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Impfschutz gegen Delta-Variante Was bedeuten 90 Prozent Wirksamkeit?

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Die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech, Moderna und Astrazeneca gegen die Delta-Variante muss man differenziert betrachten.

(Foto: picture alliance / Hans Lucas)

Die Impfstoffe schützen auch vor der Delta-Variante des Coronavirus, allerdings soll die Wirksamkeit reduziert sein, knapp unter 90 Prozent liegen. Was heißt das, sind 10 Prozent der Geimpften schutzlos, ist jeder Einzelne zu 90 Prozent geschützt oder bedeutet es etwas ganz anderes?

Die 7-Tage-Inzidenz ist in Deutschland zwar mit rund fünf Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sehr niedrig. Aber während alle anderen Corona-Virus-Varianten auf dem Rückzug sind, breitet sich die Delta-Mutante (B.1.617.2) rasant aus. In der dritten April-Woche meldeten laut RKI-Bericht die Labore sechs Fälle, zwei Wochen später 49. Mitte Mai zählte man 94 Delta-Neuinfektionen, in der ersten Juni-Woche 377, vergangene Woche waren es bereits 1400. Das Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt in seinem Bericht zur Bedrohungslage, dass Delta europaweit Ende August einen Anteil von 90 Prozent erreichen wird.

Die Variante ist laut ECDC nicht nur um 40 bis 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Mutante (B.1.1.7), die Anfang des Jahres die dritte Corona-Welle in Deutschland antrieb. Verschiedene Studien haben auch ergeben, dass die in Deutschland eingesetzten Impfstoffe gegen B.1.617.2 weniger wirksam sind.

Delta drückt Schutzwirkung unter 80 Prozent

Die englische Gesundheitsbehörde PHE geht aufgrund einer eigenen Vorab-Studie bei vollständigen Geimpften von einem 80-prozentigen Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung aus, während es bei der Alpha-Variante noch 88 Prozent waren. Bei nur einer Dosis verringert sich der Schutz auf etwa 30 bis 40 Prozent.

Der Chicagoer Gesundheits-Chef Allison Arwady sagte gestern, laut einer aktuellen Studie betrage die Wirksamkeit des mRNA-Impfstoffs von Pfizer/Biontech gegen die Delta-Variante 84 Prozent. Einer am 14. Juni publizierten schottischen Studie nach ist das Vakzin sogar nur zu 79 Prozent gegen Delta wirksam. Pfizers medizinischer Direktor Alon Rappaport sagte dagegen kürzlich, das Vakzin schütze zu ungefähr 90 Prozent vor einer Corona-Erkrankung durch die Variante.

Weniger Antikörper im Blut

Moderna hat am Montag eine eigene Vorab-Studie veröffentlicht, wonach bei seinem mRNA-Impfstoff die Anzahl der neutralisierenden Antikörper (Titer) im Vergleich zum Wildtyp bei Delta 2,1 bis 3,2 Mal geringer ausfällt. Der Hersteller umgeht so eine Prozentangabe zur Wirksamkeit, schreibt in seiner Pressemitteilung allerdings, es handle sich nur um eine "moderate Reduzierung."

Basierend auf einer Langzeitstudie des Londoner University College scheint Modernas Vakzin aber wie der Impfstoff von Biontech und Pfizer eine hohe Schutzwirkung behalten zu haben. Der "Legacy"-Studie zufolge reduzierte sich bei diesem Vakzin die Anzahl der Antikörper im Blut um das 5,6-fache. Der Moderna-Impfstoff schützt demnach mindestens genauso wirksam gegen die Delta-Variante. Die Reduzierung der Titer dürfte der Grund dafür sein, dass zwei Dosen für eine gute Schutzwirkung nötig sind. Denn so wird die geringere Anzahl der gebildeten Antikörper ausgeglichen.

Nicht so gut sieht es bei dem Vektor-Vakzin von Astrazeneca aus. Denn laut "Legacy"-Studie konnten nur bei 62 Prozent der vollständig Geimpften Antikörper nachgewiesen werden, während es beim Biontech-Mittel bei 95 Prozent der Fall war.

