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Studie zeigt Corona-Auswirkungen Was verrät der Profifußball über Long Covid?

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Auch die Fußballprofis Kerem Demirbay und Matthias Ginter (v.l.) hatten sich mit dem Coronavirus infiziert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wer von Long Covid betroffen ist, berichtet häufig von schneller Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Welchen langfristigen Effekt hat Corona auf die Arbeitsleistung von Menschen? Antworten könnte der Profifußball liefern.

Was haben Abstandsregeln und Lockdowns im Kampf gegen das Coronavirus wirklich gebracht? Hätte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben nicht so stark runtergefahren werden dürfen, weil die Folgen des Lockdowns schwerer wiegen als die einer Corona-Infektion? Diese Meinung vertreten einige Menschen im Land: Politiker, Bürger, auch so mancher Experte. Doch dabei wird in der Regel nicht daran gedacht, welche langfristigen Auswirkungen Corona-Infektionen auf die Leistungsfähigkeit der Erkrankten und letztlich der gesamten Gesellschaft haben können.

Das Phänomen Long Covid ist noch kaum erforscht. Der britische Wissenschaftler James Reade hat zusammen mit seinen deutschen Kollegen Kai Fischer und Benedikt Schmal nach Antworten gesucht. Fündig geworden sind sie im Profifußball. "Der Profifußball bietet eine besonders gute Datenlage", erklärt Fischer im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Es gebe viele Möglichkeiten, die Leistungen der Spieler zu messen. "Beim Schreibtischjob kann man nicht messen, ob sich jemand gerade produktiv verhält oder nicht. Das ist beim Fußball ganz anders."

Fast jeder fünfte Spieler mit Corona infiziert

Das dreiköpfige Forscherteam hat sich die Daten von allen Spielern aus der Ersten Bundesliga und der Serie A, Italiens höchster Liga, angeschaut. Betrachtungszeitraum sind die Saisons 2019/20 und 20/21. Die ersten positiv getesteten Spieler sind in beiden Ligen Anfang März 2020 aufgetreten. Bis Ende der folgenden Saison, im Mai 2021, haben sich von den 1406 Spielern in den beiden Ligen 257 mit dem Coronavirus angesteckt. Statistisch gesehen hat sich also fast jeder fünfte Spieler aus der Bundesliga und Serie A infiziert.

Was die Datenlage für die Wissenschaftler so interessant macht: Die Profifußballer werden seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Frühjahr 2020 regelmäßig getestet, somit werden keine Infizierten übersehen. Die falsch-positiven Tests wurden in der Analyse natürlich nicht berücksichtigt.

Um die Leistungen der Spieler zu vergleichen, haben die Wissenschaftler auf verschiedene Leistungsdaten zurückgegriffen. Zentraler Parameter der Analyse war das Passspiel. "Pässe umfassen zwei Komponenten von Leistungen. Einmal ist das der physische Aspekt. Ich kann nur Pässe spielen, wenn ich den Ball bekomme. Um an den Ball zu kommen, muss ich an der richtigen Stelle stehen. Außerdem spielen kognitive Effekte eine Rolle, denn für ein gutes Stellungsspiel muss ich während des Spiels hellwach sein", erklärt Fischer.

Die Studie zeigt, dass die Zahl der Pässe eines Profifußballers auch sechs Monate nach überstandener Corona-Infektion durchschnittlich noch fünf bis sieben Prozent niedriger ist als vor der Erkrankung. "Wir haben die Passleistungen zudem in kurze und lange Pässe unterteilt. Beide Werte sind auch sechs Monate nach Infektion noch schlechter, bei den kurzen Pässen ist der Effekt stärker", erklärt Benedikt Schmal. Die gelaufenen Kilometer und die Anzahl der abgefangenen Bälle bewegen sich ebenfalls auf einem signifikant niedrigeren Niveau.

Weitere Erkenntnis: Die Passleistungen der Spieler verschlechtern sich vor allem nach einer halben Stunde Spielzeit deutlich. "Dieser Effekt geht über die allgemeinen Leistungsveränderungen der Spieler innerhalb eines Spiels hinaus", schreiben die Autoren in ihrer Studie. Die Auswirkungen auf die Passgenauigkeit und Balleroberungen sind zwar ebenfalls negativ, aber nicht signifikant und deshalb in der Analyse zu vernachlässigen.

