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Über den Atlantik mit dem Floß Wie Affen von Afrika nach Südamerika kamen

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Das Lager der Paläontologen an der Fossilienlagerstätte Santa Rosa im Amazonasgebiet von Peru.

(Foto: Erik Seiffert/dpa)

Vier kleine Zähne, aber eine große Schlussfolgerung: Ein Fund in Peru belegt, dass Primaten vor Millionen von Jahren den Atlantik überquert haben - und das nicht zum ersten Mal. Wie war das möglich?

Mit einer Art Floß über den Atlantik von Afrika nach Südamerika: Was bei Menschen Aufsehen erregen würde, ist Tieren vor Millionen von Jahren wiederholt gelungen. Vier im peruanischen Amazonasgebiet gefundene Backenzähne eines Affen zeigen, dass Vorfahren dieser inzwischen ausgestorbenen Art den Atlantik überquert haben müssen. Ein Team um Erik Seiffert von der University of Southern California in Los Angeles berichtet im Fachblatt "Science", wann diese Reise per Treibgut-Insel erfolgt ist und welche besonderen Umstände sie überhaupt ermöglichten.

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Winzige Backenzähne von Ucayalipithecus perdita aus der Fossilienlagerstätte Santa Rosa in Peru.

(Foto: Erik Seiffert/dpa)

Schon zuvor hatten Studien darauf hingedeutet, dass mindestens zwei Arten vor Dutzenden Millionen Jahren den Atlantik überquert haben müssen:

  • die Vorfahren der in Amerika heimischen Meerschweinchenverwandten (Caviomorpha), zu denen etwa Meerschweinchen zählen
  • und die Vorfahren der Neuweltaffen (Platyrrhini), also der Affen in Amerika.

Bei beiden Gruppen lebten zu jener Zeit auffällig ähnliche Arten nur in Afrika. Annahmen, diese Tiere könnten den Atlantik überwunden haben, stießen zunächst auf Skepsis, wurde dann aber durch Stammbaum-Analysen gestützt.

Verschwundener Affe von Ucayali

Nun stellt das Team um Seiffert ein drittes Beispiel vor: Im Osten von Peru fanden die Forscher in den Sedimenten des Rio Yurúa, einem Nebenfluss des Amazonas, bei der Ortschaft Santa Rosa (Region Ucayali) diverse Knochen und Zähne. Darunter waren vier kleine Backenzähne einer bislang unbekannten Affenart, der sie den Namen Ucayalipithecus perdita gaben - verschwundener Affe von Ucayali. Das 300 bis 400 Gramm schwere Äffchen lebte demnach vor grob 30 Millionen Jahren.

Die Zähne unterscheiden sich von denen aller anderen südamerikanischen Affen und ähneln dagegen denen einer ausgestorbenen Primatengruppe der Alten Welt - insbesondere der Art Qatrania wingi, die einst im heutigen Ägypten beheimatet war. Daher geht das Team davon aus, dass die Ahnen von U. perdita aus der Alten Welt stammten. Der gemeinsame Vorfahre von Ucayalipithecus und Qatrania lebte demnach vor etwa 35 Millionen Jahren.

Atlantiküberquerung vor 35 bis 30 Millionen Jahren

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Erik Seiffert untersucht die kleinen, aber bedeutenden Fundstücke.

(Foto: Dorien de Vries/dpa)

Demnach müssten Vorfahren von U. perdita den Atlantik vor etwa 35 bis grob 30 Millionen Jahren überquert haben. In jenem Erdzeitalter, dem frühen Oligozän, lagen der damalige afrikanische und der südamerikanische Kontinent nur etwa 1500 bis 2000 Kilometer auseinander. Zudem sorgte eine starke Vergletscherung dafür, dass der Meeresspiegel abfiel und beide Erdmassen etwas näher "zusammenrückten". "Das hat es diesen Primaten vielleicht etwas leichter gemacht, über den Atlantik zu gelangen", sagt Seiffert.

Offensichtlich haben die Affen die Fahrt auf ihrer Treibgut-Insel nicht nur überlebt, sondern kamen nach der Ankunft in Amerika auch dauerhaft mit den dortigen Umweltbedingungen klar. "Die Tatsache, dass Santa Rosa mehr als 4000 Kilometer vom östlichsten Punkt Südamerikas entfernt ist und auch weit von jeglicher Küste, die als Ankunftsort der Vorfahren von Ucayalipithecus gedient haben könnte, deutet darauf hin, dass diese Gruppe möglicherweise weit über das äquatoriale Südamerika verbreitet war", schreiben Seiffert und Kollegen. Dabei konkurrierten sie aufgrund der ähnlichen Lebensweise mit den Neuweltaffen, deren Ahnen ebenfalls über den Atlantik gekommen waren.

Außergewöhnliche Leistung für kleine Säugetiere

Marc Godinot vom Nationalen Museum für Naturgeschichte in Paris hält in einem "Science"-Kommentar die Abstammung von U. perdita von afrikanischen Arten für zweifelsfrei gesichert. "Einen Ozean auf einem Floß zu überqueren ist eine außergewöhnliche Leistung, insbesondere für kleine Säugetiere, von denen manche saisonale Nahrungsengpässe nicht überleben können", erläutert er. "So eine Überquerung erfordert Zugang zu großen, vegetationshaltigen Flößen, günstige Meeresströmungen, ein Absinken des Meeresspiegels und möglicherweise Zwischenstopps auf herausragenden Inseln des Mittelatlantischen Rückens."

Den Vorfahren der Meerschweinchenverwandten sei dies vor mindestens 41 Millionen Jahren gelungen, den Ahnen der beiden Affengruppen grob zehn Millionen Jahre später. Godinot vermutet, dass noch mehr Arten den Sprung über den Atlantik geschafft haben könnten - etwa jene Pflanzen, die die Treibgut-Inseln bildeten oder auch diverse Geckos sowie Vögel. Beispiel für einen Vogel wäre etwa der Hoatzin (Opisthocomus hoazin), der keine Verwandten in Südamerika hat, aber anatomisch einem Vogel in Namibia ähnelt. Manche Forscher vermuten daher, dass auch die Ahnen des nur eingeschränkt flugfähigen Hoatzin ebenfalls einst per Treibgut über den Atlantik kamen.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa