Günstiger GeheimtippKGM Musso EV - ein E-Laster für wenig Zaster

Kauziger Korea-Stil, sauberes China-Herz von BYD und vielseitig talentiert: Der Musso EV von KGM ist ein spannender und ungewöhnlicher Alleskönner, der Spaß macht, aneckt und Aufmerksamkeit weckt. Wenn man ein echtes Arbeitstier mit hoher Zugkraft wünscht, ist er aber eher nichts.
Ein Pick-up mit E-Kennzeichen macht neugierig: "Ist das ein neuer Chinese?", wird man häufiger gefragt, wenn man mit dem Musso EV unterwegs ist. Zwar ist KGM eine koreanische Marke und lediglich der neue Name von SsangYong, doch tatsächlich stecken im Musso EV chinesische Gene. E-Motor und Blade-Batterie stammen vom Großkonzern BYD.
Das kauzige Musso-Image, ein moderner KGM-Touch mit einer Prise Lifestyle und ein Antrieb vom weltgrößten Elektroautohersteller - dieser für Freizeit und Alltag gleichermaßen geeignete XXL-Stromer ist mit Preisen ab knapp über 40.000 Euro ein echter Geheimtipp. Vor allem für alle, die mit grünem Gewissen ins Grüne fahren und dabei gelegentlich auch sperriges Equipment transportieren möchten.
An Pick-ups hat man sich inzwischen auch in Deutschland gewöhnt. Klassischerweise werden sie allerdings von Dieselmotoren angetrieben. Rein elektrische Varianten sind dagegen noch selten. Die SAIC-Tochter Maxus wagte hier bereits vor einigen Jahren den ersten Vorstoß, im vergangenen Oktober folgte der Musso EV. Inzwischen haben auch Toyota und Isuzu Elektroversionen von Hilux und D-Max angekündigt. Im Nutzfahrzeug-Sektor, so viel ist mittlerweile sicher, setzt der E-Antrieb ebenfalls zum Siegeszug an, denn mit ihm lässt sich viel Geld sparen und die CO2-Bilanz aufpolieren.
Wie hinter der Rückbank abgeschnittenes SUV
Allerdings steht speziell beim Musso EV nicht so wirklich Arbeitstier-Ästhetik im Vordergrund. Sein Design kombiniert futuristische und bullige Akzente mit einer Prise urbanem Chic. Die Karosserie wirkt wie ein SUV, das direkt hinter der Rückbank abgeschnitten und um eine offene Ladefläche verlängert wurde, statt wie ein klassischer Pick-up auf Leiterrahmen mit aufgesetzter Kabine. Damit orientiert sich der Musso EV eher an australischen Utes als am traditionellen Nutzfahrzeug-Pick-up.
Dazu passen auch Innenraum und Fahreigenschaften. Mehr noch: Der Elektroantrieb macht den Musso EV zum wohl komfortabelsten Vertreter seiner Gattung. Platz gibt es reichlich - auch im Fond, wo Kopf- und Beinfreiheit großzügig ausfallen.
Das Cockpit wird von einer 12,3 Zoll großen Instrumentenanzeige und einem ebenso großen Touchscreen dominiert. Apple CarPlay und Android Auto werden allerdings nur kabelgebunden unterstützt. Insgesamt wirkt das Interieur modern, aufgeräumt und wohnlich. Die Mittelkonsole bietet zahlreiche praktische Ablagen, Materialanmutung und Verarbeitung bewegen sich auf dem Niveau aktueller SUV.
Fast permanentes Piepskonzert
Von hier aus könnte man die angenehme Ruhe des Elektroantriebs und das für einen Pick-up erstaunlich geschmeidige Fahrwerk genießen - wäre da nicht das nahezu permanente Piepskonzert. Ja, es geht um Sicherheit: Der Fahrer wird zur Aufmerksamkeit ermahnt, vor einer verdeckten Innenraumkamera durch den linken Arm gewarnt oder bei jeder noch so kleinen Tempolimitüberschreitung akustisch belehrt. Das mag alles sinnvoll sein. Dass dabei jedoch gefühlt alle 30 Sekunden ein penetrantes "Piep, piep, piep" ertönt, dürfte kaum im Sinne der Erfinder sein. Würde ein partnerschaftlich verbundener Beifahrer in ähnlicher Frequenz den Fahrstil kommentieren, wäre die Beziehung vermutlich schnell beendet.
