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Gezeichnete Sticheleien Spiegelman wird 60

Art Spiegelman hat seine eigene Grammatik. "Comics spiegeln die Arbeitsweise des Gehirns wider. Man denkt in Bildern und Sprachsalven, nicht in Absätzen", sagte der New Yorker einmal. Mit Comic-Strips zeichnete er auch den Leidensweg seiner Eltern durch Ghettos und Konzentrationslager in Polen nach. Wegen seiner drastischen Metaphernsprache zum Holocaust stieß der Amerikaner mit seinem zweiteiligen Bildroman "Maus" in Deutschland zunächst auf Unverständnis. Doch der Applaus überwog. 1992 wurde er mit einem Pulitzer-Preis gewürdigt. Am 15. Februar feiert Spiegelman seinen 60. Geburtstag.

Nach Meinung von Kritikern bewies der in New York lebende Zeichner mit seinen "Maus"-Bänden, dass das Genre Comic auch ernsthaften Themen gewachsen ist. Sie wurden mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Spiegelman packt die Erinnerungen seines Vaters Vladek an das Elend in Auschwitz und Dachau in eine Tierfabel. Der verfolgte, gequälte und erniedrigte Jude ist eine Maus, die Nazis und Auschwitz-Kommandeure sind Katzen - Raubtiere, die Spielchen mit ihren Opfern treiben, bevor sie die Beute töten. Seine Bilder und Dialoge ergänzt Spiegelman mit Landkarten von Polen und Skizzen der KZ-Anlagen, Verstecke, Gaskammern und des Krematoriums. Die Details stammen teils aus dem väterlichen Gedächtnis, teils von eigenen Besuchen am Ort der Nazi-Verbrechen.

Schwerer Nervenzusammenbruch

Obwohl er den Holocaust nicht selbst erlebt hat, ist Art Spiegelmans Leben davon geprägt. Seine Eltern, Vladek und Anja, überstanden Auschwitz voneinander getrennt und kamen erst nach der Lagerbefreiung im Januar 1945 wieder zusammen. Spiegelman wurde 1948 in Stockholm geboren, während die Familie auf die Überfahrt nach Amerika wartete. Mutter Anja erholte sich nie von der Erinnerung an Auschwitz und dem Verlust des erstgeborenen Sohns im KZ. Sie beging 1968 Selbstmord.

Art Spiegelman rief ihr in dem Comic-Strip "Gefangener auf dem Höllenplaneten" nach: "Du hast mich umgebracht, Mami, und dann hast Du mich hier zurückgelassen". Er selbst erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch, begann dann aber 1972, die Erzählungen seines zunächst zögernden Vaters auf Tonband aufzunehmen. Wenig später erschienen erste "Maus"-Comics in dem Intellektuellen-Magazin "Raw", das Spiegelman mit seiner französischen Frau Franoise Mouly gegründet hatte. Vladek Spiegelman selbst hat die "Maus"-Bücher nie gesehen und den Erfolg seines Sohnes nicht miterlebt. Er starb 1982 psychisch und physisch gebrochen in New York.

Visuelle Kommentare zur Weltlage

Anfang der 90er Jahre wurde Spiegelman von der Zeitschrift "The New Yorker" eingestellt, bei dem auch seine Frau als Artdirektorin Karriere machte. Dort kommentierte er die Skandale, Neurosen und Sorgen der Metropolen-Bewohner. Zeichnungen von pinkelnden Weihnachtsmännern oder sich küssenden Schwarzen und Juden sorgten für Aufregung. Seine Sticheleien und Anklagen, seine visuellen Kommentare zur Weltlage lösten Kontroversen aus. Viele seiner Entwürfe wurden wegen allzu großer Radikalität erst gar nicht gedruckt, immer wieder wurde retuschiert und nachgebessert: Reportermikrofone, die während der Clinton-Lewinsky-Affäre auf den Hosenschlitz des Präsidenten statt auf dessen Mund gerichtet sind oder die Blut verschmierte, zappelnde Friedenstaube, die im Nahost-Konflikt abgestürzt ist.

Weltweit machte Spiegelman zuletzt mit seinem "New-Yorker"-Titelblatt vom September 2001 auf sich aufmerksam. Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center, deren Zerstörung er aus nächster Nähe miterlebte, druckte die Zeitschrift ein schwarzes Deckblatt, auf dem die Twin Towers nur schemenhaft bei einem bestimmten Lichteinfall zu sehen waren. Aus den sich ihm eingebrannten Erlebnissen entstand der Bildband "In the Shadow of no Towers" - (Im Schatten keiner Türme), den Spiegelman 2004 veröffentlichte.

Von Carla S. Reissman, dpa

Quelle: n-tv.de