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"Ein Mädchen verließ das Zimmer"Eg stahl Tanja erst ihre Jungfräulichkeit, dann ihre Jugend

15.02.2026, 12:03 Uhr IMG-7408Von Sarah Platz
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Nach der Beziehung mit dem deutlich älteren Schriftsteller gab es für Tanja "kein Davor" mehr, in das sie zurückkehren konnte. (Foto: picture alliance/dpa)

Tanja ist 14, als sie den mehr als 30 Jahre älteren Eg kennenlernt. Der bekannte Schriftsteller zieht die einsame Teenagerin in seinen Bann, schafft eine Abhängigkeit, um seine narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Lesende des Debütromans von Ulrikka S. Gernes werden Zeugen dieses Missbrauchs.

Es gab da einmal diesen Fernsehspot. Ein älterer Mann klingelt an der Tür in einer Reihenhaussiedlung, ein kleines Mädchen mit Plüsch-Hase im Arm öffnet ihm. "Komm, ich zeig dir mal einen richtigen Hasen", sagt der Mann und führt das Kind an der Hand aus dem Haus. Die Mutter bleibt in der Tür zurück, lächelt und winkt den beiden nach. "Im wirklichen Leben würden Sie Ihre Kinder schützen", lautete der Claim des Jugendschutz-Werbefilms. Beim Lesen des im Gutkind-Verlag erschienenen Romans "Ein Mädchen verließ das Zimmer" von Ulrikka S. Gernes schiebt sich dieser längst vergessene Werbeclip von 2007 wieder ins Bewusstsein. So verspürt man den Drang, ihn den Eltern der Protagonistin Tanja vor die Nase zu halten und in Dauerschleife abspielen zu lassen.

1980 ist Tanja 14 Jahre alt. Sie liest und fotografiert gerne, später könnte sie sich vorstellen, Dichterin zu werden. Als sie mit ihren Eltern eine Vernissage besucht, trifft sie Eg zum ersten Mal. Eg ist damals 46 und ein angesehener Schriftsteller. Einer, über den die Frauen sagen, er sei rücksichtsvoll, klug und charmant. Als Freund der Familie kommt er mit Tanja ins Gespräch, es ist ein Leichtes für ihn, ihre Aufmerksamkeit und Faszination auf sich zu ziehen. Mit der Bitte, ihm einen Brief zu schicken, schiebt Eg der Teenagerin einen kleinen Zettel zu. Neben seiner Adresse prangt ein kleines Herz.

Von nun an ist Eg in Tanjas Leben - und permanent in ihrem Kopf. Sie fangen an, Briefe auszutauschen, anfangs über Alltägliches, dann über ihre unerschütterliche Liebe. Es sind vor allem Egs Briefe an die 14-Jährige, die vor Kitsch triefen. Tanja sei die Schönste, Klügste, Liebste, schreibt er, und die Welt mit ihren bürgerlichen Normen würde ihre Liebe ohnehin nur schwer verstehen.

Tanja ist 15, als es passiert

Das Teenager-Mädchen saugt die Worte auf, zum ersten Mal verspürt sie Nähe, Leidenschaft und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Vor allem aber stopfen die Briefe die Einsamkeit in Tanjas Leben. Sie ist das jüngste von drei Kindern, kam, "als sich niemand mehr so richtig ein Baby gewünscht hatte". Die Familie lebt abgeschieden im schwedischen Wald. Tanjas Eltern sind ganz mit sich selbst beschäftigt: Der Vater, ein Künstler, der Tanja in einer depressiven Episode einmal an den Kopf warf, sie solle doch Blausäure trinken. Und eine Mutter, eigentlich liebevoll, wenn sie nicht so viele Sorgen und Arbeit in ihren Ehemann stecken müsste.

Tanja hat das Gefühl, Eg ist das einzig Aufregende und das wirklich Herzliche in ihrem Leben. Zu ihrem ersten Treffen braucht der erwachsene Mann sie nicht mehr drängen. Als Eg im Restaurant beobachtet, dass Tanja ihre Spaghetti "wie ein Kind" isst, so sagt er, findet er das "wundervoll" und "unverdorben". Nach diesem Treffen dauert es nicht mehr lange, bis Eg ihre Beziehung auch körperlich werden lässt. Tanja ist gerade 15, als Eg sie entjungfert. Sie ist verwirrt und überfordert, doch Eg hat längst die Deutungshoheit über ihre Gefühle. Sie sei kein Kind, sie sei etwas Besonderes, sagt er. Tanja glaubt seinen Worten über ihre ehrliche Liebe auf Augenhöhe. Nach und nach verliert sie den Kontakt zu Gleichaltrigen. Stattdessen führt die Teenagerin jahrelang, neben der Schule, das Leben der Partnerin eines mehr als 30 Jahre älteren Schriftstellers.

Die Geschichte von Tanjas Kindheit und Jugend gleicht jener der Autorin selbst. "In meinem Buch greife ich auf eigene Erfahrungen zurück", sagte Gernes im Interview mit "3sat-Kulturzeit". Die Dänin ist mittlerweile 60 Jahre alt, bisher veröffentlichte sie Gedichte. "Ein Mädchen verließ das Zimmer" ist ihr Debütroman. Sie habe lange gebraucht, um die richtige Sprache für ihre Erfahrungen zu finden, sagt sie.