Abgesehen davon fährt sich der Musso EV erfreulich angenehm. Er wirkt weder rumpelig noch hölzern oder so ungelenk wie manch klassischer Allrad-Pick-up mit Spannungen im Antriebsstrang. Trotz seiner mehr als fünf Meter langen Karosserie und eines nicht gerade kleinen Wendekreises lässt er sich überraschend leicht manövrieren. Ob Stadtverkehr oder Autobahn - der Koreaner fühlt sich nahezu überall wohl. Der Musso EV ist eine ausgewogene Allzweckwaffe, mit der man lediglich anspruchsvollere Offroad-Passagen meiden sollte. Zumindest die von uns getestete 2WD-Version suggeriert optisch mehr Geländetalent, als sie tatsächlich bieten dürfte.
Im Alltag überzeugend
Auf der Autobahn entspannt mit Tempomat dahingleiten oder flink durch den urbanen Dschungel huschen: Dank Elektroantrieb ist der Musso EV ein überzeugendes und erstaunlich wenig nach Pick-up wirkendes Alltagsauto. Auch bei der Reichweite gibt es wenig Anlass zur Kritik. Über 80 kWh nutzbare Batteriekapazität ermöglichen laut WLTP bis zu 420 Kilometer Aktionsradius. In der Praxis blieben bei konstant 120 km/h rund 350 Kilometer übrig. Unser Testverbrauch lag bei 22,6 kWh pro 100 Kilometer. Ein Effizienzwunder ist der Koreaner damit zwar nicht, für ein Fahrzeug dieser Größe geht der Energiebedarf aber durchaus in Ordnung.
Der Musso mit China-Herz eignet sich damit auch für längere Reisen. Dynamische Links-rechts-Kombinationen zählen dagegen weniger zu seinen Stärken. Dafür ist er schlicht zu schwer und zu behäbig. Und apropos Langstrecke: Beim Schnellladen dürfte ebenfalls etwas mehr gehen. Zwischenzeitlich konnten wir bis zu 136 kW Ladeleistung beobachten und innerhalb von 30 Minuten rund 50 kWh nachladen. Ab etwa 75 Prozent Akkustand fällt die Ladekurve allerdings deutlich ab. Wer an einem Tag mehr als 1.000 Kilometer zurücklegen möchte, wird daher etwa alle 200 Kilometer eine rund halbstündige Ladepause einplanen. Wer ein Dachzelt aufschnallt und Fahrräder auf die Ladefläche packt, kann bei Tankpausen die Umgebung des Ladeparks erkunden - oder auf dem Dach einen Powernap in der Horizontalen einlegen.
Man kann eben nicht alles haben. Schon gar nicht, wenn ein über fünf Meter langer Elektro-Pick-up bezahlbar bleiben soll. Der Einstieg gelingt ab rund 42.000 Euro. Das liegt deutlich unterhalb vom Maxus eTerron9 (ab 63.000 Euro) und dem Hilux BEV (ab 70.200 Euro).
Bereits serienmäßig an Bord sind Keyless-System, Navigations-Infotainment mit Smartphone-Konnektivität, Zwei-Zonen-Klimaautomatik, 17-Zoll-Leichtmetallräder, Rückfahrkamera, adaptiver Tempomat, V2L-Funktion, Dachreling sowie Licht- und Regensensor. Rund 7000 Euro Aufpreis kostet die Ausstattungslinie Lux, die nahezu Vollausstattung bietet. Weitere 4000 Euro verlangt KGM für den Allradantrieb. Doch bereits mit einfacher Ausstattung und einfachem Antrieb hat der Musso viel zu bieten.
KGM Musso EV 2WD - technische Daten
Pick-up mit fünf Sitzen; Länge: 5,16 Meter, Breite: 1,92 Meter, Höhe: 1,74 Meter, Radstand: 3,15 Meter, Wendekreis: 12,4 Meter, Ladefläche: Länge 1,35 Meter, Breite 1,52 Meter, Höhe 0,51 Meter, maximale Nutzlast 500 Kilo, Volumen 1.049 Liter
Batterie: Lithium-Eisenphosphat, nutzbare Batteriekapazität 80,6 kWh, Ladeleistung 11 kW (AC)/120 kW (DC)
Ein Elektromotor vorn, 152 kW/207 PS, maximales Drehmoment: 339 Newtonmeter, 0-100 km/h: 9,2 s, Vmax: 162 km/h, Frontantrieb, Anhängelast: 750/1.800 kg, Normverbrauch: 23,0 kWh/100 Kilometer, Reichweite: 420 km, Testverbrauch: 22,6 kWh
Preis: ab 41.990 Euro (2WD) und 45.990 Euro (4WD)