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Ostimismus in LatzhosenCindy Speich baut einfach ohne ihren Mann - und das Patriarchat dreht durch

24.10.2026, 12:16 Uhr imageVon Solveig Bach
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Cindy Speich ist die Bauleiterin ihres eigenen Lebens und bekommt dafür immer wieder Hasskommentare. (Foto: picture alliance/dpa)

Sie saniert ihr Haus - und rüttelt an männlichen Weltbildern. Dafür erntet Cindy Speich Hass und erlebt Anfeindungen. Doch statt klein beizugeben, greift sie zum Akkuschrauber. Und jetzt auch zum Wort.

1,2 Millionen Menschen folgen Cindy-Adriana Speich auf Instagram, seit Jahren saniert sie ihr Haus in Thüringen. Sie wäre beinahe Krankenschwester geworden, wurde dann Friseurin, zweimal Mutter, Ehefrau und Content Creatorin und nun auch noch Autorin.

Auf Instagram beginnen viele ihrer Posts mit den Worten: "Heute baue ich ...", dann folgt das jeweilige Projekt. Der Satz endet mit: "... ohne meinen Mann". Und aus irgendeinem Grund macht das viele Männer im Internet richtig sauer. Davon handelt ihr Buch "Ich bau mir 'ne Welt, die Männern nicht gefällt".

Im Hörbuch aus dem Argon-Verlag ist die unverkennbar Thüringisch geprägte Stimme einer Frau zu hören, die über viereinhalb Stunden erstaunlich wenig wütend klingt. Denn was Speich aus ihrem Leben, ihrem Alltag und vor allem aus dem Internet erzählt, lässt einem schon beim Zuhören die Halsschlagader schwellen. Ein Mann rät ihrem Vater vor dessen Haustür, er solle die Tochter mal etwas zügeln. Ein anderer fragt sie unter einem Instapost, ob sie nicht etwas dick sei. In Hamburg wird sie von einem Stalker verfolgt.

Bedrohte Männlichkeit

Speich lernt auf die harte Tour, dass die Familienentscheidung, dass sie während ihrer Elternzeit das Haus saniert, während ihr Mann das Geld verdient, erstaunlich viele stört. Dass die Idee aus der Not geboren ist, weil das Geld für einen Neubau nicht reicht, geschenkt. Dass sie sich alles auf Youtube selbst beibringt, ebenso. "Ich darf inzwischen als Frau auf dem Dorf vieles sein. Hübsch und stark, erfolgreich und auch unabhängig. Aber bitte alles nur in einem Rahmen, der Günther nicht plötzlich das unangenehme Gefühl gibt, bedroht zu sein." Wobei Günther ebenso wie Marko, Torsten oder andere Namen für Männer steht, die Speich immer wieder in ihre Weltsicht pressen wollen.

Die Tatsache, dass sie in Latzhosen baut, die Haare locker zusammengebunden, im Sommer auch mal nur mit BH unter der Latzhose, machen die 31-Jährige ebenso wie andere Frauen zum Ziel von ständigen Angriffen. Als würde sie ihr neuestes Reel mit einer Drohne aufnehmen, die hoch über ihr Hausdach steigt, weitet Speich den Blick auf ihr Mädchen- und Frauenleben, in dem das männliche Urteil immer wieder für Irritation und auch Schmerz sorgt.

Da ist die Zeit als Funkenmariechen, in der Speich als Kind Medaillen gewinnt und viel Spaß auf der Bühne hat, bis sie zu groß wird und nicht mehr mitmachen darf. Da ist ihre erste Schwangerschaft, die sie abbricht. Während ihr damaliger Freund dafür bemitleidet wird, bekommt sie die maximale Verurteilung zu spüren. Sie hätte aufpassen oder sich auch in einer unsicheren Beziehung für das Kind entscheiden müssen. Da ist ihre Hochzeit, für die sie instagrammable Kleid, Buffet und Location hat und sich später fragt, warum sie den Tag nicht einfach genossen hat.

Einfach machen

Doch so richtig hart wird es erst, als sie für viele Menschen sichtbar an ihrem Haus baut. Es wird angezweifelt, dass es Haus und Garten so überhaupt gibt, und noch mehr, dass Speich dort einfach Dachfenster einbaut, Dämmung anbringt oder Mauern errichtet. "Je öfter ein solcher Kommentar kam, desto mehr habe ich verstanden: Es geht gar nicht um mich. Es geht nicht um die Wand. Nicht um die Dämmung. Nicht um den Akkuschrauber. (...) Es braucht nur eine Frau mit Kreissäge in der Hand, und es entpuppt sich die geballte Männlichkeit in den Kommentarspalten unter einem solchen Video. Und wenn dann da jemand steht, die auch noch optisch absolut nicht in ihr Wunschdenken passt und eben nicht nur dekorativ danebensteht oder den Schraubendreher anreicht, sondern wirklich macht, dann kratzt das bei manchen am Weltbild."

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Fast scheint es, als fühle sich Speich unfreiwillig in die Reihe ihrer weiblichen und ostdeutschen Vor- und Nachfahren gestellt. Da ist ihre Oma, die jung geheiratet, immer gearbeitet und natürlich Kinder großgezogen hat, ihre Mutter, die sie gern auch mal zu den Fliesenregalen im Baumarkt begleitet und natürlich ihre Tochter, die hoffentlich nicht mehr intervenieren muss, wenn ein Mann neben ihr so breitbeinig sitzt, dass sie kaum noch Platz hat. In dieser Reihe fühlt man sich auch als Zuhörende, eine 31-Jährige stolpert über die unerwartet auftauchenden Begrenzungen eines Frauenlebens mitten in Deutschland und man wünscht sich irgendwie, dass die Welt 2026 schon weiter sein würde.

Ist sie aber nicht und das nimmt Speich mit einem drastischen Humor. Da spricht eine lustige und lebenskluge Frau, mit der man sofort Lust hat, einen trinken zu gehen. Sie selbst nennt diese Eigenschaft in sich "Ostimismus". Eine Frau, die ihren Mann und ihre Kinder liebt, nicht jammert, sondern anpackt, sich manchmal wundert, aber nie so viel, als dass sie sich von irgendetwas abhalten ließe. Ihr zuzuhören geht nicht ganz ohne Neid, weil Speichs Haus auf Instagram einfach super aussieht und man nicht umhinkommt, sich zu wünschen, man wäre entweder handwerklich so begabt oder so cool, diese Bauarbeiten auch unbegabt anzugehen. Bis das eintrifft, kann man ihr ja einfach folgen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann mehr Männern ihr Auftreten im Internet oder im echten Leben komisch vorkommt.

Quelle: ntv.de

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