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Ärzte kämpfen gegen neuen Feind "Wir lernen gerade, wie Covid-19 verläuft"

Ein Patient wird auf der Intensivstation beatmet. Foto: Oliver Berg/dpa

Nur wenige Covid-19-Patienten müssen beatmet werden.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Covid-19 ist die Krankheit, die durch das neue Coronoavirus ausgelöst wird. Manche merken kaum, dass sie sie haben. Andere sterben daran. Noch gibt es keine Therapie dafür, doch die Patienten werden natürlich trotzdem behandelt. Auch in der Uniklinik Essen. Prof. Christian Taube ist dort Direktor der Klinik für Pneumologie und lernt die die neue Krankheit mit jedem Tag ein bisschen besser kennen. Manche Medikamenthoffnung hat er schon begraben.

ntv.de: Was ist an dieser Erkrankung so anders?

Prof. Christian Taube: Wir haben es mit einem neuen Erreger zu tun. Es zeigt sich zudem, dass der Erkrankungsverlauf anfänglich sehr langsam ist, dann aber sehr schwer werden kann. Die Patienten zeigen noch relativ wenig Symptome, aber schon sehr drastische Veränderungen in der Lunge und eine geringe Sauerstoffsättigung. Und es sind eben nicht nur begrenzte Fälle wie bei Mers oder Sars, sondern wir haben global eine große Anzahl von Infizierten.

Wie viele Patienten mit Covid-19 haben Sie denn bisher behandelt?

Die Universitätsmedizin Essen ist hier in der Region das Covid-19-Zentrum. Insgesamt wurden hier mehr als 150 Menschen mit der Krankheit behandelt. Erfreulicherweise sind die Zahlen nun etwas sinkend. Aktuell werden noch rund 40 Patienten stationär in der Universitätsmedizin Essen behandelt.

Müssen denn bei Ihnen viele Covid-19- Patienten beatmet werden?

Bei Covid-19 haben etwa 20 Prozent der Patienten einen etwas schwereren Verlauf, von denen etwa fünf Prozent intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Das heißt aber nicht zwingend, dass sie beatmet werden müssen. Es muss aber dafür gesorgt werden, dass die Sauerstoffversorgung des Körpers sichergestellt ist. Manchmal reicht die Gabe von Sauerstoff beispielsweise über eine Maske aus. Es kann aber auch sein, dass aufgrund einer Unterversorgung mit Sauerstoff oder eines Versagens der Atempumpe eine invasive Beatmung über einen Schlauch notwendig wird. Bei ganz schweren Formen haben wir auch die Möglichkeit, eine sogenannte ECMO einzusetzen, eine Maschine, die teilweise oder vollständig die Atmung des Patienten übernimmt.

Inwieweit folgen Sie bei der Behandlung der Patienten einem bestimmten Muster?

Natürlich ist jede Patientenbetreuung individuell. Wir müssen schauen, was der Patient an Vorerkrankungen und bereits vorhandenen Medikationen mitbringt. Das muss in die Behandlung einbezogen werden. Aber prinzipiell ist es so, dass wir anhand definierter Standards Entscheidungen treffen. Also, ab wann bekommt ein Patient Sauerstoff, wann kommt er gegebenenfalls auf die Intensivstation, wann ist eine Beatmung oder ECMO nötig? Hier orientieren wir uns natürlich an den aktuellen Behandlungsempfehlungen und Leitlinien

Es wird viel über experimentelle Medikamente diskutiert, setzen Sie von den möglichen Kandidaten schon welche ein?

Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir keine wirklich erwiesene wirksame Therapie gegen diese Viruserkrankung. Daher stehen aktuell die Versorgung mit Sauerstoff und begleitende Maßnahmen im Zentrum der Behandlung. Das ist auch der größte Unterschied zu bakteriellen Lungenentzündungen, für die wir beispielweise mit Antibiotika eine zielgerichtete Therapie haben. In den wenigen Monaten, in denen wir es jetzt mit dieser neuen Erkrankung zu tun haben, haben sich die Erfahrungen mit den eingesetzten Medikamenten bereits deutlich verändert.

Inwiefern?

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Prof. Dr. Christian Taube ist Chef der Pneumologie an der Universitätsmedizin Essen – Ruhrlandklinik.

(Foto: UK Essen)

Am Anfang gab es einige Daten, die vermuten ließen, dass Hydroxochloroquin durchaus einen positiven Effekt haben könnte. Die Daten stammten aus kleinen Fallserien und haben dafür gesorgt, dass die Substanz schnell sehr populär wurde. Wir haben damit auch einige Patienten behandelt, gerade bei schweren Verläufen, weil wir einfach keine Alternativen hatten. Inzwischen gibt es Berichte, dass Patienten, die mit Hydroxochloroquin behandelt wurden, nicht besser abschneiden als andere.

