Unterhaltung

"Ich hab' die Schnauze voll" Dann bleib doch einfach zu Hause, Nena

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Fordert die "komplette Eigenverantwortung": Nena.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Was Nena und Helge Schneider eint? Sie beide können trotz Pandemie am Wochenende endlich mal wieder ein Konzert spielen. Und sie beide treten dieses Glück und ihre Fans mit Füßen. Auch der gebeutelten Veranstaltungsbranche erweisen sie damit einen Bärendienst.

Nena redet sich so richtig in Rage. "Also schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei hier runter. I don't fucking care. Ich hab die Schnauze voll davon", wettert sie von der Bühne herunter, nachdem sie ihre Fans dazu angestachelt hat, das Hygienekonzept des Veranstalters mal eben zu vergessen und sich vor der Bühne zu versammeln. "Die Frage ist nicht, was wir dürfen, sondern die Frage ist, was wir mit uns machen lassen", gibt sie die vermeintliche Freiheitskämpferin.

Geschehen ist dies am Sonntagabend auf einem Feld nahe des Berliner Flughafens BER. Unter dem Motto "Unter freiem Himmel" wurde hier schon im vergangenen Sommer eine Reihe mit Open-Air-Konzerten ermöglicht. Die Veranstalter haben dazu ein ebenso ausgeklügeltes wie feinsinniges Hygienekonzept erarbeitet, das aller Ehren Wert ist und großes Lob verdient.

Jede Besuchergruppe hat eine auf dem Feld mit Getränkekisten abgezäunte Box. In ihrem jeweiligen Bereich können sich die Fans ohne Mund-Nasen-Schutz frei bewegen und austoben. Maskenpflicht gibt es nur, wenn man den eigenen Platz verlässt, an den Schlangen vor den Imbissständen und in den Sanitäreinrichtungen. Einen Test, Impf- oder Genesenen-Nachweis braucht man am Eingang nicht vorzuzeigen.

"Das darf jeder frei entscheiden"

Klar reicht das nicht an die Konzert-Atmosphäre vor Corona heran. Wie auch? Dass es dennoch möglich ist, auch unter diesen Bedingungen unvergessliche Live-Erlebnisse zu erschaffen, haben schon die unterschiedlichsten Künstler und Künstlerinnen bewiesen, die bereits "unter freiem Himmel" aufgetreten sind - von DJ Felix Jaehn über Mia. bis hin zu Pietro Lombardi. Nun hatte in diesem Jahr auch Nena die Gelegenheit, eine Show im Rahmen der Open-Air-Reihe zu spielen.

Dass die 61-Jährige keine Freundin der Corona-Maßnahmen ist und geistig zumindest in der Nähe der selbsternannten Querdenker herumdümpelt, ist nicht neu. Das demonstrierte sie bereits im März, als sie eine Kundgebung, an der nachweislich auch Rechtsextreme teilnahmen und bei der es zu gewalttätigen Übergriffen auf Polizisten und Journalisten kam, mit den Worten "Danke Kassel" bejubelte. Neu jedoch ist, dass sie nun ihr Privileg, trotz Pandemie auftreten zu können, mit Füßen tritt. Und damit die ganze Veranstaltungsbranche.

"Mir wird gedroht, dass sie die Show abbrechen. Weil ihr nicht in eure, wie sie es nennen, Boxen geht. Ich überlasse es in eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht. Das darf jeder frei entscheiden, genauso wie jeder frei entscheiden darf, ob er sich impfen lässt oder nicht", ruft Nena ihrem Publikum in Berlin nun ebenfalls zu. Was sie dabei geflissentlich ignoriert, ist, dass es eben weder ihre Entscheidung noch die des einzelnen Konzertbesuchers ist.

Wo Nena recht hat

Es ist im Kleinen vielmehr die Entscheidung des Veranstalters, der das Hausrecht besitzt, die Verantwortung trägt und Maßnahmen getroffen hat, um ihr gerecht zu werden. Maßnahmen, auf die sich Nena im Vorfeld eingelassen hat, um überhaupt im Rahmen dieser Open-Air-Reihe auftreten zu können.