Schlechtere Leistungen und seltener in der Startelf

Die Wissenschaftler haben zudem analysiert, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Fußballer ist, überhaupt auf dem Platz zu stehen. Nach einer Corona-Infektion fallen Spieler in der Regel allein schon wegen der Quarantänezeit mindestens zwei bis drei Wochen aus. Aber die Analyse zeige auch, dass infizierte Spieler nach ihrer Rückkehr auch ein halbes Jahr später noch signifikant weniger Spielzeit bekommen, so Schmal im Podcast. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spieler in der Startelf steht, ist geringer. Die Wahrscheinlichkeit, dass er durchspielt, ist geringer."

Aber ist es nicht normal, dass ein Spieler, der zwei oder drei Wochen krank zu Hause ist und kein Training absolvieren kann, nach seinem Comeback grundsätzlich sehr lange braucht, um wieder die alte Form zu erreichen? Nein, sagen die Wissenschaftler. Nach kleineren oder auch größeren Verletzungen kommen die Spieler im Durchschnitt jedenfalls schneller auf ihr altes Niveau zurück.

"Und genauso verhält es sich mit anderen Atemwegserkrankungen. Bei normalen Atemwegsinfekten sind die Spieler sofort wieder voll da. Aber nach Corona eben nicht. Die Leistungen sind im Schnitt ein halbes Jahr lang schlechter", bilanziert Schmal. Die Autoren schreiben, dass die Ergebnisse entweder "auf ein geringeres Wissen über die Behandlung der Krankheit oder auf stärkere gesundheitliche Folgen für die menschlichen Atemwege" zurückzuführen seien.

Nicht vergleichbar mit "normalen" Verletzungen

Lassen sich aus dem Fußballkontext denn Rückschlüsse darauf ziehen, welche Auswirkungen Corona-Infektionen Einzelner für ein Team haben können? Die Wissenschaftler haben jedenfalls herausgefunden, dass die Passleistungen der Fußballmannschaften mit den meisten Corona-Erkrankten um etwa sieben Prozent sinken - somit ist also ein negativer Team-Effekt signifikant. "Betroffene Teams gewinnen auch seltener, aber das ist kein signifikanter Wert. Es muss schon relativ viel passieren, bis aus einem 3:0 ein Unentschieden wird. Da reicht die eine oder andere Infektion nicht aus", so Fischer.

Aber welche Schlüsse lassen sich aus den Erkenntnissen aus dem Profifußball für die Gesellschaft allgemein ziehen? Die Studie deute daraufhin, dass Covid-19 einen langfristigen Einfluss auf die Leistung am Arbeitsplatz haben kann, so die Autoren. "Erkrankte können auch über ein halbes Jahr nach ihrer Infektion noch fünf Prozent weniger leistungsfähig sein, das kann sich auf die Produktivität eines ganzen Unternehmens auswirken", heißt es weiter.

Was man zudem bedenken sollte: Die untersuchten Profifußballer waren körperlich topfit, in der Regel zwischen 18 und 35 Jahre alt. Deshalb könnte der Effekt in der allgemeinen Gesellschaft noch viel größer sein. "Wenn schon diese Menschen mit fünf bis sieben Prozent weniger Leistungsfähigkeit konfrontiert sind: Wie sieht es dann in älteren Bevölkerungsgruppen aus? Der Großteil der Infizierten sind ja keine Leistungssportler. Sind die Effekte vielleicht noch stärker? Und was für volkswirtschaftliche Auswirkungen hätte das?", fragt Schmal im Podcast.

In Deutschland haben sich im Verlauf der Pandemie bislang fast 4,2 Millionen Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Die Dunkelziffer ist vermutlich nochmal deutlich höher. Wie viele Menschen von Long Covid betroffen sind, ist unklar. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin schätzt, dass 10 bis 15 Prozent aller Erkrankten mit Langzeitfolgen zu kämpfen haben. Die Profifußball-Studie gibt einen Hinweis auf die möglichen Auswirkungen.

Quelle: ntv.de

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