zu Verhütungsmittel für Männer laufe aber generell zu schleppend, so Zitzmann. "Die Pharmaunternehmen, die vor 15 Jahren die ersten Versuche gestartet haben, wurden aufgekauft und sind verschwunden. Bei einem Kongress dieses Jahr habe ich dann gemerkt, dass es einen neuen Anlauf gibt." Zitzmann sieht darin Chancen für Paare mit Kinderwunsch. "Neue Methoden nutzen nicht nur Männern alleine, sondern Frauen und Paaren. Sie geben ihnen die Möglichkeit, zusammen zu entscheiden, wie sie verhüten."

(Dieser Artikel wurde am Montag, 03. Oktober 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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