Infektion mit demselben VirusWarum manche nur schniefen - und andere schwer erkranken
Von Hedviga Nyarsik
Ob ein Erkältungsvirus harmlos bleibt oder schwere Beschwerden verursacht, entscheidet sich früh - und zwar in der Nase. Eine neue Studie zeigt, wie stark der Krankheitsverlauf von der Geschwindigkeit der Immunabwehr abhängt.
Ein und dasselbe Erkältungsvirus kann vollkommen unterschiedliche Folgen haben: Während manche Menschen kaum mehr als ein leichtes Schniefen verspüren, entwickeln andere schwere Atemprobleme oder sogar lebensbedrohliche Komplikationen. Eine neue Studie der Yale School of Medicine zeigt nun, dass nicht das Virus allein darüber entscheidet, wie krank wir werden - sondern vor allem die Geschwindigkeit der Immunabwehr in der Nase.
Im Mittelpunkt der Forschung steht das Rhinovirus, der häufigste Auslöser von Erkältungen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, warum dieses Virus bei vielen Menschen nahezu folgenlos bleibt, bei anderen jedoch starke Entzündungen, massive Schleimbildung und schwere Symptome auslöst. Entscheidend ist dabei die sogenannte Interferon-Antwort: ein frühes Alarmsystem des Immunsystems, das Virusvermehrung bremst und die Ausbreitung der Infektion eindämmt.
Wie früh diese Abwehr greift - und was passiert, wenn sie versagt -, wollten die Forschenden genauer verstehen. Dafür züchteten sie menschliche Nasenzellen im Labor, bis sie ein Gewebe bildeten, das dem natürlichen Nasenepithel sehr ähnlich ist. Anschließend infizierten sie diese Zellen mit Rhinoviren und beobachteten mithilfe moderner Analysetechniken, wie Tausende Zellen gleichzeitig reagierten.
Immunantwort bestimmt Schwere der Erkältung
Das Ergebnis: Setzte die Interferon-Antwort früh ein, blieb die Infektion stark begrenzt. Weniger als zwei Prozent der Zellen wurden infiziert. "Bei einer Person könnte das bedeuten, dass man gar keine Symptome hat oder nur ein leichtes Schniefen", erklärt Studienautorin Ellen Foxman in einer Mitteilung der Uni. Wurde diese frühe Abwehrreaktion jedoch blockiert, breitete sich das Virus deutlich stärker aus - rund 30 Prozent der Zellen waren betroffen. Gleichzeitig produzierten die Zellen große Mengen Schleim und entzündliche Botenstoffe. "Wir konnten sowohl das Szenario einfangen, in dem das Virus eingedämmt wird, als auch das, in dem es massive Entzündungen und Schleimbildung auslöst", so Foxman.
Die entscheidende Erkenntnis laut Team: Nicht allein das Virus bestimmt den Krankheitsverlauf, sondern vor allem die Reaktion des Körpers. "Es ist die Immunantwort, die letztlich festlegt, welche Krankheit das Virus verursacht", sagt Foxman. Warum die Interferon-Antwort bei manchen Menschen abgeschwächt ist, bleibt allerdings offen. Künftige Untersuchungen an Patientinnen und Patienten sollen klären, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen - etwa genetische Unterschiede oder Vorerkrankungen wie Asthma.
Baustein für das Verständnis alltäglicher Erkältungen
Fachkollegen bewerten die Ergebnisse als wichtigen Schritt. Der Virologe Dan Barouch vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, der nicht an der Studie beteiligt war, nennt die Arbeit gegenüber CNN "sehr informativ". Menschen mit einer starken frühen Interferon-Antwort bekämen vermutlich "nur einen leichten Schnupfen und erholen sich schnell", während andere schwerer erkranken. Allerdings sei noch unklar, "wie jemand seine Interferon-Antwort gezielt verbessern kann".
Darauf weist auch Larry Anderson von der Emory Universität hin. Ob eine Virusinfektion mild oder schwer verläuft, hänge meist von mehreren Einflüssen ab: von Begleitbakterien über genetische Voraussetzungen bis hin zu bestehenden Erkrankungen oder einer früheren Immunität. Das gilt laut dem Mediziner nicht nur für Rhinoviren, sondern ebenso für Influenza, RSV oder Coronaviren. "Man sieht diese Unterschiede bei einer ganzen Reihe von Atemwegsinfektionen", sagt Anderson dem US-Sender.
Die Studie liefert den Experten zufolge dennoch einen wichtigen Baustein für das Verständnis alltäglicher Erkältungen - und ihrer gefährlichen Ausnahmen. Langfristig könnten die Erkenntnisse helfen, Therapien gezielter auf Entzündung und Schleimbildung auszurichten, statt nur das Virus selbst zu bekämpfen, heißt es auch in der Studie, die in der Fachzeitschrift "Cell Press Blue" veröffentlicht wurde.