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Corona auf dem Rückzug Wie schnell sinken die Zahlen jetzt?

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Auch das wärmere Wetter könnte bei dem weiteren Verlauf der Pandemie eine Rolle spielen.

(Foto: imago images/Chris Emil Janßen)

Seit Tagen gehen die Neuinfektionen in Deutschland zurück. Die dritte Welle ist gebrochen, verkünden bereits Experten und Politiker. Von einem "exponentiellen Rückgang" ist die Rede. Doch wie schnell können die Zahlen tatsächlich sinken - und was könnte dem noch im Wege stehen?

Erleichterung macht sich in Deutschland breit. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen, praktisch das Pandemie-Thermometer der Nation, ist konstant auf dem Rückzug. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet zum Wochenbeginn knapp 7000 neue Fälle an einem Tag, ein Rückgang von fast 25 Prozent im Vergleich zum Montag der Vorwoche. "Die dritte Welle ist gebrochen", verkünden Intensivmediziner. Ähnlich zuversichtlich hatten sich zuvor bereits Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn geäußert.

Der jüngste Trend scheint dies zu bestätigen: Laut den von ntv.de ausgewerteten Länderdaten gehen die neuen Fälle zuletzt Woche für Woche zurück. Ihren Scheitel erreichte die dritte Welle in Deutschland Ende April mit mehr als 145.000 Neuinfektionen innerhalb einer Woche. Danach sank diese Zahl deutlich: in der Folgewoche um knapp 13 Prozent, in der vergangenen Woche sogar um noch mal rund 19 Prozent auf zuletzt knapp über 100.000 Fälle pro Woche.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier frohlockte in der ARD bereits: "Das ist fast schon ein exponentieller Rückgang der Infektionen." Exponentieller Rückgang? Viele Menschen erinnern sich noch an den exponentiellen Anstieg der Fallzahlen bei den vergangenen Corona-Wellen. Er führt dazu, dass sich die Neuinfektionen alle paar Tage verdoppeln. Das geht auch in die andere Richtung: Bei der exponentiellen Abnahme können sich die Fallzahlen im selben Zeitraum immer wieder halbieren.

Ein Beispiel: Halbieren sich anfangs 1000 neue Fälle einmal pro Tag, sind es nach zwei Tagen nur noch 250 und nach fünf Tagen sogar nur noch 31. Einziger Wermutstropfen: Mit der Zeit wird der Rückgang immer kleiner, die Kurve flacht ab. Die US-Gesundheitsökonomin Zoë McLaren beschreibt in einem Gastbeitrag für die "New York Times" den Effekt der exponentiellen Abnahme wie folgt: "Ein starker Rückgang der Fälle, gefolgt von einer längeren Periode niedriger Fallzahlen."

Die exponentielle Abnahme tritt dann ein, wenn die Reproduktionszahl, auch R-Wert genannt, unter 1 fällt. Sinkt der R-Wert etwa auf 0,7, stecken im Schnitt 100 Menschen lediglich 70 weitere an. Laut RKI-Berechnungen halbiert sich bei einem R-Wert von 0,7 die Zahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche. Liegt der R-Wert wie zuletzt bei 0,9, halbiert sich die Fallzahl alle 26 Tage.

Wie könnte die bevorstehende Entwicklung in Deutschland nun aussehen?

Der Epidemiologe Timo Ulrichs sagte im Gespräch mit ntv, dass durch eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen die dritte Welle "bis ganz nach unten" gehen könne. Die Faktoren, die dafür eine Rolle spielen: "Erstmal der bundeseinheitliche Lockdown, mit den Maßnahmen, die jetzt zu wirken scheinen", so Ulrichs. "Und zweitens auch die Saison. Wir gehen in die warme Jahreszeit mit erhöhter UV-Einstrahlung, die Menschen sind draußen." Drittens sei zumindest anteilig bereits ein epidemiologischer Effekt der Impfungen zu sehen, so Ulrichs.

Tatsächlich nimmt die Impfkampagne in Deutschland nach schleppendem Start zuletzt deutlich an Fahrt auf. Mittlerweile sind 27,3 Millionen Erstimpfungen verabreicht worden, was 32,8 Prozent der Bevölkerung entspricht. Zudem wurden 7,8 Millionen Zweitimpfungen verabreicht, womit 9,4 Prozent der Bevölkerung bereits jetzt oder in einigen Tagen einen vollen Schutz besitzen.

Der Virologe Christian Drosten zeigte sich zuletzt jedoch zurückhaltend, was den aktuellen Impfeffekt angeht: "Wir wissen nicht, ob das, was wir jetzt sehen (...) auch schon ein bisschen von den Impfungen mitbestimmt wird", sagte Drosten im ZDF. Wahrscheinlich sei das noch nicht der Fall und der Rückgang der Neuinfektionen eher auf das veränderte Verhalten der Bevölkerung zurückzuführen. "Zum Juni hin" werde man aber erstmals Effekte sehen, die "der Impfung zuzuschreiben sind". Drosten zeigte sich daher optimistisch: "Der Sommer kann ganz gut werden."

Wie hoch muss die Impfquote also noch steigen?

Experten gehen derzeit davon aus, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung immun gegen das Virus sein müssen, damit sich eine sogenannte Herdenimmunität einstellt. Zwar sind dann noch Übertragungen möglich, es kommt aber nicht mehr zu Infektionswellen. Mit Blick auf diese Prozentangaben betonte Drosten jedoch, dass niemand genau wisse, "wie hoch dieses Niveau liegt". Da in der Bevölkerung das Virus in miteinander verbundenen Haufen auftrete, könnten bereits "in kleinerer Zahl" geimpfte Überträger dieses Netzwerk durchbrechen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hatte jüngst auf das Beispiel Israel verwiesen. Dort habe sich gezeigt, dass ab dem Moment, wo 20 Prozent der Bevölkerung geimpft waren, "die Inzidenzzahl rapide und kontinuierlich abnahm, bis auf fast gen Null gegangen ist". Reinhardt zeigte sich daher zuversichtlich, "dass wir das auch erleben werden" - wenn "wir weiter fleißig impfen, an allen Stellen wo es geht".

Allerdings wird angesichts der positiven Entwicklung bei den Fallzahlen vor falschen Schlüssen gewarnt: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu früh in totale Euphorie verfallen", warnte Drosten im ZDF. Deutschland sei beim Impfen noch nicht so weit wie andere Länder. "Wir müssen länger warten."

Auch Epidemiologe Ulrichs glaubt, dass der Abwärtstrend in Deutschland durch zu frühe Lockerungen gefährdet werden könnte. Mit Lockerungen sollte daher behutsam begonnen werden, indem zuerst die Außenbereiche geöffnet werden. "Also Sport im Freien, Außengastronomie, alles das, was an der frischen Luft passieren kann. Da ist das Risiko am allergeringsten", so Ulrichs. Und dann könne man Stück für Stück weitergehen.

Quelle: ntv.de

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