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Neuankömmlinge warten in Erding auf die medizinische Erstuntersuchung.
Neuankömmlinge warten in Erding auf die medizinische Erstuntersuchung.(Foto: REUTERS)

Arzt über eintreffende Flüchtlinge: "Menschen kommen erbarmungswürdig an"

Ein junger Arzt berichtet aus einer Erstaufnahmeeinrichtung, in welchem Zustand die Menschen nach der Flucht bei ihm ankommen. Sein bewegender Facebook-Eintrag findet Tausende Leser.

Mit einem absolut "puren und ungefilterten Eindruck" über die medizinische Erstversorgung von Flüchtlingen hat sich der Mainzer Notfallmediziner und Anästhesist Raphaele Lindemann über Facebook an die Öffentlichkeit gewandt. Er habe sich dazu entschlossen, weil er der Meinung sei, "in der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden." Er habe sich vorgenommen, so neutral wie möglich zu berichten.

Lindemann versorgt die Flüchtlinge in einer Erstaufnahmeeinrichtung im bayerischen Erding, noch bevor sie registriert und mit Kleidung versorgt werden oder nach der Flucht die Möglichkeit haben, zu essen oder zu duschen. Deshalb gewinne er einen "Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge".

Der Arzt schildert in seinem langen Post mehrere konkrete Fälle, die er behandelt hat. Eine Mutter habe sich mit drei Kindern im Alter von vier Jahren, einem Jahr und vier Wochen von Syrien aus über das Mittelmeer und Griechenland bis nach Deutschland durchgeschlagen. Bei dem Säugling in feuchter Kleidung habe er eine Lungenentzündung festgestellt.

Unvorstellbares Leid

An einem anderen Tag habe er eine Frau versorgt, "deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung, wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung."

In der Nacht vor dem Facebook-Eintrag sei eine junge Schwangere im Lager angekommen, die keine Kindsbewegungen mehr spürte. "Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer - nachdem der Schleuserkutter gekentert war - nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken, weil sie keine Kraft mehr hatten." Ob das tatsächlich so war, schreibt Lindemann nicht.

Doch angesichts der Schicksale, die er gesehen hat, fühlt er sich dann doch zu ein paar grundsätzlichen Worten genötigt. "Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an." Er sehe pro Schicht etwa 300 bis 500 Flüchtlinge, 40 Prozent davon seien Kindern und nicht junge und gesunde Männer. Er habe noch nie so viel Elend und Verzweiflung auf einmal gesehen.

"Das ist arschig!"

Er könne nicht verstehen, warum manchen Flüchtlingen vorgeworfen wird, dass sie ein Smartphone besitzen. "Mit Verlaub - das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen - inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons."  Auch ihm sei klar, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen könne. Aber Bundeskanzlerin Angela Merkel habe ihm mit ihrer Feststellung "Wir schaffen das" Respekt und Anerkennung abgenötigt.

"Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit, wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen."

Lindemanns Beitrag wurde innerhalb weniger Tage fast 275.000 Mal geteilt. Völlig überwältigt von der Resonanz, schrieb er zuletzt: "Es wird wohl ein paar Tage dauern auf Anfragen, Anmerkungen, Komplimente, Fragen, Kritik und Hassmails adäquat zu antworten." Zum Abschluss seines Eintrags ruft er zu mehr Mitmenschlichkeit aus: "Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern."

Quelle: n-tv.de

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