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Elio erlebt in "Call Me By Your Name" die erste große Liebe.
Elio erlebt in "Call Me By Your Name" die erste große Liebe.(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)
Dienstag, 27. Februar 2018

"Call Me By Your Name": Echte Lust statt Sexyness

Von Anna Meinecke

Jeder Sommer ist endlich. Dieser Gedanke zieht sich durch die Geschichte von "Call Me By Your Name", als wolle er ihr Finale vorausnehmen. Zunächst einmal erzählt der Film von zwei Männern, die erst Freunde werden, dann mehr.

Junge trifft Mädchen. Sie verlieben sich und so weiter. Nur dieses Mal trifft der Junge einen Mann. Obwohl "Call Me By Your Name" eine gleichgeschlechtliche Liebe mit Altersunterschied erzählt, geschieht das so selbstverständlich, als wäre wirklich 2018. Hier wird niemand für gleichgeschlechtliches Begehren bestraft. Es gibt keine gehörnte Ehefrau, die seit Jahren eine Existenz zwischen Unwissen und Verdrängung kultiviert, keine grausamen Klassenkameraden und überhaupt auch sonst kein Trauma, kein dramatisches biografisches Ereignis, das diese Liebe künstlich mit Motiven aufladen und schließlich falsch verorten würde. Die Liebe steht in "Call Me By Your Name" für sich.

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Es sind die frühen 1980er-Jahre, es ist das norditalienische Städtchen Crema, es ist die erste große Liebe. Für Elio ist es einfach einer dieser Sommer, die nie enden wollen. Er ist 17. Da meint "für immer" ohnehin noch etwas anderes. Seine Eltern jedenfalls haben über die Ferien einen US-Studenten bei sich einquartiert, Oliver. Der interessiert sich für Elios Klavierspiel, massiert ihm den Nacken und trägt winzige pinkfarbene Shorts.

Mit Lust am Leben

In den meisten Filmen hätte die Hauptfigur nun drei Gründe genug, sich umgehend in die Arme ihres Gegenübers zu werfen. "Call Me By Your Name" funktioniert so nicht. Ein bisschen ist der Film eine Geduldsübung. Er ist langsam erzählt. Wunderschön zwar - ungefähr jedes Bild lässt einen beinahe überstürzt die Koffer packen und gen Süden durchbrennen. Wunderschön, aber eben auch mit einer Lust am Leben, die kein Vorpreschen in der Handlung duldet.

Timothée Chalamet (l.) und Armie Hammer spielen die Hauptrollen in "Call Me By Your Name".
Timothée Chalamet (l.) und Armie Hammer spielen die Hauptrollen in "Call Me By Your Name".(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

"Call Me By Your Name" ist ein sinnlicher Film. Sinnlich, nicht sexy. Regisseur Luca Guadagnino weiß zwischen sinnbefreitem Rumgebumse und echter Anziehung zu differenzieren. Deswegen muss die Luft flirren zwischen den Hauptdarstellern. Es muss knistern, kribbeln, explodieren - aber bitte subtil und vor allem echt. Timothée Chalamet und Armie Hammer gelingt das alles und mehr. Und wieder ist da diese Selbstverständlichkeit, die "Call Me By Your Name" so besonders macht. Die Hauptfiguren sind nicht nur verliebt, sie sind verletzlich. Und was sie miteinander teilen, wirkt anziehend.

Abstrakte Anziehung

Um ganz fair zu bleiben: Was Elio und Oliver teilen, wirkt auch ausschließend. Schließlich berühren sich die Männer im Geiste zunächst mal dank intellektueller Spielarten. Sie sind nicht nur offensichtlich gebildet und begabt, ihre Faszination für den anderen fußt auch wesentlich auf dieser Tatsache. Überhaupt können sie sich womöglich nur aufgrund ihres akademischen Umfelds frei und unbeobachtet finden. Es wird den ganzen Film dauern, bis sich Elios Eltern dazu hinreißen lassen, das Gespräch mit ihrem Sohn zu suchen. Und welche Eltern lassen schon das Leben ihrer Heranwachsenden unkommentiert?

Vielleicht ist "Call Me By Your Name" manchmal ein bisschen abstrakt. Weil Regisseur Guadagnino so bedacht darauf ist, seine Geschichte in die richtige Atmosphäre zu verpflanzen, vergisst er, sie auch ordentlich zu verwurzeln. Ein kleiner Wermutstropfen, nicht mehr. Wer Kino liebt, klassische Bildung, Radtouren und betrunkenes Tanzen in der Nacht, muss "Call Me By Your Name" gesehen haben. Nicht nur wegen der Oscar-Nominierungen.

"Call Me By Your Name" startet am 1. März in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de