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VIP VIP, Hurra!Gil Ofarim und die Lust am Moralrausch

13.02.2026, 17:05 Uhr Verena-Maria-DittrichDie Promikolumne von Verena Maria Dittrich
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Sänger Gil Ofarim, Dschungelkönig 2026. (Foto: picture alliance/dpa)

Wer im Fall Gil Ofarim nicht laut genug verdammt, gilt schnell als "heimlicher Fan" und als moralisch verkommen. Doch hinter der kollektiven Entrüstung geht es auch um Reichweite, Klicks und um ein Geschäftsmodell, das von Niedertracht lebt. Willkommen in der Empörungsökonomie.

Na, lieber Leser, sind Sie auch ein wenig erleichtert, dass das Dschungelcamp nun hinter uns liegt - mitsamt seiner moralischen Dauererregungen und aufgeladenen Kommentarspalten, die sich durch sämtliche Timelines fraßen? Eigentlich, das sage ich ganz ehrlich, wollte ich zur Ofarim-Causa gar nichts mehr schreiben. Im Grunde ist alles gesagt. Aber man kommt nicht daran vorbei. Denn es vergeht kaum ein Tag, an dem der Mann nicht erneut zur Projektionsfläche für alles Mögliche wird - für Wut, Moral und natürlich auch für Geschäftsmodelle.

Ich habe mir in den vergangenen Tagen sehr genau angesehen, was dort draußen - oder besser gesagt: in den sozialen Medien - passiert. Und ich bin dabei auf Absurditäten gestoßen, die so grotesk wirken, dass man sich unweigerlich fragt, ob die Verfasser solcher Aussagen sie wirklich so meinen oder ob sie schlicht gelernt haben, welche Knöpfe man drücken muss, damit der Algorithmus anspringt und die Reichweite explodiert.

In einem Punkt herrscht Einigkeit: Ofarims Lüge muss klar benannt werden. Seine nebulösen Andeutungen im Dschungelcamp sind kritikwürdig. Und selbstverständlich darf - nein, muss - man sagen, dass er dem Kampf gegen Antisemitismus damit massiv geschadet hat. Aber was sich daraus entwickelt hat, ist inzwischen teils derart moralisch überhitzt, dass Differenzierung auf ein denkfaules Schwarz-Weiß-Schema runtergebrochen wird.

Man lese nur die schönsten Blüten dieser Empörungsökonomie: Wer habe denn bitteschön für "den Verbrecher" angerufen und ihn auf den Thron gehievt? Na klar - die "Bürgergeld-Empfänger", die "ihre Knete verpulvern". Dass hier ganz nebenbei Millionen Menschen pauschal verächtlich gemacht werden, scheint viele nicht zu stören. Und wer nicht ausreichend laut mitmoralisiert, der möge sich doch bitte "schämen".

Enthemmung und "heimliche Fans"

Maß und Mitte, so heißt es in dutzenden Kommentarspalten immer wieder, fordern vor allem "heimliche Fans". Der "heimliche Fan", ist dieser Erzählung nach vorzugsweise die "Ü-50"-Frau, die angeblich davon träumt, Ofarim "ihre Schlüppi auf die Bühne zu werfen" und sich "die Brüste bekritzeln" zu lassen. Wer nicht moralisch eskaliert, dem sei der "Hotelmitarbeiter egal". Man sei wahrscheinlich ohnehin "AfD-Wähler", "nicht die hellste Kerze", habe einen "verdrehten Gerechtigkeitssinn" oder sei gar "Unterstützer des Patriarchats". Die Enthemmung in manchen Kommentarspalten ist schlicht bemerkenswert, vor allem wegen ihrer Selbstverständlichkeit.

Es werden Screenshots geteilt, Follower-Listen analysiert, und es gibt tatsächlich Leute, die es für eine Nachricht mit Eilmeldungs-Charakter halten, dass Moderator Jan Köppen diesem entfolgt und jener folgt, als hinge der Zustand der Republik davon ab. Und während ich das lese, frage ich mich - nicht ganz ohne Ironie -, wann genau wir beschlossen haben, dass jede digitale Geste ein moralischer Offenbarungseid ist.

Dabei ließe sich die Sache durchaus differenziert betrachten. Man kann gleichzeitig sagen: Ja, Ofarim hat gelogen. Ja, das war ein massiver Fehler mit realen Folgen. Und ja, er ist selbst über Jahre Ziel von antisemitischem Hass gewesen. Beides ist wahr. Beides schließt sich nicht aus.

Vielleicht sollten einige, wenigstens kurz, mal aus dieser Echokammer heraustreten. In einem Artikel des Fachmagazins "Absatzwirtschaft" schreibt Micha Fritz, Aktivist und Gründer von Viva con Agua, über inszenierte Shitstorms und kalkulierte Empörung. Er beschreibt Empörung als eine Art Dopamin-Kick - einen billigen Beschleuniger für Aufmerksamkeit. Marken und Influencer setzten bewusst auf diese Dynamik, um Reichweite zu generieren, häufig, so Fritz, "um Produkte zu verkaufen, die wir nicht brauchen und die unsere Welt eher beschädigen als verbessern".

Und er sagt einen Satz, der hoffentlich hängen bleibt: "Natürlich müssen Missstände benannt werden. Aber es macht einen Unterschied, ob ich kritisiere, um Veränderung zu ermöglichen, oder ob ich polarisiere, um Reichweite zu erzeugen." Genau diese Grenze, so Fritz, verschwimme derzeit massiv. Wer sich ein wenig durch die sozialen Medien klickt, erkennt schnell, was er meint.

"Wo ist die Menschlichkeit geblieben?"

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob eine Meinung laut ist - laut ist im digitalen Raum ja ohnehin fast alles. Die Frage ist, ob sie etwas klärt, Verständnis fördert oder ob sie lediglich gepostet wird, um Likes zu zählen und Kooperationspartner zufriedenzustellen. Wer in die Kamera weint, "Wo ist die Menschlichkeit geblieben?" fragt und zwei Slides später Rabattcodes präsentiert, betreibt kein moralisches Engagement, sondern ein Geschäftsmodell.

Das Framing, man sei automatisch gegen den Hotelmitarbeiter, nur weil man nicht jeden Tag aufs Neue verurteilt, greift ebenso kurz wie das reflexhafte Bashing aller Dschungelcamp-Wähler. Ja, Gil Ofarim ist kritikwürdig. Und nein, moralische Dauererregung ersetzt keine ernsthafte Auseinandersetzung. Und natürlich kann man moralisch sein und Missstände benennen, aber es hat schon ein unangenehmes Geschmäckle, wenn man gleichzeitig mit hochgezüchteter Empörung Geld daran verdient.

Quelle: ntv.de

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