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"American Gods" im Blutrausch Alte Götter kämpfen gegen neue

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Eine der "American Gods": Bilquis verschafft Männern göttlichen Sex und verschlingt sie dabei - nicht durch den Mund. Danach gabs beim Londoner Screening Szenenapplaus.

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

Götter sind unsterblich? Nein, keineswegs - wenn niemand mehr an sie glaubt, sterben auch sie. Und werden durch andere ersetzt. Technologie und Medien sind unsere neuen Götter - in "American Gods" treffen sie auf Odin und Co.

Woran glauben wir? An die Liebe? An "die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar?" Oder doch an Gott? Und wenn ja - an welchen? "Believe!" wird Shadow Moon (Ricky Whittle) in "American Gods" immer wieder zugeraunt, "Glaube!" Aber woran? Seit er aus dem Knast entlassen wurde, passieren die unglaublichsten Dinge, er glaubt seinen Augen oft nicht, aber irgendwann nimmt er es einfach hin, lässt es geschehen. Dass seine Frau Laura (Emily Browning, "Sleeping Beauty"), die er doch gerade beerdigt hat, auf einmal wieder vor ihm steht. Die merkwürdigen Ereignisse um den geheimnisvollen Herren (Ian McShane, "Hercules", "Fluch der Karibik"), der sich als Mister Wednesday vorstellt und doch eigentlich Odin ist, der Gottvater, Wotan. Und Shadow ist mittendrin in einem Kampf der Götter, der Mächte. Nun zu sehen in der Serien-Adaption des gleichnamigen Romans von Neil Gaiman.

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Mr. Wednesday (l.) und Shadow bilden ein ganz besonderes Gespann.

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

Odin alias Mr. Wednesday lebt unter den Menschen, als Trickbetrüger – einerseits lebt er so ganz gut, andererseits kämpft er ums Überleben. Denn auch Götter können sterben: Wenn niemand mehr an sie glaubt, gehen sie zugrunde und verschwinden. All die alten, klassischen Götter und Fabelwesen aus verschiedenen Mythologien und der Bibel sind mit den Einwanderern nach Amerika gekommen: Odin und "Loki und Thor, Anansi und der Löwengott, die Leprechauns und Cluricauns und Banshees, Kubera und Frau Holle und Astaroth ... Wir sind in ihren Gedanken hierhergesegelt und haben Wurzeln geschlagen. Wir haben die Siedler über den Ozean in das neue Land begleitet", so Wednesday. Aber "schon bald ließen die Menschen uns im Stich, besannen sich auf uns nur noch als Geschöpfe der Alten Welt, als Dinge, die nicht mit ihnen in die Neue gekommen waren. Unsere wahren Gläubigen verstarben oder hörten auf zu glauben."

Die neuen Götter

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Shadow Moon, die Hauptfigur in "American Gods".

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

An die Stelle der alten Götter traten die neuen: Technologie, Medien, Drogen, Ruhm und Geld: "Götter der Kreditkarten und der Schnellstraßen, des Internets und des Telefons, des Radios und der Krankenhäuser und des Fernsehens, Götter des Plastik und der Piepser und des Neon. Stolze Götter - fette, törichte Kreaturen, ganz aufgebläht von ihrer eigenen Neuheit und Wichtigkeit."

Ihnen und dem Sterben will sich Wednesday nicht einfach so ergeben – er heuert Shadow als Bodyguard, Begleiter und Mann für alles an und fährt mit ihm quer durchs Land, von Gottheit zu Gottheit, um sie zu versammeln. Er will sie überzeugen, sich zu verbünden und mit vereinten Kräften gegen die neuen Götter zu kämpfen: "Sie wissen, dass es uns gibt und sie fürchten und hassen uns. ... Sie werden uns auslöschen, sobald sie dazu in der Lage sind. Wir müssen uns zusammenschließen und zwar jetzt."

Die alten Götter wollen nicht kämpfen

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Strahlend wie der junge Frühling: Easter, bei der Mr. Wednesday um Kampf-Unterstützung bittet.

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

Aber er trifft nicht auf große Zustimmung - die alten Götter haben resigniert, sich ihrer jämmerlichen Lage ergeben oder es sich in der neuen Welt ganz gut eingerichtet - manchen geht es durchaus auch gar nicht schlecht, wie etwa Easter oder Ostara (Kristin Chenoweth), die germanische Frühlingsgöttin, der auch zu Ostern gehuldigt wird. Im prachtvollen Blumenkleid tritt sie Wednesday gut gelaunt entgegen. Und der göttlichen Bilquis (Yetide Badaki) ist es ein Leichtes, sich mit Männern zu treffen, sich von ihnen anbeten zu lassen und sie anschließend zu verschlingen - und das nicht mit dem Mund.

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Tschernobog mit seinem ganzen Stolz, dem Hammer.

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

Ein Ifrit hingegen, ein Dschinn mit feurigen Augen hinter einer Sonnenbrille, schlägt sich mehr schlecht als recht als Taxifahrer durch. Und Tschernobog (Peter Stormare, "Fargo", "The Big Lebowski"), der slawische "schwarze Gott", der mit den drei Schicksalsschwestern Zorja zusammen wohnt, ist ein mies gelaunter, abgerockter Kettenraucher im speckigen Unterhemd, der davon lebte, Kühe beim Schlachten mit dem Hammer auf den Schädel zu hauen und sie so zu töten.

