Lohnt ein Blick auf diese Limo?Neuer Lexus ES bleibt feine Businessklasse-Option für Individualisten
Von Patrick Broich, San Diego
Mit dem neuen ES schafft Lexus einmal mehr die Möglichkeit, gehobene Fahrkultur weit jenseits des Mainstreams erleben zu können. Das ist spannend, wenngleich die Erzählung auch konstruktive Bruchstellen aufweist. ntv.de war mit dem Japaner unterwegs.
Was ist denn da mit Lexus bloß los? Erst wird die Marke wirklich als ungeheuer kompetent und leidenschaftlich aufgebaut mit Achtzylinder-Cabrios, Luxuslimousinen und V10-Sehnsuchts-Sammlermodellen. Und dann? Kappt das Label den V8, behandelt global sogar Sechszylinder eher stiefmütterlich und lässt auch bei den E-Autos keine richtige Passion erkennen.
Gut, da tauchen schon spannende Dinge am Horizont auf, aber alles noch weit weg und überhaupt gar nicht konkret. Jetzt also hat der ES seinen ersten internationalen Auftritt. Von den Bildern kennt man ihn schon viele Monate, denn die Fotopremiere des Businessklässlers erfolgte bereits vor einer ganzen Weile.
Die Vokabel "Businessklässler" liefert gleich das erste Stichwort, denn beim ES ergeben sich bereits Schwierigkeiten bei der exakten Klasseneinteilung. Früher war der Lexus GS ganz klar obere Mittelklasse, also die andere Bezeichnung für "Businessklasse", dann ersetzte in Deutschland zwar der alte ES den GS, doch der war gefühlt eigentlich näher an der Mittelklasse, insbesondere von den eher beschaulichen Antrieben her (klein war er nicht). Der GS dagegen war vollfett bis hin zur GS-F-Variante als Gegenposition zu Konsorten wie Audi RS6, BMW M5 oder Mercedes-AMG E 63.
Nun, der neue ES legt immerhin schon mal mit coolem Design sowie properem Format ordentlich vor. Was der Betrachter hier sieht, ist optisch nicht mehr ganz so überzeichnet, wie einstige Lexus-Modelle es waren oder teils immer noch sind, sondern ein bisschen clean, aber irgendwie auch nobel und futuristisch mit etlichen Lichtspielereien innen wie außen. Und eine Limousine mit 5,14 Metern Außenlänge spricht sowieso für sich. Das war mal gestandene Oberklasse vor nicht allzu langer Zeit. Dass der ES etwas hermacht, kann also kaum bestritten werden. Aber reicht das heute, um in diesem hoch technisierten Segment punkten zu können?
ES fährt wirklich sämig
Sagen wir mal so, eine Sache kann diese Limousine wirklich in grandioser Weise: komfortabel fahren. Egal, ob man sich für die batterieelektrische Ausgabe mit einem oder gar zwei Aggregaten entscheidet oder den Hybrid wählt - dieser Lexus ist leise, federt himmlisch und verfügt über Sitze, in denen man ohne Probleme auch mal einen halben Tag verbringen mag. Ein genauerer Blick auf die Antriebe zeigt aber ebenfalls gut, wer eben nicht Zielgruppe ist. Und dann gibt es zudem eine Besonderheit, aber darüber wird noch zu sprechen sein.
Die Elektroeinheiten sind von den Spezifikationen her jedenfalls deckungsgleich mit denen aus Toyota bZ4X und C-HR+, was bedeutet, dass die Basis mit 224 (ES 350e) und das stärkere Modell 500e mit 343 PS gesegnet ist. Klar, vor zehn Jahren hätte man bei solchen Werten noch gezuckt, aber heutzutage ist das eher sachlich, erst recht beim Elektroauto. Ob der Hybrid namens ES 300h mit 196 PS Systemleistung jetzt die spannendere Alternative wäre, sei dahingestellt. Für Reichweiten-Angsthasen vielleicht.
