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Ländervergleich der Totenzahl Wie gut kam Deutschland durch die Krise?

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Laut einer Studie ist Deutschland ein Land, das seine Corona-Toten sehr genau erfasst.

(Foto: imago images/Jochen Tack)

Weltweit sterben Millionen Menschen in Zusammenhang mit Covid-19. Doch welche Länder trifft es am schwersten? Forscher berechnen nun für mehr als 90 Staaten die Übersterblichkeit. Sie soll den genausten Blick darauf geben, wie hoch die Opferzahlen im Vergleich zu normalen Jahren waren.

Seit Beginn der Corona-Pandemie geht es immer auch um die Frage: Wie gut oder wie schlecht kommt Deutschland durch die Krise? Häufig werden dafür die Zahlen der Infizierten und Todesfälle mit denen aus anderen Ländern verglichen. In dieser Hinsicht galten bisher Staaten wie Neuseeland, Südkorea oder Taiwan als Musterbeispiele für den Umgang mit dem Virus. In der öffentlichen Wahrnehmung kamen Länder wie die USA, Großbritannien oder Italien hingegen schlechter weg.

Doch mit welchem Maßstab lässt sich am besten vergleichen, welche Länder weniger, welche mehr betroffen sind und waren? Dmitry Kobak von der Universität Tübingen und Ariel Karlinsky von der Hebräischen Universität Jerusalem haben für ihre neue Studie die Übersterblichkeit als Maß gewählt. Sie beziffert, wie viele Menschen in einem Zeitraum mehr verstarben, als mit Blick auf die Vorjahre erwartbar gewesen wäre. Der Vorteil daran laut den Forschern: Im Unterschied zu offiziellen Statistiken ist die Übersterblichkeit objektiver. Denn etwa schon bei der Frage, was ein Corona-Todesfall ist, gebe es abweichende Kriterien.

Bereits die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte in einem Bericht aus dem Mai festgestellt, dass 2020 die Übersterblichkeit weltweit höher lag als die Zahl der offiziell erfassten Corona-Todesfälle. Demnach starben im vergangenen Jahr 3 Millionen Menschen mehr als erwartbar gewesen wäre - rund 1,7 Mal so viel wie die bis Jahresende offiziell gemeldeten 1,8 Millionen Corona-Toten. Mittlerweile hat die WHO mehr als 3,7 Millionen Corona-Todesfälle erfasst.

100 Mal mehr Corona-Tote als bekannt

Das muss jedoch nicht bedeuten, dass in allen Ländern mehr Menschen an Covid-19 gestorben sind, als offiziell bekannt. Die Autoren der Studie, die noch keinen Peer Review durchlaufen hat, betonen, dass einige Länder die Corona-Todesfälle sehr genau erfasst hätten. Bei anderen hingegen seien diese erheblich untertrieben: etwa in Nicaragua, Russland und Usbekistan. In Tadschikistan ermittelten die Forscher sogar 100 Mal mehr Corona-Tote, als die Behörden gemeldet hatten. Auch bei der Übersterblichkeit gibt es unter den 94 untersuchten Ländern demnach erhebliche Unterschiede. Während manche einen hohen Preis an Menschenleben zahlten, war bei anderen die Übersterblichkeit sehr gering - oder sogar negativ.

Länder in Lateinamerika waren laut der Studie besonders schwer betroffen: In Ecuador, Bolivien und Mexiko starben während der Pandemie über 50 Prozent mehr Menschen als in normalen Jahren. In Peru waren es sogar mehr als doppelt so viele. Allerdings betonen die Forscher, dass ihnen aus vielen Ländern der Erde keine statistischen Daten zu Todesfällen zur Verfügung standen - so bleibt für fast alle Ländern des afrikanischen Kontinents die Übersterblichkeit unbekannt.

Besser war die Datenlage hingegen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland, Zentralasien und Australien. Dabei zeigt der Vergleich, dass Länder, die zu Beginn und während der Pandemie besonders im Fokus standen - wie Italien, Spanien, Großbritannien oder die USA - im internationalen Vergleich nicht am schwersten betroffen waren. Zwar starben in den USA bis Mitte April 2021 rund 620.000 Menschen mehr als üblich - auf die Vorjahre gerechnet waren es jedoch "nur" 21 Prozent mehr. In Italien gab es 17 Prozent, in Spanien ebenfalls 21 Prozent und in Großbritannien 18 Prozent mehr Todesfälle als in normalen Jahren.

Deutschland kommt glimpflich davon

Doch wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab? Laut den Berechnungen der Forscher lag die Übersterblichkeit in Deutschland bis Ende Mai 2021 bei vergleichsweise geringen 4 Prozent. Beim Nachbarn Österreich (11 Prozent), in der Schweiz und den Niederlanden (jeweils 12 Prozent) sowie in Belgien (14 Prozent) war sie deutlich höher. In Polen starben 26 Prozent mehr Menschen als in normalen Jahren, in Tschechien lag die Übersterblichkeit sogar bei 29 Prozent.

Gleichzeitig weist Deutschland eine Besonderheit auf: Laut offiziellen Daten gab es bis Ende Mai hierzulande rund 87.000 erfasste Corona-Todesfälle - im selben Zeitraum starben jedoch lediglich 36.000 Menschen mehr, als erwartbar gewesen wäre. Wie kann das sein? Die Autoren erklären diesen Effekt damit, dass Corona-Maßnahmen wie Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Abstandhalten auch auf andere Todesursachen einen Einfluss haben. So sei vor allem die Ausbreitung der Grippe im vergangenen Winter entscheidend gebremst worden, was die Sterblichkeit "um 3 bis 6 Prozent" reduzieren könne.

Diese Vermutung wird auch von Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) gestützt: Demnach hatte es in der Saison 2020/21 nur rund 520 im Labor bestätigte Grippefälle in Deutschland gegeben. Die sonst übliche Grippewelle ist damit praktisch ausgefallen - ein Novum seit Beginn der Grippeüberwachung im Jahr 1992. Auch die meisten anderen Länder der Nordhalbkugel seien von der Welle verschont geblieben, so das RKI.

Der Effekt der ausbleibenden Grippewelle führt in einigen Ländern sogar dazu, dass die Übersterblichkeit negativ ist. Das war laut der Studie etwa in Australien und Neuseeland der Fall. Aber auch für Dänemark und Island ermitteln die Forscher eine leicht negative Übersterblichkeit. Das bedeutet: In diesen Ländern starben während der Corona-Pandemie sogar weniger Menschen als in normalen Jahren. So positiv das zunächst klingt - es sind leider die absoluten Ausnahmen.

Quelle: ntv.de

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