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Pocken, AIDS, Spanische Grippe Wie enden Pandemien?

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Die Spanische Grippe von 1918 war die folgenschwerste Pandemie des 20. Jahrhunderts. Nach zwei Jahren fand sie ein Ende.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Die Coronavirus-Pandemie ist bereits fester Bestandteil des Alltags geworden. Doch wie lange wird sie noch anhalten? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Seuchen auf ganz unterschiedliche Weise kamen und gingen. Mit dem Medizinhistoriker Jörg Vögele spricht ntv.de, wie das Ende einer Pandemie aussehen kann.

Seit bald zwei Jahren beherrscht die Coronavirus-Pandemie die Schlagzeilen. Mehr als sechs Milliarden Impfdosen wurden bereits verabreicht, doch noch immer infizieren sich jede Woche Millionen, sterben Zehntausende. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußerte jüngst die Hoffnung, dass im Frühjahr 2022 die Pandemie vorbei sein werde. Andere, wie der Chef des Impfstoffherstellers Moderna, rechnen erst Mitte kommenden Jahres damit. Aber wie wird das aussehen? Wie enden Pandemien?

"Es kommt natürlich darauf an, wie man Ende definiert", sagt Medizinhistoriker Jörg Vögele zu ntv.de. "Man kann das Ende etwa epidemiologisch definieren. Dann wird die Pandemie allmählich zur Endemie." Die Erkrankungen und Sterblichkeit gingen dann auf ein "Normalmaß" zurück. Allerdings gebe es auch ein soziales Ende einer Pandemie, sagt Vögele: "Irgendwann haben die Menschen genug. Sie wollen das gesellschaftliche Leben wieder aufnehmen." Auch die Angst vor dem Erreger nähme dann ab.

Ein Blick in die Geschichte der Pandemien zeigt, wie globale Seuchen zu einem Ende kamen. Darunter einige, die weit mehr Menschenleben gefordert hatten als Covid-19.

Pest

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Der Schwarze Tod kostete Ende des 14. Jahrhunderts weltweit vermutlich 75 bis 200 Millionen Menschen das Leben.

(Foto: imago images/Design Pics)

Der Inbegriff der Seuche: die Pest. Sie wird vom Bakterium Yersinia pestis ausgelöst, das in Nagetieren wie Ratten vorkommt und von Flöhen auf den Menschen übertragen wird. Die bekannteste Form ist die Beulenpest - unbehandelt sterben an ihr ein bis zwei Drittel aller Erkrankten. Greift das Bakterium die Lunge an, kommt es zur noch tödlicheren Lungenpest. Dann drohen sich Menschen auch gegenseitig über Tröpfcheninfektion anzustecken.

Aufgrund der hohen Sterblichkeit haben die drei großen Pest-Pandemien der Menschheitsgeschichte dramatisch hohe Opferzahlen gefordert: Heraus sticht die als Schwarzer Tod bekannte Pandemie in den Jahren 1346 bis 1353. In Europa tötete sie womöglich ein bis zwei Drittel der damaligen Bevölkerung. Eine weitere große Pest-Pandemie war die Justinianische Pest im Jahr 541, die letzte große Infektionswelle tobte im Jahr 1855, vor allem in Asien.

Wie endete die Pandemie?

"Beim Schwarzen Tod weiß man es nicht genau. Es sind viele gestorben, aber viele waren nachher auch immun", sagt Vögele. Einen gewissen Anteil hätten mit Sicherheit Quarantänen gehabt, die in italienischen Städten eingeführt wurden. "Es gibt auch eine Theorie, nach der sich die Rattenpopulation geändert hat", so der Medizinhistoriker. Die ursprünglichen Überträger, die schwarzen Ratten, wurden demnach von den braunen Ratten verdrängt, die nicht so nah am Menschen wohnten. "Mit der Zeit hat sich auch die allgemeine Hygiene und die Wohnhygiene geändert." Laut einer weiteren Hypothese könnte sich eine weniger tödliche Variante ausgebreitet und die Bevölkerung immunisiert haben.

Wie ist der Status heute?

Da das Pest-Bakterium in Tieren heimisch ist, taucht es bis heute immer wieder auch bei Menschen auf, vor allem in ländlichen Gebieten Afrikas, Asiens und Amerikas. Im Südwesten der USA kommt es hin und wieder zu Infektionen durch Präriehunde. Mittlerweile arbeiten die Universität Oxford und Astrazeneca an einem neuen Impfstoff, der die Bevölkerung in Risikogebieten schützen soll.

Pocken

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An Pocken Erkrankte sind durch einen auffälligen Hautausschlag gezeichnet.

