Wissen

Knowledge-Action-GapWarum wir uns nicht besser gegen Erkältungen schützen

14.02.2026, 10:14 Uhr
imageVon Torsten Landsberg
00:00 / 06:35
31-01-2020-FFP2-Masken-im-oeffentlichen-Nahverkehr-Symbolbilder-Eine-junge-Frau-traegt-eine-FFP2-Maske-im-Bus
Auf bis zu 0,1 Prozent kann eine korrekt getragene FFP2-Maske das Ansteckungsrisiko reduzieren. In Deutschland ist sie aber auch in der Erkältungssaison selten in der Öffentlichkeit zu sehen. (Foto: picture alliance / M.i.S.-Sportpressefoto)

Die Zahl der Atemwegserkrankungen ist hoch, aber normal für diese Jahreszeit. Trotzdem ließe sich das Ausmaß der Erkältungswellen beeinflussen. Wir müssten nur die Möglichkeiten nutzen, sagt der Präventionsforscher Hajo Zeeb.

Die Debatte über den deutschen Krankenstand entgleist schnell ins Emotionale. Wer die Zahl der Krankmeldungen thematisiert, steht im Verdacht, der Bevölkerung Faulheit zu unterstellen. Dabei werden vermutlich alle, die schon mal krank waren oder es gerade sind, zustimmen: Jede Erkrankung ist eine zu viel. Mit Blick auf die aktuelle Erkältungssaison könnte man also fragen, ob sich das Infektionsrisiko nicht durch einfache Maßnahmen reduzieren ließe.

Die Zahl der Atemwegserkrankungen ist seit Jahresbeginn deutlich gestiegen, das Robert Koch-Institut (RKI) attestiert ein hohes Niveau. Besonders Influenza-Viren treiben das Geschehen. Auch die im Abwasser gemessene Last des RSV-Erregers steigt. Dennoch wirkt die Einordnung des RKI beruhigend: Die Aktivität akuter Erkrankungen liege auf einem saisonal üblichen Stand, heißt es. Das klingt fast nach Tradition - und so, als sei dagegen nichts auszurichten.

"Weil wir dieses saisonale Auftreten von Influenza und anderen Viren über Jahrzehnte beobachtet haben, hat es eine gewisse Normalität", sagt Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, zu ntv.de. "Trotzdem ist diese Normalität nicht gottgegeben, wir können das Ausmaß beeinflussen: Es gibt sehr viele Möglichkeiten, sich zu schützen."

"Haben in Deutschland erhebliche Impfgegnerschaft"

Für mehr als die Hälfte der Atemwegsinfekte sind aktuell Influenza-Viren verantwortlich. Eine präventive und wirksame Maßnahme ist die Grippeschutzimpfung. Internationalen Studien zufolge senkt sie das Risiko einer Ansteckung im Schnitt um rund 50 Prozent, in jüngeren Altersgruppen sogar um bis zu 80 Prozent. Während der Corona-Pandemie stieg die Quote der Grippeimpfungen im Winter 2020/2021 bei Personen über 60 Jahren in Deutschland auf 47,3 Prozent an, 2024/2025 fiel sie mit 34,5 Prozent sogar unter das Vor-Pandemie-Niveau. Die WHO empfiehlt für diese Gruppe eine Quote von 75 Prozent.

"Wir haben leider in Deutschland eine erhebliche Impfgegnerschaft, auch gegen etwas relativ Simples wie die Grippeimpfung", sagt Hajo Zeeb. Diskussionen über Nebenwirkungen und ein Immunsystem, das angeblich durch Infektionen gestählt werden müsse, sorgten für Verunsicherung. "Da gibt es alle möglichen kruden Vorstellungen, in den USA ist das Infragestellen sinnvoller Gesundheitsmaßnahmen inzwischen sogar politische Tendenz. Das spielt alles eine Rolle."

