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Neben Feuerwehrleuten und offiziellen Rettungskräften packten auch viele freiwillige Helfer mit an.
Neben Feuerwehrleuten und offiziellen Rettungskräften packten auch viele freiwillige Helfer mit an.(Foto: imago/ZUMA Press)
Dienstag, 10. Juli 2018

Herz, Kreislauf und Psyche: Viele 9/11-Helfer leiden stark unter Spätfolgen

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 halfen in New York Zehntausende Freiwillige bei den Aufräumarbeiten. Darunter litt auch ihre eigene Gesundheit sehr, zeigt eine Langzeitstudie. Viele wurden traumatisiert, mit gravierenden Folgen für den Körper.

Aufräumhelfer nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Traumatisierung und Herz-Kreislauferkrankungen. Eine Langzeitstudie zeigt, dass jeder fünfte Mann, der in den Wochen und Monaten nach dem Einsturz des World Trade Centers half, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelte. Bei den Frauen war es sogar jede vierte.

Bei beiden Geschlechtern steigerte dieses Trauma ein gutes Jahrzehnt später - im Vergleich zu den übrigen Helfern - das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall um den Faktor 2,4. Das berichtet ein Team um Molly Remch von der City University in New York und Zoey Laskaris von der University of Michigan im Fachblatt "Circulation: Cardiovascular Quality and Outcomes".

Nach den Anschlägen am 11. September, bei denen etwa 3000 Menschen umkamen, halfen Zehntausende Freiwillige bei den Aufräumarbeiten - und wurden dabei nicht nur mit der Verwüstung rund um Ground Zero konfrontiert, sondern mitunter auch mit menschlichen Überresten. Untersuchungen prüfen seitdem die gesundheitlichen Folgen für die Helfer. Die jetzige Studie beobachtete knapp 6500 freiwillige Arbeiter, 83 Prozent davon Männer.

Ausgiebige Untersuchung kurz nach den Arbeiten

Aufräumarbeiten am Ground Zero in New York.
Aufräumarbeiten am Ground Zero in New York.

Die Teilnehmer wurden schon kurz nach den Arbeiten ausgiebig untersucht. Von 2012 bis Mitte 2016 erfassten die Forscher dann die Herzinfarkte und Schlaganfälle. Zu Beginn jener Phase waren die Teilnehmer im Mittel 51 Jahre alt.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung erlitten insgesamt 20 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen - dieser Anteil liege doppelt so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung, schreibt das Team. Eine solche Störung äußert sich beispielsweise durch häufiges Wiedererleben der Situation etwa in Alpträumen, durch Meidungsverhalten und eine erhöhte Reizbarkeit. Der Wert von 20 bis 26 Prozent liege deutlich höher als in anderen PTBS-Studien, sagt Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz-Zentrum München, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. Das wertet der Experte für psychosomatische Medizin als Hinweis auf die Wucht der traumatischen Erfahrung nach den Anschlägen.

Bei den traumatisierten Teilnehmern lag das spätere Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall der Studie zufolge um knapp den Faktor 2,4 höher als bei den übrigen Helfern - unabhängig vom Geschlecht. Überraschenderweise spielten die klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht und hoher Cholesterinspiegel bei den Teilnehmern keine große Rolle. Auch in welchem Maße die Teilnehmer den Staubwolken ausgesetzt waren, beeinflusste das Risiko für Infarkt und Schlaganfall im vierjährigen Beobachtungszeitraum nicht.

Sehr hohe Aussagekraft der Studie

Die Forscher wissen nicht, ob ihre Resultate auf alle 90.000 Menschen, die nach den Anschlägen halfen, übertragbar sind. Sie messen der Studie aber sehr hohe Aussagekraft bei - weil alle Teilnehmer ein ähnliches traumatisches Ereignis erlebten, noch dazu zur gleichen Zeit.

Ladwig spricht von einer wichtigen Studie, die schon durch ihre Größe beeindrucke. Andere heftige Katastrophen wie Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Erdbeben könnten für Opfer und Helfer ähnliche Folgen haben. Generell seien Posttraumatische Belastungsstörungen sehr dauerhaft und schwer zu behandeln. Das liege auch daran, dass viele Traumatisierte dazu neigten, sich zurückzuziehen und sich zu vernachlässigen. "Wenn Ärzte solche Patienten regelmäßig zu sehen bekämen, könnte man viele gesundheitliche Folgen abwenden."

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Quelle: n-tv.de