VIP VIP, Hurra!Männerfressende Frauen und hilflose Elfen
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Auf den Spuren von "Sex and the City" geht es zurück in eine Zeit, in der Serien einfach nur unterhalten wollten. Heute reicht das längst nicht mehr. Zwischen Tyler Durden, Brad Pitts Sohn und neuesten Deutungen rund um Herzogin Meghan zeigt sich, warum sich vieles heute größer anfühlt, als es ist.
In den frühen Zweitausendern war ich, wie viele andere Frauen auch, ein großer Fan der HBO-Serie "Sex and the City". Und neulich habe ich wieder angefangen, mir die erste Staffel anzuschauen. Ich wollte erst nur mal kurz reinswitchen und eine Folge gucken, vielleicht zwei. Und mit einem Mal hatte ich die komplette erste Staffel durch und mich bei der Frage ertappt, die sich, wie ich gelesen habe, viele Leute ab einem gewissen Alter stellen: Wo sind sie hin, die ganzen Jahre? Man ist doch eben noch 20 gewesen. Und dieses eben fühlt sich tatsächlich an wie gestern.
Und natürlich liegt das auch an der Serie und all den Erinnerungen, die man mit den Protagonistinnen verbindet. Mensch, denke ich da fast schon ein bisschen wehleidig: Das waren Zeiten! Zeiten, in denen ich in einer ähnlichen Konstellation wie die vier Freundinnen der Serie mich jede Woche mit meinen "Dienstags-Ladys" vor dem Fernseher eingefunden habe. Alles haben wir kommentiert: Carries Wohnung und ihre Robe, ihre Liebe zu Mr. Big, Mirandas Kurzhaarschnitt, Charlottes charmante Prüderie und natürlich auch Samanthas unglaublichen Männer-Verschleiß.
2026 wirkt die Serie an vielen Stellen angestaubt und aus der Zeit gefallen. Vieles sieht man heute aus einem anderen Blickwinkel, aber im Vergleich dazu, wo einem mitunter der größte Murks als "sensationelles Entertainment" angedreht wird, ist diese Serie ehrlich. Hinzu kommen etliche Szenen, vor allem von Männerfresserin Samantha, bei denen ich dachte: Das würde heute garantiert 'ne Riesen-Feminismus-Debatte entfachen.
Sabbernd vor der Männer-Umkleidekabine
Etwa, wenn sie mit einem wirklich netten Kerl wegen seines "Gürkchens" Schluss macht. Oder aber, wenn sie wie ein Spanner vor einer Männer-Umkleidekabine steht und den Sportlern sabbernd auf ihre nackten Hintern glotzt. Die Oberflächlichkeit überwiegt mit Sicherheit den Tiefgang, aber diese Serie wollte nie mehr darstellen, als sie ist. Niemand tat so, als würde gerade etwas Historisches, gesellschaftspolitisch Wichtiges passieren. Sie zeigte einfach, zugegeben überspitzt, das Leben in all seinen Facetten, wie etwa die schuhsüchtige Sexkolumnistin, die zu viel verpulvert und notorisch pleite ist.
Und wenn man im Vergleich dazu auf die heutige Promi-Welt schaut, auf all die optimierten Gesichter und perfekt kuratierten Auftritte, fühlt es sich (zumindest für mich) manchmal nur noch an, als wäre ich im falschen Film. Und ja, bitte bloß nicht die Haltung außer Acht lassen und all das moralisch aufgeblasene Getöse um jede drittbeste Veranstaltung, bei der Künstler nicht mehr über ihre Kunst, sondern über alles Mögliche sprechen. Die "richtige" Haltung ist heute wichtig. Mindestens so wichtig wie ein von Influencern angekündigtes Statement, das nie kommt.
Was früher ehrlicher Eskapismus war, ist heute oft ein albernes Moraltheater. Jeder Auftritt wird zur Haltungserklärung, jede Nebensächlichkeit zur Debatte. Unterhaltung darf längst nicht mehr einfach nur unterhalten.
Ein Paar Sätze über "Warnzeichen"
Was will die Dittrich jetzt eigentlich, mögen Sie sich an dieser Stelle fragen. Will sie dazu ermuntern, ein HBO-Abo abzuschließen? Mitnichten. Aber ich ertappe mich dieser Tage öfter dabei, wie immer mehr boulevardeske Meldungen einfach an mir vorbeirauschen. Was, Sie haben das mit Brooklyn Beckham nicht mitbekommen? Nee, was war denn da? Seine Ex-Freundin Hana Cross hat über die Beziehung gesprochen. Oder, wie es im Boulevard heißt: Sie "packt aus".