(Foto: imago/United Archives International)

Die Pocken, auch Blattern genannt, sind eine der gefährlichsten bekannten Infektionskrankheit bei Menschen. Verursacht werden sie durch das Variolavirus, das vor allem durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird. Es ist ein extrem tödlicher Erreger, etwa jeder Dritte stirbt. Wer überlebt, ist häufig durch Pockennarben entstellt.

Bereits auf der Mumie des altägyptischen Pharaos Ramses V. will man derartige Pockennarben ausgemacht haben. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass die Seuche erst viel später von einem bisher unbekannten Tier auf den Menschen überging. Sicher ist, dass es spätestens seit der Neuzeit immer wieder zu großen Ausbrüchen kam. Allein für das 20. Jahrhundert wird die Zahl der Todesopfer auf rund 300 Millionen geschätzt.

Wie endete die Pandemie?

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert sind erste Versuche mit Impfungen gegen Pocken bekannt. Im Jahr 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließlich eine globale Impfkampagne, um die Pocken endgültig zu besiegen. Mit Erfolg: Der Erreger gilt seit 1979 als ausgerottet. "Das darf uns nicht die Hoffnung geben, dass dies bei anderen Krankheiten auch funktioniert", warnt Vögele. Denn bei den Pocken handele es sich um einen Sonderfall. So ist der Mensch der einzige Wirt für das Virus - es kann sich also nicht in Tiere zurückziehen und von dort wieder ausbrechen. Der Erreger ist zudem genetisch stabil und kann sich daher nicht durch Mutationen dem Impfstoff entziehen. Ein weiterer Vorteil: Der Impfschutz hält ein Leben lang an. "Es ist das bisher einzige Beispiel einer erfolgreich ausgerotteten Seuche", so Vögele.

Wie ist der Status heute?

Das Pockenvirus ist verschwunden. Es gibt jedoch noch Virenproben, die in Labors der höchsten Sicherheitsstufe in den USA und Russland aufbewahrt werden.

Cholera

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Bis heute ist die Cholera nicht besiegt - immer wieder kommt es zu Ausbrüchen, wie im Jahr 2016 in Haiti.

(Foto: imago/Xinhua)

Diese Krankheit wird durch verunreinigte Lebensmittel oder Trinkwasser verursacht. Bei dem Erreger handelt es sich um das Bakterium Vibrio cholerae, das vor allem den Darm angreift und extremen Durchfall und starkes Erbrechen verursachen kann. Wer an Cholera erkrankt, droht binnen Stunden zu sterben, wenn er keine ärztliche Hilfe erhält.

Seit dem Jahr 1817 hat die WHO sieben Cholera-Pandemien ausgemacht. Die letzte brach im Jahr 1961 aus und hält seitdem in Form mehrerer Epidemien in verschiedenen Teilen der Welt an, seit 2016 etwa im Bürgerkriegsland Jemen.

Wie endet die Pandemie?

"Die Cholera ist eine 'Infrastruktur-Krankheit'. Noch heute, wenn es irgendwo ein Erdbeben gibt und die Wasserversorgung zusammenbricht, treten Cholera und Typhus auf", sagt Vögele. Jedoch kann andersherum die Seuche durch verbesserte Hygienemaßnahmen und den Ausbau der Wasserversorgung unter Kontrolle gebracht werden - so wie es seit Ende des 19. Jahrhunderts in den Industrieländern geschehen ist. "Bei uns hat man die Cholera auf diese Weise in den Griff gekriegt."

Wie ist der Status heute?

Jedes Jahr fallen einer Studie zufolge immer noch 20.000 bis 140.000 Menschen weltweit der Cholera zum Opfer. Betroffen sind vor allem ärmere Länder, in denen es an einer gut ausgebauten Wasserversorgung mangelt. Bei akuten Ausbrüchen und in epidemischen Hotspots wie Haiti, Somalia oder der Demokratischen Republik Kongo werden heute unter anderem Cholera-Schluckimpfungen zur Bekämpfung eingesetzt.

Grippe

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Behelfs-Krankenhaus im US-Bundesstaat Kansas während der Spanischen Grippe.

(Foto: imago images/Eibner Europa)

Vor allem für das 20. Jahrhundert sind große Grippe-Pandemien bekannt. Darunter die Asiatische Grippe, ausgelöst durch das Influenza-Virus H2N2 im Jahr 1957, und die Hongkong-Grippe (H3N2) im Jahr 1968. Beide forderten weltweit jeweils etwa eine Million Todesopfer. In den Schatten gestellt werden sie durch die Spanische Grippe, verursacht durch den Erreger H1N1. In den Jahren 1918 bis 1920 tötete sie mindestens 50 Millionen, vor allem junge Menschen, auf der ganzen Welt.

