Her mit mehr Emotionen!Mercedes-AMG GLC 53 kommt mit klangstarkem Sechszylinder
Von Patrick Broich, Hamburg
Mercedes-AMG besetzt beim GLC eine neue Sechszylinder-Position. Das ist jedoch nicht die erste innerhalb der GLC-Linie. Allerdings gab es bisher noch kein sogenanntes 254er-Exemplar mit Otto-R6. Das ist cool, enttäuscht aber auch.
Mag sein, dass der Einstieg zunächst etwas verwirrt. Doch lass mal ganz langsam aufdröseln. Als Mercedes den neuen GLC der Baureihe 254 im Jahr 2022 vorstellte, mussten Fans des ambitionierten Motorenbaus ganz stark sein. Damals, Downsizing und Elektrifizierung schwebten mental auf ihrem Zenit, waren die Schwaben davon überzeugt, dass der Verbrenner langsam ausfaden würde. Klar, der AMG bekam ordentlich Schmackes, aber für die 63er-Ausbaustufe dachte sich Mercedes einen komplizierten Vierzylinder-Strang mit hoher spezifischer Leistung (M139) aus plus bärige Elektroeinheit samt zweistufiger Übersetzung.
Der leistete zwar insgesamt 680 PS, wurde aber so sperrig und betriebsstrategisch tricky zu handhaben, dass die Techniker gleich etliche Fahrprogramme dazuliefern mussten mit den Layouts der wichtigsten Rennstrecken im Speicherchip. Demnach kann vor allem auf den Tracks dieser Welt gezielt rekuperiert und wieder Leistung abgegeben werden, sodass die besten Rundenzeiten möglich werden. Klingt wild. Ist es auch. Allerdings fehlten zwei entscheidende Dinge - nämlich zwei weitere Zylinder oder je nach Geschmack sogar vier.
Gut, jetzt muss man wissen: Es gab den GLC durchaus mit mehr als vier Zylindern. Und zwar werkelt im GLC 450d schon lange der gepflegte OM656 mit drei Litern Hubraum und beachtlicher Laufkultur, weil mit sechs Zylindern in Reihenanordnung gesegnet. Das ist zwar alles fein, aber die Kunden lechzen nach einem richtigen Knaller mit Feuer unter der Haube und Sound im Auspuffendrohr. Es geistert schließlich schon länger durch die Medien, dass der V8 wiederkommen würde. Für den CLE hat Mercedes das ja auch bestätigt. Aber im GLC? Schweigen im Walde.
Jetzt werfen die Verantwortlichen aus Affalterbach die Vierzylinder-Benziner raus, streichen Position 43 sowie 63 und installieren kurzerhand einen Dreiundfünfzig. Moment, jetzt mal langsam. Dass der 421 PS starke 43er entfällt, geschenkt. Braucht kein einziger AMG-Kunde. Und jetzt soll der 63er aber auch ersatzlos entfallen? Im Konfigurator findet er sich jedenfalls nicht mehr.
Topmodell GLC 63 scheint zu entfallen
Das wäre kaum weniger als spektakulär, weil damit ein veritables Topmodell entfiele, an das sich einige Kunden über Jahre gewöhnt haben. Andererseits - vielleicht ist der Vierzylinder-63 mit 680 PS auch einfach ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen. Und der neue GLC 53 kommt mit 449 PS plus 23 PS starkem Kurbelwellenstarter nominal zwar erheblich schwächer daher, aber deutlich emotionaler als das bisherige Topmodell.
Lass mal ausprobieren. Einen lautstarken Kaltstart verkneift sich der schnell auf Drehzahl hochgezogene M256 freilich. Dafür füttern die Mercedes-Gelehrten vor der Fahrt mit spannenden Informationen, was im Zuge der Euro-7-Abgasnormertüchtigung besser geworden ist an diesem durchaus emotionalen Triebwerk. Neben einem überarbeiteten Zylinderkopf wuchert der elektrische Verdichter jetzt mit 7,5 kW - das entspricht einem Plus von 2,5 kW mehr Power, und 205 elektrische Newtonmeter wären ja auch noch im Spiel. Und dann der Driftmodus (Mercedes betont, es sei der erste in einem SUV). Na ja, kann man mal Driftmodus sein lassen.
