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"Artemis 1" macht den Auftakt Was wollen wir eigentlich auf dem Mond?

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Der Mond ist eine leblose Staubwüste - doch er birgt Ressourcen, die ihn interessant machen.

(Foto: NASA)

Rund ein halbes Jahrhundert nach Ende des "Apollo"-Programms bricht die Menschheit erneut auf zum Mond. Das bedeutet zunächst viel Aufwand und Kosten in Milliardenhöhe. Doch warum will die Menschheit unbedingt zurück zum Erdtrabanten? Die Gründe sind vielfältig.

Eigentlich war es nur eine große Show. Die bemannten Mondlandungen der USA ab 1969 hatten vor allem einen Zweck: im Kalten Krieg einen Publicity-Erfolg gegen die Sowjetunion zu erringen. Als das geschafft war, wurde das "Apollo"-Programm schnell überflüssig und bereits 1972 wieder eingestellt. Nach insgesamt sechs erfolgreichen Landungen. Danach geschah fast ein halbes Jahrhundert lang nichts. Nun jedoch soll mit der "Artemis 1"-Mission der Mond wieder angeflogen werden. Aber warum?

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Mit der Mission "Artemis 1" soll der Anfang gemacht werden - sie besteht aus einem unbemannten Testflug zum Mond.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Das neue Mondprogramm scheint auf den ersten Blick eine Kopie des ersten zu sein. Die griechische Göttin Artemis ist schließlich auch die Zwillingsschwester des Gottes Apollon. Und auch diesmal sollen auf dem Mond wieder Steine gesammelt werden. Schließlich hatten die von den "Apollo"-Astronauten genommenen Gesteinsproben das Wissen über die Entstehung von Mond, Erde und Sonnensystem entscheidend vorangebracht. Und Menschen sind zum Sammeln von Proben auf fremden Himmelskörpern einfach immer noch besser geeignet als Roboter.

Aber ist das alles? Nein. Bei "Artemis" gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den früheren Missionen: Gelandet werden soll in einer bisher unberührten Region, dem Südpol des Mondes. Denn dort wurde in den 1990er-Jahren etwas entdeckt, was das Interesse am Mond wieder aufflammen ließ: Wasser.

Zwischenschritt auf Weg zum Mars

Wasser ist die Basis allen Lebens. Und ohne genügend Wasser wäre ein längerer Aufenthalt von Menschen auf dem Mond oder generell im Weltraum undenkbar. Die Entdeckung des Südpol-Wassers eröffnet daher ungeahnte Möglichkeiten: Bei der US-Raumfahrtbehörde NASA plant man nun den Aufbau einer permanenten Basis auf dem Mond und eine ganze internationale "lunare Industrie", die das unterstützen soll.

Das soll auch den nächsten Schritt tiefer ins All vorbereiten: eine Reise zum Mars. "Auf diesen immer komplexeren Missionen werden Astronauten im Weltraum leben und arbeiten und die Wissenschaft und Technologie entwickeln, um die ersten Menschen zum Mars zu schicken", sagte NASA-Chef Bill Nelson im August auf einer Pressekonferenz. Der Mond dient damit zum Trainingsfeld für Technologien, die bei einer Mars-Mission eingesetzt werden sollen. Schließlich ist der Mars 200 Mal weiter von der Erde entfernt als der Mond - wenn man sich auf eine jahrelange Reise dorthin begibt, sollte die Technik reibungslos funktionieren.

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Kleine Kernkraftwerke könnten einmal den nötigen Strom für Basen auf Mond und Mars liefern.

(Foto: NASA)

Und das Mondwasser bietet noch mehr Möglichkeiten: Man kann es in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten, um daraus Treibstoff für Raketen zu gewinnen. Die Energie dafür sollen nach Plänen der NASA unter anderem Mini-Kernkraftwerke auf dem Mond liefern - und später auch auf dem Mars. Der Mond könnte dadurch zu einer Versorgungsstation und Tankstelle für Raumschiffe werden, die noch viel tiefer ins Sonnensystem reisen könnten. Eine dauerhafte Mondbasis würde auch Weltraumtourismus zu dem Erdtrabanten möglich machen und neue Geschäftsfelder eröffnen - und Arbeitsplätze schaffen.

Umsteigen im "Gateway"

Aber das alles ist noch Zukunftsmusik. Nun sollen zunächst kleine Schritte gemacht werden: Zuerst fliegt das neue "Orion"-Raumschiff unbemannt in Richtung Mond, um zu sehen, ob alles funktioniert. Dafür wurde eine gewaltige Rakete entwickelt, die Schwerlastrakete SLS ("Space Launch System"). 2024 soll "Artemis 2" dann Menschen zu einem Rundflug um den Mond bringen. Landen sollen Astronautinnen und Astronauten aber erst mit "Artemis 3" ab 2025.

Eine weitere Neuerung: Diesmal soll eine dann den Mond umkreisende Raumstation, das "Lunar Gateway", als Ausgangspunkt für die Landung dienen. Die Astronauten steigen erst im "Gateway" in eine Landfähre um. Jeder Punkt auf dem Mond kann von dort aus angesteuert werden, eben auch der Südpol. Bei den "Apollo"-Missionen war eine Landung nur in Nähe des Äquators möglich. Auch kann das "Gateway" eine Funkverbindung zur erdabgewandten Seite des Mondes ermöglichen. Klappt das alles, soll es jährliche Missionen zum Mond geben - und der Ausbau sowohl der Mond-Raumstation als auch einer Mondbasis vorangetrieben werden.

Bei der NASA hofft man, dass das "Artemis"-Programm die Menschheit in vielerlei Hinsicht voranbringt: technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. "Es ist eine Zukunft, in der die NASA die erste Frau und die erste Person of Color auf dem Mond landen wird", sagte Nelson. Der ehemalige ESA-Chef Jan Wörner hatte ebenfalls den Traum eines Monddorfes ("Moon Village") skizziert, in dem mehrere Weltraumnationen zusammenarbeiten. Schon jetzt steuert die ESA mit dem Europäischen Servicemodul (ESM) einen entscheidenden Teil zur "Artemis"-Mission bei. Das ESM stellt beim "Orion"-Raumschiff den Antrieb, bei den bemannten Missionen soll es zudem Strom, Wasser und Atemluft liefern.

"Gehört zu unserer Natur"

Billig wird das alles nicht: 93 Milliarden Dollar soll das "Artemis"-Programm bis 2025 kosten. Die sechs Mondlandungen des "Apollo"-Programms sollen nach heutigen Maßstäben etwa 250 Milliarden Dollar verschlungen haben. Doch selbst das war rückblickend keine reine Geldverschwendung, auch wenn es bei der Mondlandung damals wohl vorrangig um Prestige ging. Denn die enormen Bemühungen hatten auch die Entwicklung vieler heute wichtiger Technologien vorangetrieben - berühmtes Beispiel: Photovoltaik zur Gewinnung von Strom aus Sonnenlicht.

Auf ähnliche Effekte hofft man auch bei den künftigen Ausritten ins All, zunächst zum Mond, dann zum Mars. Und wer weiß, wohin sonst noch. Zudem soll neben dem unmittelbaren Nutzen auch eine neue Generation von Forschern von den Weltraum-Abenteuern inspiriert werden. Und wahrscheinlich sind Debatten über Sinn und Zweck des Erkundungsdrangs des Menschen auch müßig. Wie NASA-Chef Nelson es einmal in einem Interview gesagt hat: "Wir erforschen, weil das zu unserer Natur gehört."

Quelle: ntv.de

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