Bücher

Zu große Erwartungen Bücher, die enttäuschen

Stapel mit Büchern liegt in einer Buchhandlung. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorstdpa

Manchmal zieht man auch das falsche Buch für sich aus dem Stapel.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorstdpa)

Die Fortsetzung, von der Fans sich etwas ganz anderes erhofft hatten, der von der Kritik hochgelobte Roman, der den eigenen Geschmack so gar nicht trifft, oder das Buch, das nur so verschlungen wird, um dann am Ende zu enttäuschen. ntv.de hat mal einige dieser Exemplare aufeinandergestapelt.

Ganz klassisch statt queer

Elio und Oliver. Italien, Sommer, Baden, Musik, Fahrradfahren. Erstes Begehren, erste Liebe, erster Liebeskummer. Mit "Call me by your name" ist André Aciman ein Roman geglückt, der nicht nur die queere Leserschaft begeisterte. Die Verfilmung mit Timothée Chalamet und Armie Hammer machte Elio und Oliver zu einem unsterblichen Liebespaar. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die Fortsetzung.

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Sein Roman "Call me by your name" habe ein eigenes Leben angenommen, sagte Aciman lange bevor er sich doch noch zu einer Fortsetzung überreden ließ. Die Figuren einfach so weiterzuschreiben, kam für ihn aber nicht infrage. Also lässt der Autor die Leserschaft ganze 280 Seiten warten, bis Oliver und Elio sich endlich wiedersehen. Stattdessen richtet er seinen Blick im ersten und längsten Teil des Buches auf Elios' Vater. Genau, auf Samuel, der in "Call me by your name" eine so berührende Ansprache an seinen Sohn gerichtet hat, die sich seither jedes identitätssuchende Kind wünscht. Sami trifft im Zug auf eine bedeutend jüngere Frau, verliebt sich prompt und sie sich auch. Die goldenen Tage in einem Hotel sind aber nicht das, worauf ein großer Teil der Fangemeinde gehofft hat. Ebenso wenig wie die sich anschließende Erzählung der Beziehung Elios' zu einem ebenfalls weitaus älteren Mann.

Die kultivierten Gespräche, die zärtlichen Beschreibungen der intimen Begegnungen, all das hat "Finde mich" auch. Minus der ikonischen Rede an den Sohn. Aber ein älterer Mann, der sich in eine junge Frau verliebt und dann noch Elio, der zwar nicht das vollkommene Glück, doch ein temporäres findet, ganz ohne Oliver? Wirklich? Ja. Denn Aciman geht es darum, dass es in der Liebe weder um Altersunterschiede noch um andere Konventionen geht, sondern nur darum, seinem Gefühl in einem bestimmten Moment zu folgen. Ja, er sei selber in einem Zug in Italien einst einer schönen Frau begegnet, leider sei sie dann ausgestiegen, gibt der 1951 in Alexandria geborene Aciman gerne zu. Ihm sei der Ausbau der Fantasie im Roman gegönnt. Die CMBYN-Fans hoffen nun auf eine Filmfortsetzung. Den Gerüchten nach wollen sich die Macher dafür strikt an die Fersen von Elio und Oliver heften. Wenn das Projekt nicht an den wilden Gerüchten um Hauptdarsteller Armie Hammer scheitert. (sla)

Super - bis auf den Schluss

Da habe ich mich vielleicht von "Die Dinge des Lebens" ("Les Choses de la Vie" mit Michel Piccoli und Romy Schneider) und der Amazon-Anmerkung für treue Kunden "Wenn Sie x mochten, dann mögen Sie y auch" verführen lassen. Nun also "Menschliche Dinge". Ein Roman von Karine Tuil, die dafür den "Prix Goncourt des Lyceens" und den "Prix Interallié" erhalten hat. Ein Roman, der von schönen Menschen erzählt, reichen, verwöhnten Menschen, die sich nichts zu sagen haben. Ein sehr französischer Roman, denkt man sich als deutsche "Pomme de Terre", denn natürlich hat Monsieur über Jahrzehnte eine Geliebte, Madame toleriert es und dennoch bricht sie eines Tages aus, um mit einem anderen Mann zu leben. Claire, die Intellektuelle, ist bereits in dem Alter, in dem sie einen erwachsenen Sohn hat, der nach seiner Elite-Schulzeit an einer Elite-Uni in den USA studiert, und bekommt mit ihrem neuen Liebhaber nun gleich noch zwei Töchter mitgeliefert. "Zut alors", das wäre jetzt echt nicht nötig gewesen, aber wenn es nicht anders geht ...