Wie endete die Pandemie?

Im Jahr 1918 wusste man noch nicht, dass die Spanische Grippe von Viren ausgelöst wurde. Auch gab es keinen Impfstoff. Der genaue Grund für ihr Abebben nach mehr als zwei Jahren ist nicht bekannt. "Viele sind gestorben, viele waren immun. Der Erreger veränderte sich", vermutet Vögele. "Das ist das Wesen solcher Epidemien von akuten Infektionskrankheiten. Sie kommen in Wellen und irgendwann nehmen die Wellen wieder ab."

Wie ist der Status heute?

Das Influenza-Virus, welches die Spanische Grippe auslöste, verschwand nicht einfach, im Gegenteil: Ein Nachkomme, das moderne H1N1, zirkuliert bis heute. Eine Variante davon löste 2009/2010 als sogenannte Schweinegrippe erneut eine Pandemie aus, die weltweit Hunderttausende Menschen tötete. Auch der Erreger der Hongkong-Grippe, H3N2, ist noch immer unter uns. Da die Immunsysteme der Menschen jedoch bereits gewisse Erfahrung mit den Viren haben, bleiben weitere Infektionswellen mit Millionen Todesopfern bisher aus. Allerdings kommt es jedes Jahr zu saisonalen Grippewellen. Eine der folgenschwersten kostete 2017/2018 in Deutschland rund 25.000 Menschenleben.

AIDS

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Gegen das HI-Virus gibt es bisher keinen wirksamen Impfstoff. Medikamente machen jedoch ein Leben mit dem Erreger möglich.

(Foto: imago images/Image Source)

Eine der hartnäckigsten Pandemien ist AIDS. Die Immunschwächekrankheit wird vom HI-Virus verursacht. Der häufigste Übertragungsweg sind ungeschützte Sexualkontakte. Die Krankheit bricht oft erst nach mehreren Jahren aus. Doch unbehandelte Infizierte sind ihr Leben lang ansteckend. Die HIV-Pandemie nahm vermutlich im Jahr 1981 ihren Anfang und hat bis heute rund 32 Millionen Todesfälle auf der ganzen Welt zur Folge gehabt.

Wie endete die Pandemie?

Bisher ist kein Ende der AIDS-Pandemie absehbar. Gesundheits- und Aufklärungskampagnen haben jedoch den Anstieg der Infektionen weltweit gebremst. "In der westlichen Welt hat man die Seuche unter Kontrolle", sagt Vögele. "Es gibt Medikamente. Die Lebenserwartung mit HIV sind einige gute Jahre." AIDS sei fälschlicherweise in der Wahrnehmung des Westens mittlerweile vor allem ein Problem von Afrika und somit weit weg.

Wie ist der Status heute?

AIDS forderte laut WHO alleine im Jahr 2019 fast 700.000 Todesopfer weltweit. Ein wirksamer Impfstoff ist trotz jahrzehntelanger Forschung immer noch nicht in Sicht. Zuletzt scheiterte das Unternehmen Johnson & Johnson: Bei einer groß angelegten Studie zeigte der Impfstoff nur eine Schutzwirkung von 25 Prozent.

Covid-19

Erstmals trat Covid-19 Ende 2019 in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auf. Bei dem Erreger Sars-CoV-2 handelt es sich um ein Coronavirus, das sich durch Tröpfcheninfektion und Aerosole sehr leicht von Mensch zu Mensch überträgt. Etwa zwei Prozent der nachweislich Erkrankten starben bisher an dem Erreger - weltweit sind mehr als 4,8 Millionen Todesfälle erfasst. Es wird jedoch angenommen, dass die wahre Zahl der Toten höher liegt.

Wann endet die Pandemie?

Es ist eine Frage, welche die ganze Welt umtreibt. Sicher ist, dass mittlerweile Impfstoffe zur Verfügung stehen, die zumindest das Risiko schwerer Verläufe und Todesfälle durch Covid-19 deutlich reduzieren. Eine Herdenimmunität, sind Experten mittlerweile überzeugt, lässt sich angesichts neuer Varianten, die auch Geimpfte infizieren, nicht mehr erzielen.

Ein soziales Ende der Coronavirus-Pandemie sei jedoch bereits zu spüren, sagt Vögele. Schulen und Universitäten seien zurück im Präsenzunterricht, Zweifel an der Maskenpflicht würden laut und "nahezu täglich wird ein Freedom Day für Deutschland gefordert". Aber der Medizinhistoriker warnt zugleich: "Nach der Pandemie ist vor der Pandemie." Der nächste Erreger stehe vielleicht schon bereit. "Und wenn der aggressiver ist und letaler, wird das eine große Herausforderung."

Quelle: ntv.de

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