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Corona-Gefahr in Räumen Übertragung durch Aerosole rückt in Fokus

Bei einem Gottesdienst in Frankfurt stecken sich mutmaßlich trotz Abstandsregeln und Desinfektionsmitteln viele Menschen mit dem Coronavirus an. Damit rückt ein Übertragungsweg verstärkt in den Fokus: Aerosole. Hinweise, dass diese eine große Rolle spielen könnten, mehren sich.

Mehr als 100 Menschen stecken sich in Frankfurt am Main nach einem Gottesdienst vor rund zwei Wochen mit dem Coronavirus an. In Niedersachsen infizieren sich mindestens 18 Menschen im Zusammenhang mit dem Besuch eines Restaurants im Landkreis Leer. Beide Fälle werfen die Frage auf: Kann man sich in geschlossenen Räumen auch anstecken, wenn Abstandsregeln eingehalten werden?

Zwar könnte es in dem Lokal in Moormerland im Landkreis Leer, in dem sich zunächst 14 Gäste infiziert hatten, zu Verstößen gegen Corona-Auflagen gekommen sein - laut Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann hatte es dort etwa Händeschütteln und Umarmungen gegeben. Die ebenfalls von einem Corona-Ausbruch heimgesuchte freie baptistische Gemeinde in Frankfurt jedoch betonte, dass der notwendige Abstand gewahrt und Desinfektionsmittel bereitgehalten worden sei. Allerdings räumte die Gemeinde in einem auf ihrer Webseite veröffentlichten Schreiben ein: "Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten."

Drosten lenkt Blick auf Aerosole

Deutschlands meistzitierter Virologe Christian Drosten betonte im Deutschlandfunk, dass im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus stärkeres Augenmerk auf feinste Schwebeteilchen in der Luft - sogenannte Aerosole - gelegt werden sollte. "Im Alltag sollte man sich eher vielleicht aufs Lüften konzentrieren und weniger auf das ständige Wischen und Desinfizieren", so Drosten.

Der Charité-Wissenschaftler verwies auf wissenschaftliche Erkenntnisse und sagte, es verstärke sich der Eindruck, dass es zusätzlich zur Tröpfcheninfektion eine deutliche Komponente von Aerosol-Infektionen gebe. "Ab irgendeinem Zeitpunkt brauchen wir einfach vielleicht auch eine große Überarbeitung unserer jetzigen Richtlinien anhand neuaufkommender Vorstellungen zum Infektionsmechanismus." Dazu müsse man jetzt anerkennen, dass die Aerosolübertragung eine wichtige Rolle spiele.

Viele Studien hatten bereits Hinweise auf die Ansteckungsgefahr durch Aerosole in geschlossenen Räumen geliefert. Forscher des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK) hatten herausgefunden, dass Menschen durch Sprechen Aerosole ausstoßen, die sich bis zu 14 Minuten in der Luft halten können. Die Menge der Partikel hing dabei auch von der Lautstärke ab. Eine weitere Studie von Anfang April zeigte, dass in experimentell erzeugten Aerosolen bis zu drei Stunden vermehrungsfähige Sars-CoV-2-Viren nachweisbar sein können - allerdings unterscheiden sich diese Aerosole grundlegend von jenen, die hustende oder niesende Covid-19-Patienten im normalen gesellschaftlichen Umgang ausstoßen.

Ende April veröffentlichte "Nature" eine Studie, in der chinesische Wissenschaftler Luftproben aus zwei Krankenhäusern in Wuhan analysierten. Die Forscher konnten immer Aerosole mit Erbinformationen (RNS) des Virus nachweisen, vor allem in Proben, die in Patienten-Toiletten oder Umkleidekabinen des Personals genommen wurden.

Ansteckung bei Chorprobe

Ein Hinweis auf eine vermutlich hohe Gefahr, in geschlossenen Räumen über Aerosole infiziert zu werden, zeigt auch der vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) veröffentlichte Fall einer Chorprobe im US-Bundesstaat Washington. Dabei steckte innerhalb von 2,5 Stunden ein sogenannter Superspreader von 60 weiteren Teilnehmern mindestens 32 an. Allerdings könnten sich die Sänger auch über normale Tröpfcheninfektion angesteckt haben, der Studie nach standen sie beispielsweise zu dicht beieinander oder teilten sich Snacks.

Einen ähnlichen Fall gab es in Deutschland, über den der RBB berichtete. Demnach wurden mindestens 32 Teilnehmer von 74 Chormitgliedern nach einer Probe der Berliner Domkantorei positiv auf Covid-19 getestet. Die lange Verweildauer in einem Raum während der Probe habe "es offensichtlich unerheblich gemacht, wie weit man voneinander weg sitzt", sagte Chorleiter Tobias Brommann laut "Evangelisch.de".

Auch wenn es noch keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine Covid-19-Verbreitung durch Aerosole gibt, scheint dies doch sehr wahrscheinlich zu sein. Daher schreibt derzeit das Robert-Koch-Institut (RKI): "Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig ist, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass Sars-CoV-2-Viren über Aerosole auch im gesellschaftlichen Umgang übertragen werden können."

Quelle: ntv.de, kst/dpa