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Weltpremiere am CernAntimaterie erstmals sicher mit Lkw transportiert

24.03.2026, 16:27 Uhr
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"Antimaterie in Bewegung" steht auf dem Lkw geschrieben, der die wertvolle Substanz geladen hat. (Foto: picture alliance/dpa/KEYSTONE)

Nach sechs Jahren intensiver Vorbereitung gelingt Physikern in Genf ein historischer Erfolg: Zum ersten Mal wird Antimaterie in einem speziellen Behälter über die Straße bewegt. Das könnte eine neue Epoche in der Erforschung des Universums einläuten.

Es ist geglückt, was die Menschheit noch nie zuvor versucht hat: Antimaterie auf einem Lkw zu transportieren. Um kurz nach halb elf strahlt Physiker Stefan Ulmer am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf. "Heute beginnt eine neue Epoche für Präzisionsmessungen", sagte er. Für ihn und sein Team ist es der Höhepunkt sechsjähriger Arbeit.

Die beiden Testrunden mit dem Lastwagen auf dem Cern-Gelände mit 92 Antiprotonen an Bord sind der Beweis, dass ein Transport funktioniert. Das nächste Ziel ist nun, in ein paar Jahren größere Mengen an Labore etwa in Düsseldorf, Hannover und Heidelberg zu transportieren. Dort sollen bis zu 1000-mal präzisere Messungen durchgeführt werden als am Cern möglich sind.

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In dem speziellen Transportbehälter (Bild) werden die Antimaterie-Teilchen in einer sogenannten Penning-Falle eingeschlossen. (Foto: Kernforschungszentrum Cern/dpa)

Eines der größten Rätsel des Universums

All das, um eines der größten Rätsel des Universums zu lösen: Warum gibt es einen riesigen Überschuss an Materie? Beim Urknall, also der Geburtsstunde des Universums, muss nach allen physikalischen Erkenntnissen gleich viel Materie und Antimaterie entstanden sein. Im Universum kommt Antimaterie aber extrem selten vor. Bislang ist es in der Physik nicht gelungen zu erklären, warum sie fast vollständig verschwunden ist.

Ulmer und Christian Smorra von der Universität Düsseldorf, die das Projekt vorangetrieben haben, sind am Morgen angespannt. "Mein Puls ist auf 92, Ruhepuls ist eigentlich 60", sagt Ulmer zwischendurch. Da schwebt die transportable Penning-Falle an Industriekränen aufgehängt noch in Schneckengeschwindigkeit durch die Halle der "Antimaterie-Fabrik" auf dem Cern-Gelände. Sie wird mit aller Vorsicht auf einen wartenden Lkw geladen.

In der Halle werden Teilchen im Antiprotonen-Entschleuniger gebremst und gespeichert. Das Cern ist weltweit der einzige Ort, an dem eine solche Speicherung möglich ist. Vor diesem Tag hat nie eines der Antiprotonen die Halle verlassen.

Bombenvisionen aus dem Reich der Fantasie

Die geheimnisvolle Substanz hat die Fantasie von Romanautoren befeuert, wie den US-Autor Dan Brown. Er erfand in seinem Buch "Illuminati" eine Antimaterie-Bombe mit Material vom Cern, mit dem der ganze Vatikan in die Luft gesprengt werden sollte. "Gefahrenfantasien, wie sie in Hollywoodfilmen produziert werden, sind wissenschaftlich nicht unterlegt", betont der Direktor für Teilchenphysik am Forschungszentrum Desy in Hamburg, Ulrich Husemann, der am Cern-Experiment nicht beteiligt war.

Richtig ist zwar, dass Materie - also eigentlich alles, auch der Mensch - beim Kontakt mit Antimaterie in einem Lichtblitz zerstrahlen würde. Dafür bräuchte es aber billionenfach so viel, wie jetzt am Cern transportiert wurde. Das zu produzieren, wäre wegen des hohen Energiebedarfs unvorstellbar teurer und würde mit heutigen Mitteln Milliarden Jahre dauern, wie die Experten erläutern.

Das teuerste Material der Welt

Ulmer fährt auf dem Cern-Gelände im Auto hinter dem Lastwagen mit den Antiprotonen her. Mit seinem Handy kann er live überwachen, ob die kostbaren Teilchen noch an Ort und Stelle sind. Der Energiebedarf macht Antimaterie zum teuersten Material der Welt, deshalb werden nur winzigste Mengen produziert. Ein Gramm Antiprotonen würde Ulmer zufolge mehrere Billiarden US-Dollar kosten.

Ein Schlagloch oder ein Zusammenstoß wären fatal: Wenn die in einem Vakuum schwingenden Antiprotonen durch den Ruck mit der Fallenwand in Berührung kämen, die ja aus Materie besteht, würden sie zerstrahlen. Doch der Lkw, der eigens mit einem Banner "antimatter in motion" - Antimaterie in Bewegung - beklebt ist, zieht ohne Zwischenfall zwei Runden.

"Alles noch da"

Der Transportcontainer mit dem supraleitenden Magneten und der eigentlichen Penning-Falle muss danach zurück an seinen Standort in der Halle, um alle Messungen zu überprüfen. Die Falle, in der die Antiprotonen im Vakuum bei minus 268 Grad schwingen, ist winzig: ein wenige Zentimeter langer Zylinder, in etwa so breit wie ein Fingerring. Um kurz nach 14 Uhr kommt die erlösende Nachricht von Ulmer: "Alles noch da".

Für diesen Fall hatte er schon Sekt kühl gestellt. Dutzende Spezialistinnen und Spezialisten, die auch in der Antimateriefabrik arbeiten, sind zum Anstoßen eingeladen. "Wir haben sechs Jahre auf diesen Tag hingearbeitet", sagt Ulmer. "Jetzt ist die Welt eine andere - zumindest meine."

Quelle: ntv.de, hny/dpa

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