Im Großen hingegen ist es die Entscheidung der Mehrheitsgesellschaft, die bestimmte Spielregeln in der Pandemie festgelegt hat. Spielregeln, die immer wieder angepasst werden müssen, um die gerungen, diskutiert und auch gestritten werden muss. Aber auch Spielregeln, auf die nicht einfach gepfiffen werden kann, wie es Nena und andere Verquerdenker gerne tun, um stattdessen ihre persönliche Wahrheit, ihre Befindlichkeiten und ihren Egoismus zur obersten Maxime zu erklären. "Es geht um die komplette Eigenverantwortung, die jeder für sich tragen muss", sagt Nena und bringt ihren Denkfehler damit auf den Punkt: In der Pandemie geht es eben exakt nicht nur um einen selbst.

Mit einem aber hat sie natürlich recht - mit ihrem Hinweis auf den Christopher Street Day, bei dem am Samstag unter vielfacher Missachtung sämtlicher Corona-Regeln Zehntausende in Berlin gefeiert hatten. Dass dies so stattfinden konnte und durfte, ist absurd. Und angesichts des Aufwands, der bei ihrem Konzert mit nur ein paar Hundert Zuschauern (zu Recht) betrieben wurde, mag man ihr Unverständnis durchaus nachvollziehen. Nur: Der Hinweis auf einen Fehler an einer anderen Stelle vermag eigene Fehler nicht zu rechtfertigen.

"Das geht mir ziemlich auf den Sack"

Kaum zu rechtfertigen ist auch das, was sich Helge Schneider bei einem "Strandkorb Open Air" in Augsburg geleistet hat. Sein Konzert wurde - anders als letztendlich das von Nena - nicht etwa vom Ordnungsamt abgebrochen. Für das vorzeitige Ende nach rund 40 Minuten sorgte stattdessen er selbst. "Ich muss sagen, das geht mir ziemlich auf den Sack. Ich hab keine Lust mehr", hört man Schneider auf Videos von seinem Auftritt sagen.

"Es macht wirklich keinen Spaß. Man kriegt keinerlei Kontakt zum Publikum. Hier laufen auch andauernd Leute rum", überwiegt sein Ärger über die Bedingungen des Auftritts offenbar seine Freude darüber, überhaupt mal wieder auf einer Bühne zu stehen. "Vielleicht könnt ihr euer Geld wiederkriegen", erklärt er seinen Fans. Und: "Bitte habt Verständnis dafür." Dass sich das Verständnis bei denen, die teils weit angereist sind und rund 50 Euro für ein Ticket hingeblättert haben, jedoch in Grenzen halten dürfte, sollte einem alten Show-Hasen wie Schneider allerdings ebenfalls bewusst sein.

Nun sind Künstler und Künstlerinnen auch nur Menschen. Und jeder hat mal einen schlechten Tag. Dass es darum hier aber nicht geht, machte Schneider mit seiner Ansage deutlich, die "Strandkorb-Konzerte" insgesamt abbrechen zu wollen. "Das System ist einfach fadenscheinig und dumm", entfuhr es ihm in Augsburg über die Open-Air-Reihe, in deren Rahmen er noch sechs weitere Auftritte in anderen Städten absolvieren sollte. Der Veranstalter hält inzwischen dagegen: "Das Konzept ist jedem Künstler vorher bekannt."

Auf dem Prüfstand

Nena und Helge Schneider mögen sonst nicht viel gemein haben. Eines aber eint sie nun: ihre Überheblichkeit im Angesicht der Pandemie. Und, dass sie damit der ohnehin gebeutelten Veranstaltungsbranche und letztlich auch sich selbst einen Bärendienst erweisen. Konzerte wie "Unter freiem Himmel" oder das "Strandkorb Open Air" kommen so schließlich wieder auf den Prüfstand. Nicht nur unter Hygiene-Gesichtspunkten. Auch Nena-Fans, die vielleicht ihre Musik lieben, aber eher die "Schnauze voll" haben von Corona-Ignoranten als von den Maßnahmen, werden sich den Besuch eines weiteren Konzerts von ihr vielleicht überlegen. Und auch einigen Schneider-Fans dürfte sein abrupter Abgang in Augsburg ziemlich "auf den Sack" gegangen sein.

Veranstalter indes werden sich nun fragen müssen, ob sie für Nena und Schneider weiter einen der raren Bühnenplätze bereithalten wollen. Aber auch den beiden sollte gesagt sein: Dann bleibt doch einfach weiter zu Hause.

Quelle: ntv.de

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