Los gehts, Fahrstufe "D" und antesten, die praktische Emotions-Mittelklasse. Statt Track bietet sich hier und heute bloß etwas verregneter Untergrund rund um Hamburg. Immerhin, Richtung Schleswig-Holstein werden die Straßen einsamer und offener, was dem Gaspedal ein bisschen mehr Spielraum einräumt. Und jetzt zahlt sich plötzlich auch der variable Allradantrieb aus, ohne den kein GLC 53 die Werkshallen verlässt, ist ja logisch. Traktionsprobleme selbst bei Nässe? Fehlanzeige, der Benz kommt gut mit seiner Leistung klar.
Dass die Fahrzeugflotte hier vollumfänglich in einem Mattschwarz an den Start rollt und damit Bad-Boy-Energie verströmt, passt eigentlich gut. Denn obwohl hier keine Drei vor dem Komma steht im Kontext mit der Beschleunigungsdisziplin, sprintet der 4Matic ganz schön biestig davon und erzeugt qua Druck im Kreuz für Grinsen in den Gesichtern der Passagiere. AMG verspricht, dass der Sechsender noch besser anspricht. Schwer zu sagen, aber mehr als willig durch das Drehzahlband donnern, das geht ja fast nicht - dafür steht der M256 jedoch.
100 km/h stehen nach 4,2 Sekunden, da hat der Neungang-Wandler schon zackig, aber trotzdem geschmeidig Übersetzungen gewechselt. Na, das ist doch ein Wort. Der vergangene 63er schaffte das bloß 0,7 Sekunden schneller, da geht die Welt jetzt auch nicht unter. Bei der Höchstgeschwindigkeit erlaubte das alte Topmodell mit 275 Sachen nur 5 km/h mehr als der neue Sechszylinder. Und ruhig mal einen sportlichen Modus bemühen, dann sprotzelt es schön. Ansonsten meldet sich das Aggregat zwar lautstark, aber nicht übertrieben lärmend zu Wort und bleibt gar akustisch dezent, wenn der Fahrer es möchte.
Neben all den sportlichen Skills kann der AMG-GLC jetzt auch praktisch sein. Beispielsweise in Form von 2,4 Tonnen Anhängelast statt wie früher lediglich 1,8. Da lässt sich schon etwas wegtrailern.
Elektronisch verstellbare Dämpfer, aber keine Luftfederung
Straff oder sanft können die Dämpfer sein - elektronisch in Stufen geregelt gemäß Einstellung. Und zwar getrennt für Druck- und Zugstufe, damit sensibler reagiert werden kann. Außerdem erfüllt die Lenkung an der Hinterachse unterschiedliche Funktionen: Es gibt mehr Fahrdynamik in schnell gefahrenen Kurven sowie mehr Handlichkeit in der Stadt.
Generell lässt sich der 2,1-Tonner mit sauber rückmeldender Servolenkung zackig um die Ecken werfen, ohne Komfort vollends aus der Passagierzelle zu verbannen. Diese Bandbreite sorgt für mehr Praxistauglichkeit. Features wie aktive Motorlager und elektronisch gesteuertes Sperrdifferenzial hinten treiben das mit der Querbeschleunigung auf die Spitze.
Und sonst? Mit einer Länge von rund 4,75 Metern ist der GLC kein sonderlich ausladendes Auto. Zwei Personen im Fond bietet er dennoch ein kommodes Plätzchen an, was selbst für das im Bereich der C-Säule schnittiger gezeichnete Coupé gilt. Sorgsam konturierte Sitze tun ihr Übriges.
In puncto Infotainment wirkt der Sportler fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Zwar bleibt der bei Mercedes in neuen Modellen so oft zum Einsatz kommende Superscreen hier nur ein Wunsch, aber die Bedienung fällt dennoch intuitiv aus. Außerdem ist das, was jetzt unter der muskulös herausgearbeiteten Haube steckt, sowieso viel spannender für die Fans als immer noch mehr Displayfläche. Insofern ist das neueste GLC-Derivat durchaus ein Grund zur Freude auch trotz des Umstands, dass die 63er-Position zunächst mal aus dem Modellangebot purzelt.
Dass der GLC 53 einen 78.000 Euro teuren Krater in der Konto-Landschaft hinterlässt, wird hoffentlich durch eine faire Leaingrate abgefedert. Allerdings war der 63er fast doppelt so teuer - mit fragwürdigem Ergebnis. Denn immerhin bot er deutlich weniger Emotionen. Und das hat Mercedes zum Glück korrigiert.