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Kevin Bacon über "I Love Dick" "Sex - so natürlich wie möglich"

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Kevin Bacon spielt in der neuen Amazon-Serie "I Love Dick" eine Hauptrolle.

(Foto: Amazon)

Kevin Bacon ist ein Filmstar. Gut, einen Oscar darf der 58-Jährige noch nicht sein Eigen nennen. Doch Filme wie "Footloose" oder "Mystic River" katapultierten den Amerikaner schon vor Jahren in die A-Liga der Branche. Nachdem er sich dank "The Following" nun auch in Serie bewiesen, geht er unter Jill Soloways Regie experimentellere Wege mit einem neuen Amazon-Format.

"I Love Dick", basierend auf dem Erfolgsroman von Chris Kraus, erzählt die Geschichte eines Künstlerpaars - Chris (Kathryn Hahn) und Sylvere (Griffin Dunne), das sich in einer Reihe Briefen, Faxen und Begegnungen obsessiv am titelgebenden Dick abarbeitet. Bacon spielt das Objekt der Begierde.

Dass er Humor hat, beweist Bacon seit einiger Zeit ganz königlich mit seinem Twitter-Profilbild. Darauf ist nämlich Roger zu sehen, das Cartoon-Alien aus "American Dad". Jetzt zeigt Bacon, dass er humoristisch auch noch ein bisschen unbequemer kann. Mit n-tv.de spricht er über falsche Männlichkeit und möglichst realistische Sexszenen.

Sie haben schon Helden gespielt, Liebhaber. Jetzt spielen Sie einen Dick. Wie ist es, eine Figur mit so einem provokativen Namen zu spielen?

Es ist großartig. Ich mag die Figur wirklich gern. Am Anfang kommt er ein bisschen machohaft rüber, aber im Laufe der Serie bekommen die Zuschauer zu sehen, wie es hinter der Fassade aussieht. Hoffentlich ergibt sich am Ende das Bild eines facettenreichen Charakters.

Vor "The Following" waren Sie vor allem Filmschauspieler. Haben Sie sich nach dem Ende der Show  2015 aktiv um ein neues Serienengagement bemüht?

Auf jeden Fall, ich habe mich umgeguckt. Aber ich wollte nicht nochmal so etwas wie "The Following" machen - nichts mit Blut, nichts mit Bullen.

Die Verbrecherjagd ist wohl ein hartes Geschäft …

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In "The Following" nahm es Kevin Bacon unter anderem mit einem durchgedrehten Serienmörder auf.

(Foto: Amazon)

Ich sag's Ihnen! Bei der Auswahl meiner Filme habe ich bislang auch immer darauf geachtet, dass es abwechslungsreich bleibt. Wenn ich die eine Geschichte im Kasten habe, bin ich gierig danach, etwas ganz anderes auszuprobieren. An "I Love Dick" hat mir besonders gut gefallen, dass das Format eine weibliche Perspektive einnimmt. Die Serie ist sexy und lustig, jede Folge dauert nur eine halbe Stunde - alles in allem ist sie wesentlich experimenteller angelegt als "The Following".

Die Romanvorlage von Chris Kraus gilt als feministisches Manifest. Die Serie wird also unter entsprechenden Gesichtspunkten rezipiert werden. Bezeichnen Sie sich als Feminist?

Absolut!

Soloway hat bei "I Love Dick" ausschließlich mit weiblichen Co-Autoren zusammengearbeitet. Das ist für die Branche ungewöhnlich. Vielen Produktionen wird die Dominanz eines "Male Gaze" vorgeworfen, ein Begriff, mit dem die Filmtheorie ein aktiv-männlicher, kontrollierender und neugieriger Blick auf Frauen beschreibt. Könnte "I Love Dick" dem so etwas wie einen "Female Gaze" entgegensetzen?

Ja, im Sinne eines erweiterten Begriffsverständnisses. Man könnte schließlich vermuten, dass männliche Figuren durch diese weibliche Perspektive entweder zu kurz kommen oder nur eher einseitig wirken. Sie können aber darauf zählen, dass eine Gruppe Frauen genauso vielseitige und schlüssige männliche wie weibliche Charaktere hervorbringt. Mein Input, meine Erfahrungen als Mann - das hat die Kolleginnen interessiert.

An welcher Stelle kann man denn eine Original-Bacon-Idee in der Serie entdecken?