Andererseits ist der starke ES mit Dual-Motorsystem und Allrad jetzt alles andere als dürftig motorisiert. Natürlich spüren die Passagiere veritablen Druck im Kreuz bei voller Last, schließlich sprintet der 2,2-Tonner binnen fünfeinhalb Sekunden auf 100 km/h. Hier auf den breiten Straßen in Kalifornien ärgert man sich natürlich auch nicht darüber, dass bei 180 km/h Schluss ist. Würde dann nicht auch der Fronttriebler reichen, könnte man fragen. Sicherlich, denn ganz spurtschwach ist der auch nicht unterwegs mit seinen acht Sekunden bis 100 Sachen.
Aber! In einem Punkt sind beide Elektroausgaben unzeitgemäß langsam, und das ist das Laden. Jetzt könnte man sagen, der ES verfügt lediglich über 400 Volt, ja. Aber auch dann bekäme man einen knapp über 70 kWh (netto) großen Akku, was übrigens ziemlich überschaubar dimensioniert ist, ein paar Minütchen schneller voll - das Datenblatt nennt 28 Minuten bei einem Ladeleistungspeak von gerade mal 150 kW. Lexus argumentiert mit einer globalen Marktmechanik. Klar, es ist finanziell und technisch einfacher, bestehende Antriebseinheiten aus niedriger positionierten Segmenten einfach zu übernehmen. So, als würde Audi den Q4-Strang auch in einen A6 E-Tron einbauen.
Fond-Komfort wie in einer Luxuslimousine
Das heißt natürlich nicht, dass der Lexus schlecht wäre, ganz im Gegenteil. Nur beim Thema Schnellladen steigt er eben aus. Wenn das allerdings diejenigen Kunden kaum stören wird, die ohnehin selten richtig lange Strecken am Stück abreißen, ist es für deren individuellen Einsatzzweck völlig okay.
Doch jetzt kommts! In der zweiten Reihe offenbart sich eine derart üppige Beinfreiheit, dass man am liebsten gar nicht mehr aussteigen möchte. Und zu jeglichem Überfluss lässt sich der rechte Fondsitz auch noch fast zu einem Liegesitz machen dank des Ottomane-Elements. Also mehr Reise-Luxus-Limousine geht quasi gar nicht. Und dann so ein kleiner Akku? Hm. Braucht man solche Features generell in diesem Segment? Hierzulande jedenfalls nicht wirklich, aber vielleicht in anderen Märkten.
Eine Disziplin, in der Lexus offenbar ebenfalls auf internationale Standards pfeift, ist das Infotainment. Großer Screen in der Mitte? Ist genehmigt. Aber wie wäre es mit einer etwas entzerrter Menülogik? Scheint vorwiegend ein Problem europäischer oder deutscher Kunden zu sein, die das eben falsch empfinden. Das Kapitel "Schöner Wohnen" bestreitet Lexus aber dafür stabil. Feine Dekors (nachts sogar fancy beleuchtet), wertige Materialien - aber weitgehend asiatischer Stil, das geht schon klar.
Spannend wird am Ende sein, wie effizient sich der Lexus geriert. Vor allem für die einmotorige Variante lautet der WLTP-Wert auf bis zu 581 Kilometer Reichweite. Könnte der Praxisgebrauch diesen Wert auch nur halbwegs bestätigen, wäre das angesichts des eher kompakten Akkus durchaus bemerkenswert. Schließlich erforderte das einen Verbrauch von bloß 14 kWh je 100 Kilometer - das klingt fast schon absurd zurückhaltend. In diesem Fall könnte sich ein Segmentkunde vielleicht doch noch überlegen, seine je nach Ausstattung um die 60.000 Euro bei Lexus zu investieren. Ein eher exotisches Auto, das er nicht an jeder Ecke finden würde, hätte er obendrein auch noch.