In einer Pressemitteilung weist Astrazeneca allerdings auf eine weitere PHE-Vorab-Studie hin, in der es heißt, der Impfstoff schütze auch bei der Delta-Variante nach der zweiten Dosis zu 92 Prozent vor schweren Erkrankungen mit Krankenhauseinweisung. Außerdem habe es keinen einzigen Todesfall nach der vollständigen Impfung gegeben.

Schutz vor schwerem Verlauf weiter sehr hoch

Damit trifft das Unternehmen den Nagel zwar auf den Kopf, denn darauf kommt es vor allem bei Impfungen an: schwere Verläufe und Todesfälle zu vermeiden. Doch gleichzeitig trickst Astrazeneca auch ein bisschen, um die Prozentangabe zu erhöhen. Denn was diese Impfwirkung betrifft, stehen die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna noch etwas besser da, Biontech kommt in der PHE-Vorabstudie auf 96 Prozent.

Die Wirksamkeit von Impfstoffen anhand von Prozentangaben zu vergleichen, ist aber ohnehin schwierig. Es beginnt schon damit, dass viele Menschen nicht wissen, was es mit der angegebenen Wirksamkeit bei der Zulassung der Stoffe auf sich hat.

Es geht ums Risiko

Wenn ein Vakzin zu 90 Prozent wirksam ist, bedeutet dies nicht, dass nur 90 Prozent der Geimpften geschützt sind und die anderen 10 Prozent völlig umsonst zwei Injektionen in den Oberarm erhalten haben. 90 Prozent Wirksamkeit heißt, dass sich für alle vollständig Geimpften das Risiko einer Ansteckung mit Krankheitssymptomen um diesen Wert im Vergleich zu Ungeimpften reduziert.

Um die Schutzwirkung zu ermitteln, werden Studienteilnehmer (Phase 3) in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Im Falle des Biontech-Vakzins waren es beispielsweise 43.500 Personen zwischen 12 und 91 Jahren. Die eine Hälfte wird geimpft, die andere erhält ein Placebo. Nach einer gewissen Zeit stellt man fest, wie viele aus der jeweiligen Gruppe erkranken. Dazu zählen auch ganz harmlose Verläufe, jede Ansteckung zählt. 90 Prozent Wirksamkeit bedeuten, dass die Gruppe der Geimpften im Verhältnis zu den Ungeimpften 90 Prozent weniger Erkrankte zählte.

Werte kaum vergleichbar

Vergleichbar sind die Prozentwerte der Vakzine vor allem aus zwei verschiedenen Gründen nicht: Zum einen müssten dazu alle Impfstoffe an denselben Studienteilnehmern erprobt werden. Zum anderen müssten die gleichen Bedingungen herrschen. Unter anderem fanden die Studien zu unterschiedlichen Zeitpunkten an verschiedenen Orten der Welt statt.

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Ähnlich schwierig ist es jetzt, die verminderte Wirkung bei der Delta-Variante genau zu bestimmen. Wichtig ist aber, dass eine Abnahme von 95 auf 90 oder 80 Prozent keine Katastrophe ist. Denn es bedeutet ja lediglich, dass es mehr Ansteckungen gibt. Wie das von Astrazeneca herangezogene PHB-Preprint aber zeigt, schützen die Vakzine nach der zweiten Impfung noch sehr gut vor Hospitalisierungen, alle drei senken das Risiko, schwer zu erkranken um mehr als 90 Prozent. Und selbst wenn es passiert, ist die Gefahr, im Krankenhaus zu sterben, extrem gering.

Mehr Infektionen trotz doppelter Impfung

Eine reduzierte Schutzwirkung bedeutet allerdings, dass das Prinzip, alle Geimpfte als komplett Immunisierte anzusehen, mit der Delta-Variante nicht mehr greift. Zu viele von ihnen können sich noch anstecken und das Virus weitertragen. Das sieht man aktuell vor allen in Großbritannien, wo die Delta-Variante schon einen Anteil von fast 100 Prozent erreicht hat. Fast 50 Prozent der britischen Bevölkerung wurde bereits zweimal geimpft, die Fallzahlen steigen aber rasant und die 7-Tage-Inzidenz liegt wieder über 200.

Quelle: ntv.de

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