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Prähistorisches Werkzeug?Warum Neandertaler Sumpfschildkröten jagten

14.04.2026, 18:09 Uhr
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Sumpfschildkröten waren den Forschern zufolge eine "einfach zu erbeutende Nahrungsquelle" für die Urmenschen. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Im heutigen Sachsen-Anhalt jagten Neandertaler vor 125.000 Jahren riesige Waldelefanten - und Schildkröten. Forschern zufolge wurden die Reptilien allerdings nicht primär zum Verspeisen erlegt, sondern hatten noch einen anderen Verwendungszweck.

Schildkrötenpanzer als Schöpflöffel? Was sich aus heutiger Perspektive erst einmal absurd anhört, war wohl eine Methode im Alltag der mitteleuropäischen Neandertaler. Das legen neue Erkenntnisse eines internationalen Forschungsteams um Sabine Gaudzinski-Windheuser von der Universität Mainz nahe, die im Wissenschaftsmagazin "Scientific Reports" veröffentlicht wurden.

Untersuchungsgegenstand des Teams waren rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern, die im heutigen Sachsen-Anhalt in der altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord entdeckt wurden. "Bei dem Gebiet handelt es sich um eine ganz, ganz außergewöhnliche Fundstelle", erklärt Gaudzinski-Windheuser. Denn "durch die dortigen Umweltarchive lassen sich Funde zeitlich besonders gut eingrenzen", so die Forscherin weiter. 

Das Team untersuchte die 92 Stücke der Schildkrötenpanzer unter anderem mithilfe von hochauflösenden 3D-Scans. Bei vielen der Panzer zeigten sich Schnittspuren an der Innenseite. Das deutet den Angaben nach darauf hin, dass die Reptilien von den Neandertalern sorgfältig ausgeschlachtet wurden: Sie trennten Gliedmaßen ab, entfernten innere Organe und säuberten die Panzer. 

Daraus ergibt sich zunächst eine Erkenntnis: "Unsere Daten liefern den ersten Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen, jenseits des Mittelmeerraums, gezielt Schildkröten jagten und verwerteten", sagt Gaudzinski-Windheuser. Zuvor war nur bekannt, dass Neandertaler in südlichen Gefilden Schildkröten jagten. 

Panzer als Werkzeuge

Damit aber nicht genug: "Wir sind mit der These gestartet, dass Neandertaler Schildkröten nur als Notnahrungsquelle verwendet haben - und zwar dann, wenn die Großwildjagd nicht mehr als ausreichende Nahrungsquelle dienen konnte", so die Wissenschaftlerin. Doch die Funde im Gebiet Neumark-Nord sprechen gegen diese These. "Gerade das Gebiet rund um Neumark-Nord zeichnet sich durch viel Protein in der Landschaft aus. Für die Neandertaler gab es dort ungeheuer viel Fleisch, das gejagt werden konnte, beispielsweise von Waldelefanten", erklärt die Professorin weiter. Der Europäische Waldelefant war das größte damals lebende Landsäugetier. 

In Neumark-Nord wurden bereits mehr als hunderttausend Tierknochen oder Knochenfragmente gefunden, darunter auch etliche von Hirschen, Rindern und Pferden – eigentlich also mehr als genug Nahrung für die Neandertaler. Warum sollten sie dann noch Schildkröten jagen? Die Forscher schlussfolgerten, dass das Jagen der Schildkröten mit ihrem geringen Nährwert damals nur Sinn machte, wenn die Panzer später als Werkzeuge, wie Schöpflöffel, genutzt wurden.

Möglicherweise von Kindern gejagt

Eine weitere These, die sich laut Gaudzinski-Windheuser aber nicht zweifelsfrei bestätigen lässt: Da es sich bei den Sumpfschildkröten um eine "einfach zu erbeutende Nahrungsquelle" handele, bestehe die Möglichkeit, dass die Tiere eventuell von Kindern gejagt worden seien. 

Neben der Vermutung, dass die Panzer als Werkzeuge verwendet worden seien, sei es auch möglich, dass die Tiere wegen ihres Geschmacks oder eines vermeintlich medizinischen Nutzens gejagt worden seien. Insgesamt lässt sich festhalten: "Unsere aktuellen Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die ökologische Flexibilität und die komplexen Überlebensstrategien des Neandertalers", sagt Studienautorin Gaudzinski-Windheuser.

Quelle: ntv.de, gri/dpa

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