Ein paar Sätze über "Warnzeichen", ein bisschen Angst - und schon reicht das, damit die Geschichte wieder Fahrt aufnimmt. Der Konflikt innerhalb der Beckham-Familie köchelt ja ohnehin seit Monaten vor sich hin, aber mit solchen Zitaten bekommt er plötzlich wieder genau die Schärfe, die man braucht, um ihn noch ein paar Tage weiterzuerzählen.
Man erinnert sich sofort wieder an diese Hochzeitsszene, an den Vorwurf gegen Victoria Beckham, sie habe ihrem Sohn den Moment genommen. An diesen Tanz, der plötzlich nicht mehr einfach ein Tanz war, sondern auch eine riesige Lawine an teils spaßigen, ironischen und spöttischen KI-Bildern auslöste. Inklusive der Deutungen, die gleich hinterherkamen. Und irgendwann wusste man gar nicht mehr, was bei der Story überhaupt der Ausgangspunkt war.
Muttis Drama und "Tyler Durden"
Früher hätte man das wahrscheinlich einfach als das genommen, was es ist: ein bisschen Drama von Mutti und verletzte Eitelkeit. Kommt ja in den besten Familien vor! Heute wird daraus zuverlässig mehr gemacht. Es wird so lange aufgeladen, bis es groß genug wirkt, um noch eine Runde zu drehen.
Und während man da noch drinsteckt, kommt schon das nächste Thema. Wow, die Kinder von Angelina Jolie und Brad Pitt sind groß geworden! Knox Jolie-Pitt ist 17, betreibt Kampfsport, soll inzwischen sogar eine Gruppe leiten. Fotos zeigen ihn beim Training in Los Angeles, konzentriert und verschwitzt. Eigentlich eine ziemlich unspektakuläre Geschichte. Ein junger Mann, der seinen Sport ernst nimmt.
Aber natürlich bleibt es nicht dabei. Kaum tauchen diese Bilder auf, geht das Vergleichen los. Der Blick wandert sofort zum Vater, zu alten Filmrollen, zu Tyler Durden. Und plötzlich wird aus ein paar Trainingsfotos eine Erzählung, die größer sein soll, als sie ist. Dabei reicht es offensichtlich nicht mehr, jemanden einfach nur beim Training zu zeigen. Es muss immer noch etwas dazu erfunden werden. Sonst scheint es nicht mehr zu tragen. Und nein: Knox Jolie-Pitt sieht nicht aus wie sein Vater in "Fight Club", nur weil er Kampfsport macht.
"Eine zierliche, hilflose Elfe"
Und dann gab es in dieser Woche noch jemanden, der nicht in den Promi-News fehlen darf: unsere Meghan. Die reist gerade durch Australien. Es ist nicht die Meldung, dass sie kranke Kinder und Obdachlose in Melbourne besuchte, sondern dass die Herzogin von Sussex sogenannte Körpersprache-Fachleute nicht überzeugen könne. So soll Meghan an den Oberarm ihres Gatten Harry geklammert und dabei wie "eine zierliche, hilflose Elfe" gewirkt haben. So wird in Meghans Auftritt direkt etwas "beunruhigend Unwirkliches" hineininterpretiert, gefolgt von einer vernichtenden Analyse durch die US-amerikanische Körpersprache-Expertin Dr. Lillian Glass, die sagt: "Sie hat ein aufgeklebtes, unechtes Lächeln, wenn sie Obdachlose beköstigt." Dann wieder wirke sie "geradezu euphorisch, wieder im Rampenlicht zu stehen".
Wenn man so was liest, kann man wirklich von Glück reden, kein Promi zu sein, in Jogginghosen und mit einem Glas Soave auf dem Sofa zu lümmeln und mit einem breiten Grinsen alte Serien zu gucken, in denen die Frauen ganz unverblümt drei Männer an einem Wochenende "vernaschen". Oder wie die Körpersprache-Expertin vermutlich sagen würde: Spätestens nach der zweiten Staffel "Sex and the City" hat die Kolumnistin einen kompletten Haltungsschaden. Bis nächste Woche!