Tschernobog ist ganz und gar nicht willens, sich an dem Kampf zu beteiligen, und kann nur mit einem Trick überredet werden - er spielt mit Shadow Dame. Verliert Shadow, darf er ihm mit seinem Hammer den Schädel einschlagen; gewinnt Shadow, begleitet Tschernobog sie. Eine enorme Spannung liegt in der rauchgeschwängerten Luft ... Es geht auch hier um Leben und Tod, darunter macht es "American Gods" kaum.

Blut fließt, viel Blut

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Von vielen Fans wie ein Gott verehrt: Neil Gaiman.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Manche der alten Götter wollen die Gefahr nicht wahrhaben, die Wednesday so eindringlich schildert. Manche scheuen wohl auch die Auseinandersetzung - denn die neuen Götter sind äußerst aggressiv, gefährlich und greifen an. Es geht grausam zu, in "American Gods" fließt Blut, sehr viel Blut, Fontänen, Ströme, Körper werden zerteilt, Körperteile fliegen durch die Luft. Beim Presse-Screening der ersten Folge in London am 6. April, bei dem Buchautor Neil Gaiman per Video eine Grußbotschaft schickte, zeigte er sich auch etwas erschrocken ob des vielen Bluts. Aber generell sehr glücklich über die Verfilmung, bei der er mehr als ein Wörtchen mitzureden hatte.

*Datenschutz

Die Bedrohung durch die neuen Götter kommt denn auch nicht nur in Form von roher Gewalt, sondern auch als Verführung daher -  wie bei Media (Gillian Anderson, "Akte X"), dem Sprachrohr der neuen Mächte. Sie hat es nicht schwer, uns zu verführen - wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir damit verbringen, auf Bildschirme zu starren, sei es der Fernseher, das Smartphone oder das Tablet. Und das schon von Kindesbeinen an.

Media sieht jedesmal, wenn sie erscheint, wie jemand anderes aus - Drehbuchautor Bryan Fuller ("Star Trek", "Hannibal") erklärt dazu: "Immer wenn Media sich manifestiert, tut sie das als bekannte tote Person, die in großartiger Art und Weise etwas zur Kunst beigetragen hat. Wir haben sie als David Bowie und Marilyn Monroe und Judy Garland."

Technical Boy, das personifizierte Internet

Ähnlich wie der fiese Technical Boy (Bruce Langley), die Personifikation des Internets - er erfährt ständig Updates und trägt immer neue Frisuren und Outfits. Anders als im Buch ist er nicht fett - Fuller beschreibt den neuen Look als "more punk than god". Seit dem Erscheinen des Buches 2001 sei auch so viel Zeit vergangen, habe sich bei der Technologie unglaublich viel verändert - dem hätten sie auch in der Ästhetik von Technical Boy Rechnung getragen. Er sei die Figur, die im Vergleich zum Buch die größte Veränderung erfahren habe.

Die Computernerds sind heute oft einfach keine fetten Stubenhocker mit fettigen Haaren mehr; Technologie ist überall, verändert sich ständig, wie Mode - was heute up to date ist, ist es morgen nicht mehr. Und so hat auch Technical Boy ein ständig neues Aussehen und Erscheinungsbild. Und er raucht synthetisch hergestellte, getrocknete Krötenhaut - stinkt gewaltig, soll aber gut drehen.

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Technical Boy in seiner megalangen Limousine - er raucht getrocknete Krötenhaut.

(Foto: Starz Entertainment/Amazon Prime)

Das ist natürlich nicht der einzige Unterschied zum Buch - es gibt kleine und große Änderungen. So ist Bilquis hier keine Hure, sondern trifft ihre Lover zu einem Date; Shadows Frau Laura bekommt viel mehr Gewicht und spielt eine weitaus größere Rolle und auch ihre und Shadows Vorgeschichte wird ausführlicher dargestellt. (Wie Emily Browning beim Screening in London lächelnd meinte, hätten die Frauen mehr Raum bekommen, damit aus der Serie keine "Sausage Party" wird, kein reines Männertreffen.) Bryan Fuller und Michael Green machten von Anfang an klar: Die Serie wird keine simple 1:1-Verfilmung der Romanvorlage. Das haben wohl auch die größten Fans nicht erwartet - und derer gibt es reichlich. Neil Gaiman selbst wird von seinen Fans gottgleich verehrt und die Verfilmung von "American Gods" wurde von vielen herbeigesehnt.

Wo liegen die Wurzeln Amerikas?

Ganz gleich, ob man das Buch oder Hörbuch kennt oder nicht: Die Serie (zumindest das, was man davon schon zu sehen bekam) ist ein rauschhaftes Meisterwerk mit großartigen Bildern, einer ebensolchen Besetzung, mit Witz und Mythen und Sex und Gewalt und Liebe. Und einem großen Thema, denn nicht zuletzt geht es um die Frage, wo die Wurzeln Amerikas liegen. Wie die vielen Einwanderer aus der ganzen Welt das Land geprägt haben. Und nicht zuletzt darum ist "American Gods" hochaktuell.

Die erste Staffel von "American Gods" des US-Pay-TV-Senders Starz hat am 1. Mai Premiere bei Amazon Prime Video. Die Folgen stehen immer einen Tag nach Ausstrahlung in den USA in deutscher Synchronfassung und englischer Originalversion zur Verfügung; jede Woche kann eine neue Folge gestreamt werden.

Bislang sind die acht Folgen der ersten Staffel abgedreht, was in etwa einem Drittel des Buches entspricht; die Dreharbeiten für die zweite Staffel sollen im September 2017 beginnen. Die Macher sagen, sie hätten (auch durch zusätzliche Handlungsstränge) Stoff für etwa fünf Staffeln.

Quelle: n-tv.de

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