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Der Liebhaber, ein jüdischer Lehrer, ist das Gegenteil von ihrem Mann Jean, dem älteren, mit allen Wassern gewaschenen TV-Journalisten und Moderator, der Praktikantinnen zum Frühstück verspeist und es dennoch schafft, seiner ewigen Geliebten die Haare zu kämmen, als sie in den geistigen und körperlichen Verfall entschwindet. So weit also alles geordnet, bis eines Morgens die Polizei an der Tür steht und den Sohnemann, der einem bis dahin nicht sonderlich "sympa" erschien, verhaftet. Er soll eine junge Frau vergewaltigt haben, ausgerechnet die ältere Tochter von Mamans Liebhaber.

Eines muss man dem Roman und Karine Tuil lassen - er ist hervorragend geschrieben. Man liest ihn sehr gerne, verschlingt ihn geradezu. Doch dann das Ende: So dermaßen unzufriedenstellend, dass er leider in der Reihe der "Bücher, die enttäuschten" mit aufgezählt werden muss. Excusez-moi, mes chères, aber das ist ja zum Glück Geschmackssache: Einige sind eben ratlos, wie ich, andere Leser lieben offene Enden, geben diese doch Raum für Spekulationen. Denn die Dinge des Lebens, und damit wären wir wieder am Anfang, laufen für den jungen Herrn dann doch irgendwie ganz gut weiter, während wir über die junge Frau nach dem Prozess nichts weiter erfahren. Das ist irgendwie enttäuschend, man verspürt als Leser eine gewisse Leere. Oder soll da noch eine Fortsetzung um die Ecke kommen? (soe)

Feministische Dystopie mit fragwürdigem Nachhall

Ein abgeschottetes Inseldorf, eine Dorfgemeinschaft, die von religiösen tyrannischen Herren dominiert wird, und eine junge Außenseiterin, die sich gegen das Patriarchat auflehnt: Karen Köhlers Roman-Debüt "Miroloi" liest sich auf den ersten Blick wie eine feministische Dystopie, in der Missstände, Traditionen und die Gewalt saufender Männer der Idee eines freien Lebens weichen sollen. Doch der diskriminierungskritische Ansatz der Geschichte reicht zu kurz.

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Denn bereits auf den ersten Seiten werden so klare Bilder aufgemacht, dass die eigentlich namenlose Fantasie-Insel plötzlich sehr real wirkt. Die Verweise auf den Mittelmeerraum sind offensichtlich und die Idee des frei erfundenen Schauplatzes gerät so ins Wanken. Es scheint, als wolle "Miroloi" vermitteln: "Schaut, wie schlimm es dort ist". Als könne sich eine Geschichte voller Misogynie nur dort abspielen. Woanders, nur nicht hier in Deutschland.

Und das ist schade. Denn Köhler entwirft in "Miroloi" eine ganz eigene Sprachwelt und nimmt die Lesenden mit auf eine kindlich naive Entdeckungsreise. Obwohl Frauen das Lesen nicht lernen dürfen, tut die Erzählerin es doch. Im Verborgenen hangelt sie sich durch ihr versteckt gehaltenes Lexikon, fügt die Buchstaben "Em, Doppel Eh, Rir" zusammen: Das Meer, das schier endlos wirkt und sie von dem ersehnten Leben jenseits des sehr begrenzten Inselkosmos' trennt. Doch so fantasievoll und poetisch Köhlers Wortkonstrukte klingen, so fragwürdig scheint es, die Sexismus-Debatte im maritimen Setting abzuhandeln. Köhler spielt nicht nur mit Sprache, Klang und Bildern, sondern auch mit ohnehin schon strapazierten Klischees. Und so hallt "Miroloi" auch nach dem Lesen noch lange schrill nach. Brauchen wir mehr feministische Literatur? Unbedingt! Aber bitte, ohne den erhobenen Zeigefinger Richtung Ägäis zu richten. (apr)

Quelle: ntv.de