Schonungslos und brutal

Gernes' Sprache macht ihren Roman zu einer Art Kunstwerk. Innerhalb einer Seite wechselt sie zwischen lyrischen Passagen, die Tanjas Gefühle noch heftiger nachhallen lassen, und brutaler Klarheit. Es genügt dann eine einzige Beobachtung ihrer Protagonistin, um der Leserin ein Verhältnis oder einen Charakter näherzubringen. Etwa, dass Tanjas Vater ständig Dinge auf der Rückbank seines Autos kutschierte, "als hätte er vergessen, dass er auch noch eine Tochter hatte, die ein bisschen Platz brauchte".

Die Schonungslosigkeit in Sprache und Handlung macht diesen Roman zu einer harten Leseerfahrung. Die Leserin wird, Schritt für Schritt, Zeuge der Manipulation eines Mädchens und schließlich des sexuellen Missbrauchs. Tanja beschreibt, wie Eg sich an ihr "bediente", wie sie da lag und sich nicht bewegte, nicht verstecken konnte. Und sie beschreibt, wie sehr sie Eg zu lieben glaubte.

Dem Lesenden ist dabei schmerzlich bewusst, was die 14-jährige Tanja nicht wissen konnte: Das, was die Teenagerin Liebe nennt, ist Abhängigkeit. Eg hat diese - bewusst - geschaffen. Er hat den Machtunterschied, ihr junges Alter und die jugendliche Naivität ausgenutzt, um seine pädophilen und narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Grooming nennt man das heute, in Deutschland stehen darauf bis zu fünf Jahre Haft.

Warum hat sie keiner geschützt?

Doch Ekel und Entrüstung beziehen sich in diesem Roman nicht nur auf Eg. Durch einen literarischen Kniff der Autorin wird der Blick über das Geschehen geweitet. So erzählt Gernes Tanjas Geschichte auf zwei Zeitebenen - sie lässt die erwachsene Tanja auf ihre Kindheit und Jugend zurückblicken. Das führt für die Protagonistin zur entscheidenden und gleichzeitig niederschmetternden Frage: Warum hat sie keiner geschützt?

In dem eingangs erwähnten Fernsehspot ging es um damals neue Gefahren in der digitalen Welt, für die Eltern sensibilisiert werden sollten. Der Clip fand Gehör, vor allem weil seine Absurdität ins Auge sprang: Niemand würde sein Kind einem fremden Mann, noch dazu mit offensichtlichen Absichten, in die Arme drücken. Es ist das Minimum der Schutzfunktion, die Eltern und Umgebung für Kinder haben. In Tanjas Fall scheiterten sie jedoch bereits daran.

So wissen die Eltern des Mädchens von der Flut an Briefen, die ihr ein erwachsener Mann schreibt. Schnell erfahren sie auch von den Treffen, tun jedoch kaum etwas dagegen. Im Gegenteil, Tanja täte der Kontakt mit einem erfahrenen Schriftsteller sicherlich gut, sagt ihre Mutter einmal. Schließlich schiebt sie ihrer Tochter, wenn auch unter Tränen, Geld für Kondome zu und spricht ihr ins Gewissen, als sich Tanja endlich von Eg lossagen will.

Es gibt "kein Davor"

Tanja und Eg führen ihre Beziehung offen, der Missbrauch geschieht vor aller Augen. Doch weder die Angestellte am Theater noch Bekannte an der Dinner-Tafel oder enge Freunde aus der Kunst-Szene stoßen sich an dem ungleichen Paar. Ob Eg "seine Lolita" mitgebracht habe, will nur einmal einer wissen. Ihre Eltern wüssten Bescheid, heißt es darauf, damit ist das Thema vom Tisch. Die Kunst-Schickeria der 1980er Jahre scheint die Beziehung zu akzeptieren, mehr noch: für normal zu halten.

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"Das waren andere Zeiten", ist ein Satz, der im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen und unangebrachtem Verhalten in früheren Zeiten des Öfteren zu hören ist. Ein kurzer Satz, der die Schuld der Verantwortlichen ein Stück weit ausradiert; der das Wegschauen in gewisser Hinsicht legitimiert. Für Tanja lassen sich die Konsequenzen jedoch nicht ausradieren. Sie hat durch das Verhalten von Eg, den Missbrauch und das Nichtstun ihrer Nächsten ihre Kindheit und Jugend unwiderruflich verloren. Für sie gab es "kein Davor" mehr, in das sie zurückkehren konnte. "Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen."

Sie wisse, dass viele andere Frauen diese Erfahrung ebenfalls gemacht haben, sagte Autorin Gernes zu "3sat". "Deshalb müssen diese Erzählungen und Geschichten ans Licht kommen." Und genau das ist der Grund, warum sich jede der 384 Seiten dieses gleichermaßen wundervoll geschriebenen und psychisch herausfordernden Romans zu lesen lohnt.

Quelle: ntv.de

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