Vor einigen Wochen forderte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin von der Ständigen Impfkommission (Stiko) eine Ausweitung der Impf-Empfehlung für alle Menschen ab dem sechsten Lebensmonat. Kinder würden erheblich zur Verbreitung der Grippe beitragen und seien selbst in großer Zahl betroffen. Die Grippewelle rolle unkontrolliert über das Land. Das sieht auch Hajo Zeeb so: Zwar könne sich jeder unabhängig vom Alter impfen lassen, "aber etwas mehr Rückenwind vonseiten der Gesundheitsbehörden und der Stiko könnte den Nutzen deutlich mehr ins Bewusstsein bringen".

Sozialer Druck und schiefe Blicke

Seit der Pandemie ideologisch mindestens so aufgeladen wie Impfungen ist die Nutzung des Mund-Nasen-Schutzes. Dabei ist die Datenlage eindeutig: Auf bis zu 0,1 Prozent kann eine korrekt getragene FFP2-Maske das Ansteckungsrisiko laut einer Studie des Max-Planck-Instituts von 2021 reduzieren. Internationale Modelle bestätigen die hohe Schutzfunktion, trotzdem sitzen in der U-Bahn mehr hustende Menschen als solche, die eine Maske tragen.

"Wir sind die saisonalen Erkältungskrankheiten gewohnt, das war bei Corona anders", sagt Zeeb. Gesellschaften seien nicht geübt darin, solche Erfahrungen in den Alltag zu übertragen. "Uns fehlt die Sorge, ernsthaft krank zu werden. Dieser kleine Akt, eine Maske aufzusetzen, bleibt trotzdem ein Akt, der einen Schritt aus dem gewohnten Alltag heraus bedeutet." Womöglich werde man mit Maske von anderen Fahrgästen sogar schief angeguckt, was die Entscheidung zusätzlich beeinflussen könne - "trotz des Wissens, ich könnte mich und meine Mitmenschen vor Erkrankungen schützen".

Während laut einer Studie 38 Prozent der japanischen Bevölkerung 2012 während der Grippesaison im öffentlichen Raum eine Gesichtsmaske trugen und Rücksichtnahme und Gemeinschaftsschutz dort gelernte Praxis sind, ist die Maske bei uns mit Zwang verknüpft. Nach der Rückkehr zur Normalität passt sie als Relikt des Ausnahmezustands nicht mehr ins Bild. Trägt also kaum jemand eine Maske, wächst der soziale Druck, es selbst auch nicht zu tun. Die Forschung bezeichnet das als "Knowledge-Action-Gap", also die Lücke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun.

Zeeb: Desinformation und Hetze haben Klima vergiftet

"Man könnte da unbeschwert rangehen und sagen: Wir wissen jetzt mehr als früher, weil wir während Corona eine Bevölkerungsanwendung hatten und gesehen haben, das ist eine gute Sache", sagt Zeeb. Eine rationale Kommunikation sei aber kaum möglich, weil Desinformation und Hetze das Klima vergiftet hätten. "Deshalb halten sich da alle zurück, samt den Leuten, die für die Gesundheitskommunikation zuständig sind. Dabei wäre mehr öffentliche Aufmerksamkeit für die Wertigkeit von Masken super."

Ein Blick zu den Olympischen Winterspielen zeigt, wie schnell der Puls beim Anblick von Masken bei manchen Menschen steigt. Wie auf Knopfdruck formierten sich Maskengegner in Social-Media-Beiträgen, als das deutsche Biathlon-Team beim Feiern seiner Bronzemedaille vor einigen Tagen Mund-Nasen-Schutz trug. Auch Sportlerinnen und Sportler anderer Nationen erschienen im Olympischen Dorf oder auf Pressekonferenzen mit Masken - freiwillig, denn das Olympische Komitee ruft dazu nicht auf.

"Genau dieses Verhalten sollte normalisiert werden", sagt Zeeb, "denn die wissen, warum sie es tun, sie wollen halt fit bleiben." Die deutsche Biathletin Franziska Preuß sagte im ARD-Interview, das Team sei vom eigenen Hygienekonzept überzeugt. Um gesund zu bleiben, müsse man halt mal eine Maske aufsetzen. Ihr Fazit: "Es gibt Schlimmeres."

Quelle: ntv.de

GrippeImpfungErkältungskrankheitenFFP2-MaskeGesundheit