Hoffnung macht uns gerade Remdesivir. Die Substanz wurde eigentlich gegen Ebola entwickelt. Jetzt gibt es Daten, die zeigen, dass die Gabe die Dauer der Erkrankung und des stationären Aufenthalts bei Covid-19 verringert. Das wären natürlich positive Signale, aber wir müssen schauen, ob sich diese Studienergebnisse bestätigen. Die Behandlung mit dem Medikament ist auch noch nicht zugelassen.

Warum können Sie es trotzdem schon verabreichen?

Bisher war die Gabe von Remdesivir im Rahmen von klinischen Studien möglich. Daran nimmt auch die Universitätsmedizin Essen teil. Nun setzt der Hersteller ein Härtefallprogramm auf und stellt das Medikament zur Verfügung.

Außerdem sind verschiedene Substanzen in der Erprobung, die überschießende Immunreaktionen unterdrücken sollen. Gerade bei den schweren Verläufen sehen wir, dass das Immunsystem sehr heftig reagiert und dadurch eine starke Entzündungsreaktion in der Lunge hervorgerufen wird. Es werden Antikörper gegen bestimmte Botenstoffe wie beispielweise Interleukin-6 eingesetzt, die diese Entzündungsreaktion unterdrücken sollen. Wir nehmen auch an einer Studie mit Anti-IL-6 teil, die untersucht, ob dieser Wirkstoff den Verlauf der Krankheit günstig beeinflussen kann. Es ist wichtig, dass wir jetzt herausfinden, welche Substanzen wirklich funktionieren. Das geht am besten mittels standardisierter wissenschaftlicher Studien.

Das sieht für mich nach einer engen Verbindung zwischen ärztlichem Alltag und wissenschaftlicher Forschung aus.

Genau, wir in der Universitätsmedizin Essen versuchen gerade, ganz viel zu lernen und das bedeutet forschen. Wir wollen die Behandlung der Erkrankung verbessern. Dadurch, dass wir bisher keine etablierten Therapien haben, ist da viel im Fluss. Behandlungen, auf die wir vor ein paar Wochen noch gehofft haben, sind komplett verschwunden. Bei anderen Substanzen lernen wir gerade, ob sie funktionieren.

Auf welches bildgebende Verfahren setzen sie für die Diagnostik?

Wir schauen schon auf die Symptomatik, aber die Bildgebung ist auch wichtig, insbesondere die Computertomographie. Denn sie zeigt besser und genauer als ein Röntgenbild das Ausmaß der Veränderungen in der Lunge. Außerdem schauen wir im Blut nach Markern für eine ausgeprägte Entzündungsreaktion, also zum Beispiel auf das CRP oder das Interleukin-6. Das sind Parameter, die einen schwereren Verlauf vermuten lassen. Und dann gibt es natürlich die Risikofaktoren, die die Patienten schon mitbringen, Herzerkrankungen oder ein schlecht eingestellter Diabetes beispielsweise.

Wie erholen sich die Patienten?

Wir lernen ja gerade erst, wie der Verlauf der Erkrankung ist. Deshalb müssen wir die langfristigen Folgen noch weiter untersuchen. Wenn ein Patient einen schweren Verlauf mit ausgeprägten entzündlichen Veränderungen hatte, ist davon auszugehen, dass auch vernarbende Veränderungen in der Lunge zurückbleiben. Aber die genauen Effekte können wir noch nicht sehen, dazu brauchen wir langfristige Nachuntersuchungen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie Covid-19 schon ein bisschen besser verstehen?

Ich glaube, die gesamte Forschung weltweit hat schon sehr große Schritte beim Verständnis der Erkrankung gemacht. Wir wissen besser, wie sie abläuft, wie sie biologisch funktioniert, welche Zellen wie vom Virus betroffen werden und wie die klinischen Verläufe sind. Auf der anderen Seite haben wir immer noch viele Unklarheiten, besonders bei der Beteiligung von anderen Organen. Es gibt Hinweise, dass auch das Gehirn oder das Herz betroffen sein können. Es gibt Hinweise auf Hautveränderungen. Man darf nicht vergessen, dass wir die ersten Fälle ja erst vor wenigen Monaten hatten. Da ist es schon beeindruckend, wie schnell man auf dem Weg zu einer Behandlung ist. Aber insbesondere hoffen wir auf die schnelle Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes.

Mit Prof. Christian Taube sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de