Unterhaltung

Rastloser Krisenchronist Scholl-Latour wird 85

An sich ist es ein ungewöhnlicher Anblick: Peter Scholl-Latour sitzt auf der Talkshow-Couch und gibt Diagnosen zu den Krisenherden der Welt ab. Die Gestalt des Journalisten hat sich in den Bildschirmen der deutschen Fernsehnation als rastloser Chronist eingraviert, der nicht aus der sicheren Entfernung des TV-Studios über Krieg und Konflikte spricht, sondern immer live dabei ist. Scholl-Latour, der am 9. März 85 Jahre alt wird, ist längst einer von Deutschlands populärsten Fernsehreportern.

Seitdem Islamismus und Terror den Kalten Krieg abgelöst haben, ist die Meinung des ausgewiesenen Nahost-Experten immer wieder gefragt. Bei den Gesprächsrunden im Fernsehen ist der gebürtige Bochumer mit elsässischen Wurzeln bei aller Detailkenntnis über das Kleinklein der Krisenherde meistens für das große Rad der Weltpolitik zuständig.

Unheil verkündende Prognosen

"Der letzte Welterklärer" nannte ihn "Der Spiegel". Während Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann in den frühen Jahren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für die Tiere zuständig waren, erklärte Scholl-Latour Außenpolitik und Geostrategien, schrieb das Nachrichtenmagazin. Doch auch immer wurde Kritik an seiner Darstellung laut, an seiner gelegentlichen Nabelschau, an seinen stets Unheil verkündenden Prognosen.

Bei gelegentlichen Temperamentsausbrüchen lässt er die Kritik an seinen oft überspitzten Formulierungen gelassen an sich abprallen, etwa wenn er behauptet, im Vergleich zu den Massakern im Kongo seien die Anschläge des 11. Septembers 2001 "nur eine tragische Episode". Dabei jongliert Scholl-Latour zwischen Bin Laden und dem CIA, Charles de Gaulle, dem Gaza-Streifen, Tschetschenien und der Ukraine, schüttelt Daten und Namen aus dem Ärmel, als sei er stets dabei gewesen als es krachte. Ein ganzes Reporter-Leben hat er sich auch leibhaftig zwischen Saigon und Kinshasa herumgeschlagen, traf den legendären Vietcong-Widerstandsgeneral Vo Nguyen-Giap, die Kriegsherren in Afghanistan und im Kongo.

Ein Bestseller: "Der Tod im Reisfeld"

Scholl-Latour kannte Vietnam aus der Zeit von 1945 bis 1947, als er im Indochinakrieg als Fallschirmspringer für die Franzosen eingesetzt und 1973 Gefangener des Vietcong wurde. Seine Erfahrungen und Analysen in Indochina schrieb er im Bestseller "Der Tod im Reisfeld" nieder, der mit 1,3 Millionen Exemplaren zu den bisher erfolgreichsten deutschsprachigen Sachbüchern seit 1945 zählt.

Die kurzen Episoden Regierungssprecher im Saarland, WDR- Fernsehdirektor oder Herausgeber des "Stern" spielen in der Biografie Scholl-Latours eine untergeordnete Rolle. Es geht um das Reporterleben. Rund 20 Bestseller hat Scholl-Latour schon geschrieben. Als Rundfunk- und Zeitungsreporter machte er Anfang der 60er Jahre im Kongo mit seinen fesselnden Reportagen und kenntnisreichen Analysen von Land und Leuten auf sich aufmerksam.

" durch eine Lüge ausgelöst "

Natürlich fühlte er sich durch den Irak-Krieg an die vorderste Journalistenfront gerufen. "Auch der Vietnamkrieg ist durch eine Lüge ausgelöst worden", sagte er im Interview und zog Parallelen nach, auch wenn beide Schlachtfelder von ihrer Dimension her überhaupt nicht vergleichbar seien. "Mit Guerillakrieg können die Amerikaner nicht umgehen. Ihr Hauptfehler aber ist ihre Unfähigkeit, sich in eine andere Kultur zu versetzen."

Ursprung seines abenteuerreichen Reporterlebens waren jugendliche Neugier und der Wunsch, exotische Welten kennen zu lernen - "Kindheitsträume" und das frühe Gespür für drohende Konflikte oder Brandherde. "Ich habe viele schreckliche Dinge in meinem Leben gesehen, ich habe vor Leichenhaufen gestanden. Aber ich verdränge das. Ich träume eher davon, dass ich meinen Koffer oder Pass verloren oder das Flugzeug verpasst habe".

Quelle: ntv.de, Esteban Engel, dpa

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