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Dass Dick auf einem Pferd in die Stadt reitet, statt einfach das Auto zu nehmen, war Kevin Bacons Idee.

(Foto: Amazon)

Es war mein Einfall, auf einem Pferd zu sitzen! (lacht) Es ist ungewöhnlich, man sieht so etwas nicht oft. Da reitet dieser Typ auf einem Pferd in die Stadt. Der Auftritt wirft Fragen auf: Wieso nimmt er nicht einfach seinen Truck?

Und, wieso macht er das nicht?

(zögert) Er will beobachtet werden, aber gleichzeitig will er sich verstecken. An dem Morgen ist er aufgewacht und hat sich gesagt: Ich will einfach etwas Neues erleben. Also kommt er zu Pferd.

Mit seiner Präsenz übt Dick in dem Moment Macht aus - ganz klassische Männlichkeitssymbolik. Damit gibt sich "I Love Dick" aber nicht zufrieden. Inwieweit fordert das Format Sehgewohnheiten heraus?

Besonders Amerikaner lernen schon von klein auf, was Männlichkeit bedeutet. Wir lernen es aus Filmen, aus dem Fernsehen und von Führungsfiguren. Jungs sollen vor allem Männer werden, nicht einfach Menschen. Damit wird ein Druck ausgeübt, den viele Männer im Laufe ihres Lebens umtreibt. Dabei gibt es die eine Männlichkeit überhaupt nicht. Sie kommt in verschiedenen Formen. Mit Dick und Sylvere präsentiert "I Love Dick" zwei ganz unterschiedliche Ansätze. Einer kreist um Intellekt, Weisheit und Sinn für Humor - damit ist Sylvere gemeint. Und Dick steht für … Pferde und Cowboystiefel, er ist eher ein Macho im traditionellen Sinne. Wobei beide auch noch eine ganz andere Seite haben.

Dick ist ein Star in seiner Welt. Chris entwickelt in Hinblick auf ihn eine richtige Obsession. Hat Sie die Geschichte auch an Ihre eigene Berühmtheit erinnert?

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Sylvere und Chris sind wie besessen von Dick.

(Foto: Amazon)

Meine Erfahrung mit Ruhm war sicherlich hilfreich, als ich mich der Figur genähert habe. Dick hat sich in dieser kleinen Stadt ein Königreich errichtet. Nun, da er es regiert, weiß er nicht, ob er sich in der Rolle gefällt. Will er vergöttert werden? Die meisten erfolgreichen Menschen - Künstler, Musiker, Sportler oder Politiker - hadern zuweilen mit dem Zuspruch, den sie erfahren. Sie zweifeln daran, dass ihre Leistungen tatsächlich von Wert sind. Habe ich wirklich einen guten Song geschrieben oder einen guten Film gedreht? Habe ich mit meinem Leben etwas gemacht, das echten Einfluss auf die Menschen hat? Solche Fragen stellt auch Dick sich. Wenn Menschen zu einem aufschauen, wenn sie jedes Wort aufsaugen oder sich sexuell anbieten, fragt man sich, ob man die Zuwendung verdient hat.

"I Love Dick" läuft unter Comedy. Wie "Transparent" ist die Serie zwar eine halbe Stunde lang, aber keine Sitcom. Ihr Witz ist immer auch emotional belastend. Liegt Ihnen dieser Humor?

Ich mag selbstverständlich auch Albernheiten. Aber mir gefällt es tatsächlich am besten, wenn eine lustige Situation einen ernsten Hintergrund hat. "I love Dick" wird die Zuschauer herausfordern. Manchmal werden sie sich unwohl fühlen.

Wann denn zum Beispiel?

Da wäre etwa der Umgang mit Sexualität. Häufig wird Sex im Fernsehen völlig losgelöst von der Handlung dargestellt. Die Musik verändert sich, die Einstellungen sind anders. Jeder weiß sofort: Das ist jetzt eine Liebesszene. Bei "I Love Dick" haben wir uns wahnsinnig viel Mühe gegeben, den Sex so natürlich wie möglich zu spielen - inklusive aller Unbeholfenheit. Als Zuschauer kann man darüber lachen, aber man kann sich auch schämen.

Mit Kevin Bacon sprach Anna Meinecke.

"I Love Dick" ist ab dem 12. Mai abrufbar über Amazon Video. Die deutsche Synchronfassung gibt es ab dem 9. Juni.

Quelle: ntv.de